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Barbara RoĂmeiĂl: Tauschhandel in Argentinien |
Kapitel IV.
IV. Grenzen und Probleme des Tauschsystems
1. Negative Auswirkungen auf die herkömmliche Wirtschaft 2. Die AbhÀngigkeit vom offiziellen Wirtschaftskreislauf
2.1 Die begrenzten Produktionsmöglichkeiten 2.2 Die begrenzten Möglichkeiten angesichts der zunehmenden Verarmung
3. Die Probleme des Crédito 3.1 PreisinstabilitÀt in den Nodos 3.2 Das Risiko der begrenzten Akzeptanz des Crédito 3.3 Exkurs: Die StabilitÀt der ParallelwÀhrung auf dem Land
3.4 Geldmenge und transparente Emission 3.5 Landesweite oder lokale ParallelwÀhrung?
4. Die kritische GröĂe eines Clubs: zwei KrĂ€fte im Widerstreit 4.1 Notwendiges GröĂenwachstum und Produktvielfalt
4.2 Das soziale Kapital der Gruppe 4.2.1 Ausbeutungstendenzen in groĂen Gruppen
4.2.2 Die Vorteile des dichten Kommunikationsnetzes kleiner Gruppen Anmerkungen zu Kap. IV
IV. Grenzen und Probleme des Tauschsystems
Trotz des beachtlichen Beitrags, den der
Trueque zur Erleichterung der wirtschaftlichen Krise in den einzelnen Haushalten leisten kann, stöĂt er dabei auch an seine Grenzen. ZunĂ€chst stellt sich die Frage, ob die Parallelökonomie nicht auch negative
Auswirkungen auf das regulÀre Wirtschaftssystem hat. Daneben sind einige systemimmanente Probleme des Trueque zu beobachten, die sich gerade in der Zeit seines unkontrollierten Wachstums zuspitzten und letztendlich
seinen abrupten Einbruch herbeifĂŒhrten. Doch worin liegt diese InstabilitĂ€t des Systems begrĂŒndet? Hier ist zunĂ€chst die AbhĂ€ngigkeit des Trueque von den Gegebenheiten des offiziellen Wirtschaftssystems zu
analysieren, die sich in ihm reflektieren. Inflation und Preisbildungsprobleme machen daraufhin eine geldtheoretische Betrachtung der Crédito-WÀhrung notwendig. Schnell wird deutlich, dass das System eine gewisse
GröĂe nicht ĂŒberschreiten darf und zudem starker Kontrollmechanismen bedarf, um vor Ausbeutung durch seine Akteure gefeit zu sein und das Vertrauen der Prosumenten zu erhalten.
1. Negative Auswirkungen auf die herkömmliche Wirtschaft
Betrachtet man die weite Verbreitung des Trueque in Argentinien, der die Versorgung von immerhin fast einem Viertel der Bevölkerung zu einem groĂen Teil sicherte, so stellt sich die berechtigte Frage,
ob diese Parallelwirtschaft nicht negative Auswirkungen auf die ohnehin krisengebeutelte regulÀre Wirtschaft hat. In der Tat sind hier vor allem zwei Aspekte zu bedenken. Wer im Tauschclub kauft, kauft die
entsprechenden Produkte nicht mehr im Supermarkt, in der BĂ€ckerei, etc. Organisiert sich ein Nodo gut und kann z.B. Brot durch gemeinsame Arbeit und EinkĂ€ufe der Zutaten zu GroĂhandelspreisen ausreichend und
