|
Franz Wegener Der Alchemist Franz Tausend - Alchemie und Nationalsozialismus Gladbeck: Kulturförderverein Ruhrgebiet, 2006. – 165 Seiten.
Adolf Burger Des Teufels Werkstatt - Die größte Fälscheraktion der Geschichte München: Elisabeth Sandmann Verlag, 2007. – 280 Seiten.
In seinem Buch „Geld und Magie“ über den zweiten Teil von Goethes „Faust“ hat Hans Chr. Binswanger die Papiergeldschöpfung am Kaiserhof als moderne Alchemie interpretiert, mit der
Fausts „großes Werk“ der modernen Zivilisation finanziert wurde. Noch viel teuflischer als Fausts Pakt mit Mephistopheles waren die fehlgeschlagenen Versuche rechtsradikaler Kreise nach dem ersten Weltkrieg,
die von den Siegermächten geforderten Reparationen in Höhe von 132 Milliarden Goldmark mit künstlich erzeugtem Gold zu bezahlen, und die gelungenen Versuche des NS-Regimes, sich mit Hilfe von gefälschtem
Papiergeld in den Besitz von Gold zu bringen.
● Franz Wegener rekonstruiert die von völkischen und okkultistischen Kreisen sowie von Industriellen wie Krupp und Mannesmann unterstützten Bestrebungen
des „Goldmachers“ Franz Tausend, auf künstlichem Wege Gold herzustellen. Damit sollten die Währungen der Siegerländer des ersten Weltkriegs inflationär entwertet und das internationale, auf angeblich
‚jüdischem Gold’ beruhende Währungssystem unterminiert werden. (S. 74-78, 128-132) Wegen seiner Betrügereien wurde Franz Tausend schließlich 1931 vor Gericht gestellt. Während der NS-Zeit wirkte er aber
weiter.
● Zunächst griffen Nationalsozialisten oberflächlich Begriffe aus der Geld- und Bodenreform auf, um sie im Sinne ihrer antisemitisch-rassistischen Ideologie („Brechung der
Zinsknechtschaft“) zu pervertieren und sie als Köder zur Gewinnung von sozial entwurzelten Menschenmassen zu missbrauchen. Nachdem sie die politische Macht in Deutschland erobert hatten, gingen sie zur
Finanzierung von Rüstungsproduktion, Krieg und Holocaust mittels einer großen Inflation über. Und während des Zweiten Weltkriegs steigerten die Nationalsozialisten ihre Perversion von Einsichten in die Bedeutung
der Geldmengensteuerung für die Stabilität von Währungen, indem sie ausländisches Geld - vorwiegend britische Pfundnoten - fälschten und dieses Falschgeld gleichsam als Waffe gegen die
sog. „Feindstaaten“ einsetzten.
An diese größte Geldfälscheraktion der Geschichte erinnert der aus der Slowakei stammende ehemalige KZ-Häftling Adolf Burger mit seinem Buch „Des
Teufels Werkstatt“. Dieses Buch bildet die Vorlage für den Film „Die Fälscher“, der im vergangenen Frühjahr in die Kinos kam und in einer erschütternden Weise vor Augen führte, was sich während des
Zweiten Weltkriegs in den Baracken 18 und 19 des Konzentrationslagers Oranienburg-Sachsenhausen zugetragen hat. Auf Befehl von Himmler wurden diese beiden Baracken vom Reichssicherheitshauptamt mit Stacheldraht und
Sichtschutz vom übrigen KZ „vollkommen isoliert“, um darin unter der Leitung von SS-Sturmbandführer Bernhard Krüger eine geheime Geldfälscherwerkstatt einzurichten. Im Rahmen dieser „Operation Bernhard“
wurden eine Buchdruckerei, eine Abteilung fĂĽr Lichtdruck, Offset, ein Fotolabor, eine Abteilung fĂĽr Retuschen, eine Buchbinderei, eine Setzerei, eine Werkstatt fĂĽr Graveure und ein Kontrollraum fĂĽr die
gefälschten Banknoten mit modernsten Maschinen und Geräten ausgestattet. (S. 120) Gemäß der NS-Ideologie, wonach Juden besondere Kenntnisse über das Geld hätten, rekrutierte die SS für diese „größte
Fälscheraktion der Geschichte“ aus dem KZ Auschwitz und anderen KZs 144 jüdische Häftlinge, die zuvor Berufe als Drucker, Graveure, Typografen, Chemiker und Bankangestellte ausgeübt hatten. Unter Androhung
ihrer Ermordung wurden sie von 1942 bis 1945 gezwungen, in großem Stil Pässe, Dokumente, britische Briefmarken und vor allem britische Pfundnoten zu fälschen.Burger und seine Mithäftlinge lebten in der
ständigen Gewissheit, dieser teuflischen Fälscherwerkstatt niemals lebend entrinnen zu können. „Eine vom Nazi-Staat errichtete Geldfälscherwerkstatt bedeutet ein Staatsgeheimnis, dessen Zeugen nur der Tod
erwartet.“ (S. 119)
Das Falschgeld „sollte entweder über England abgeworfen oder auf dem Umweg über neutrale Staaten eingeschleust werden, und zwar in so großen Mengen, dass dadurch die
englische Währung ins Wanken geraten würde. SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich rechnete damit, dass sich gefälschte Pfundnoten im neutralen Ausland auch in echte, dringend benötigte Devisen umtauschen
ließen.“ (S. 127, 143-144)
Für den Vertrieb des Falschgeldes richtete der Sicherheitsdienst der SS ein weltweites Vertriebsnetz ein und „benutzte die gefälschten Noten, um damit in
besetzten, verbündeten und neutralen Staaten, aber auch in feindlichen Ländern ‚legal’ oder auf den entstandenen Schwarzmärkten Gold, Edelsteine, Schmuck oder Valuten aufzukaufen. … Bei Kriegsende hätte
das Falschgeld, wäre es in den englischen Umlauf gekommen, 40 Prozent des echten in Umlauf befindlichen Geldes betragen.“ (S. 157-158) Mit der Einstufung der gefälschten Pfundnoten als echt durch die Bank of
England und der ‚Bezahlung’ von Gold mit Falschgeld erreichte die perfide nationalsozialistische Alchemie schließlich ihren grauenhaften Erfolg.
Der Sicherheitsdienst der SS ordnete auch
noch die Fälschung von amerikanischen Dollarnoten an. Dabei ergaben sich jedoch technische Probleme und einige mutige Häftlinge versuchten sogar, die Produktion von Dollars durch ihre unauffällige Verlangsamung
zu sabotieren. (S. 163ff) Aufgrund des Vorrückens der Roten Armee befahl die SS im März 1945 die Verlegung der Geldfälscherwerk aus dem KZ Sachsenhausen in ein Außenlager des KZs Mauthausen (Österreich). Noch
bevor die Produktion der falschen Dollarnoten dort fortgesetzt werden konnte, wurden 137 Angehörige des Fälscherkommandos Anfang Mai 1945 von Amerikanern befreit. Währenddessen ließen NS-Funktionäre zahlreiche
Metallkisten mit Falschgeld, Devisen, Gold und Akten im Toplitzsee im Salzkammergut versenken, um die Spuren ihrer Untaten zu vertuschen. (S. 245) Einige davon wurden später von Tauchern aus 150m Tiefe geborgen.
Adolf Burgers Erinnerungen sind mit dem Leitspruch überschrieben: „Damit nie vergessen werde, was geschah.“
|
|