kostengĂŒnstig herstellen, kann dies örtliche BĂ€ckereien gerade in Inflationszeiten wie Anfang 2002 durchaus beeintrĂ€chtigen. Voraussetzung ist aber eine sehr gute Organisation der Prosumenten, die Existenz
ausreichender ProduktionskapazitÀten und Investitionskapital - Faktoren, die in der Regel nicht geben sind [97]. Daneben stellt sich die Frage, ob die Teilnehmer angesichts der gestiegenen Preise nicht ohnehin
versuchen, ihren Lebensmittelbedarf, z.B. an Brot, durch Eigenproduktion abzudecken. AuĂerdem steht ihnen durch den Kostensenkungsvorteil der Parallelökonomie ein gröĂerer Teil ihres Einkommens fĂŒr Konsumzwecke
zur VerfĂŒgung, wodurch sie gewisse Produkte zwar nicht mehr im offiziellen Handel kaufen, dafĂŒr aber wiederum andere erwerben, die sie sich sonst vielleicht nicht leisten könnten. Ăber die tatsĂ€chliche
BeeintrÀchtigung des lokalen Einzelhandels durch die TauschaktivitÀten liegen bislang keine Erkenntnisse vor, negative Auswirkungen wurden weder von den GesprÀchspartnern dieser Arbeit noch in der Tagespresse
sonderlich beobachtet. Ein weiteres heikles Thema ist der Ausfall staatlicher Steuereinnahmen durch die Tausch-Transaktionen, fĂŒr die ja keine Mehrwertsteuer abgefĂŒhrt wird. Auch unterliegen die
CrĂ©dito-EinkĂŒnfte der im Trueque tĂ€tigen Prosumenten keiner Besteuerung, und auch SozialbeitrĂ€ge werden nicht fĂŒr sie abgefĂŒhrt. Dies ist in der Tat ein Problem, das Tauschringe weltweit bei Finanzbehörden
unbeliebt macht. Im Falle Argentiniens ist hier allerdings eine AbwĂ€gung der Vor- und Nachteile angebracht, schlieĂlich hat der Wohlfahrtsstaat dort keinerlei Möglichkeiten, der Armut von ĂŒber 50% der
Bevölkerung zu begegnen, wĂ€hrend der Trueque als Zivilorganisation das Ăberleben der Betroffenen zum Teil zu sichern vermag. Fernando Sampayo, Leiter des Trueque Zona Oeste betont: Si bien al Estado le
produce perjuicio esta economĂa paralela, Ă©ste tendrĂa mĂĄs perjuicio sĂ el Trueque no existiese, porque el Estado deberĂa alimentar a todos esos indigentes que en estos momentos estĂĄn subsistiendo,
trabajando, produciendo. [98]
Staat, Provinzen und Kommunen haben sich daher in vielen FĂ€llen fĂŒr den Trueque eingesetzt. In einigen StĂ€dten bzw. Kommunen erfolgten sogenannte Declaraciones de InterĂ©s,
welche die AktivitĂ€ten des Trueque anerkannten und ihnen in vielen FĂ€llen UnterstĂŒtzung zusagten. 2001 erfolgte in Buenos Aires eine Vereinbarung zwischen der SecretarĂa de la Pequeña y Mediana Empresa [99]
(SEPYME) und der RGT, nach der âse promueve en todo el paĂs el truequeâ. [100] Einige wenige Kommunen begannen ferner, Steuerzahlungen in CrĂ©ditos zu akzeptieren, unter anderem in CalchaquĂ (Provinz Santa
Fe), Chacabuco (Provinz Buenos Aires) und Quilmes (GroĂraum Buenos Aires). Angesichts dieser Entwicklungen scheinen die Vorteile des Trueque seine Nachteile auf das regulĂ€re Wirtschaftssystem und die
Staatsfinanzen deutlich zu ĂŒberwiegen.
2. Die AbhÀngigkeit vom offiziellen Wirtschaftskreislauf
2.1 Die begrenzten Produktionsmöglichkeiten
Wie bereits erlÀutert wurde, ist das Ziel einer Teilnahme am Trueque, die AbhÀngigkeit vom Geld und den MÀrkten der herkömmlichen Wirtschaft zu verringern. Gleichzeitig ist es dabei aber nicht
möglich, sich vollstĂ€ndig aus der regulĂ€ren Wirtschaft zurĂŒckzuziehen: Das begrenzte GĂŒterangebot verhindert, dass die Mitglieder ihren Gesamtbedarf ĂŒber die Nodos abdecken können. Hinzu kommt, dass alle der
im Trueque getauschten GĂŒter und Dienstleistungen die Verwendung von Produktionsmaterial und âmitteln der herkömmlichen Wirtschaft voraussetzen. Dies gilt insbesondere fĂŒr die angebotenen Gebrauchtwaren, die
vollstÀndig im regulÀren System produziert wurden und unverarbeitet in den Trueque transferiert werden. Doch auch zur Produktion der Prosumenten werden z.B. Maschinen, Werkzeug und Energie oder auch
Grundnahrungsmittel wie Mehl, Zucker oder Speiseöl benötigt, die nur ĂŒber den herkömmlichen Markt gegen offizielles Geld erhĂ€ltlich sind. Dasselbe gilt fĂŒr die Dienstleistungen, deren Hilfsmittel, z.B. die
Schere als Werkzeug des Friseurs, aus der regulĂ€ren Wirtschaft stammen. Dies macht deutlich, dass der Trueque ausschlieĂlich komplementĂ€r zur normalen Ăkonomie funktionieren kann, keineswegs aber ein autonomes
Alternativmodell darstellt. Wir erkennen weiterhin, dass fĂŒr das Angebot von Leistungen innerhalb des Systems ein Mindestkapital in der offiziellen WĂ€hrung notwendig ist, gleichzeitig aber die
Investitionsmöglichkeiten der Mitglieder sehr gering sind. Hier wird zum einen die Notwendigkeit gespaltener Preise in den Nodos deutlich. Damit ein Anbieter weiterhin Produktionsmaterial auf dem herkömmlichen
Markt beziehen kann, ist er oft darauf angewiesen, seine Materialkosten in Peso zu erhalten und wird nur seine Arbeitszeit in Créditos abrechnen, um die Peso wiederum in Materialbeschaffung reinvestieren zu
können. (Aus diesem Grunde ist die Ablehnung dieser Doppelpreise in vielen Nodos der RTS nicht sinnvoll.) Das spÀrliche Investitionsniveau der Prosumenten begrenzt aber vor allem den Möglichkeitsrahmen der
AktivitĂ€ten, die sich realisieren lassen, ebenso wie die verwendbaren Technologien und damit natĂŒrlich auch die BedĂŒrfnisse, die sich ĂŒber die Nodos befriedigen lassen. Viele Produkte und Dienstleistungen sind
daher nicht in den Nodos erhĂ€ltlich, âpor su complejidad y especificidad y requerimientos de producciĂłn y distribuciĂłn. Es el caso de los medicamentos, los servicios publicos o los combustibles.â [101] Auch
Grundnahrungsmittel, die erst gegen Pesos erworben werden mĂŒssen, um sie dann gegen CrĂ©ditos einzutauschen, sind daher nicht ausreichend vorhanden. Was die Produktion im Parallelsystem betrifft, bietet der Trueque
nur Raum fĂŒr die Herstellung einfacher Produkte, welche mit der aus BerufstĂ€tigkeit bzw. Haushalt bereits vorhandenen Technologie bewĂ€ltigt werden kann. Und auch hier ist die Produktionsausweitung begrenzt durch
den nötigen Zukauf des Produktionsmaterials (z.B. Zutaten fĂŒr Brot) und die geringen vorhandenen ProduktionskapazitĂ€ten (z.B. ein einfacher Haushaltsbackofen), was zu einer âproduccion escasa, artesanal y de
baja productividadâ [102] fĂŒhrt. Gerade im begehrten Lebensmittelbereich liegt daher das Angebot im Regelfall unterhalb der Nachfrage: Zum Beispiel können die Produzenten von Brot in der Regel nicht in
ausreichenden Mengen zur Versorgung aller Teilnehmer produzieren. Oftmals bildeten sich daher bereits einige Stunden vor Beginn des Tauschmarktes lange Schlangen, um die begehrten Produkte zu erwerben. Dieses
Problem unzureichender Lebensmittelversorgung tritt vor allem in den stĂ€dtischen Nodos auf, weiĂ Professor Marchini. [103] In lĂ€ndlichen Regionen herrscht ein deutlich gröĂeres Angebot an Lebensmitteln, da
viele Teilnehmer Bauern oder Haushalte mit Eigenanbau sind. [104] Ferner verfĂŒgt die Landbevölkerung noch ĂŒber das notwendige Wissen fĂŒr Anbau und Verarbeitung von Nahrungsmitteln, was in der Stadt bereits
gröĂtenteils verloren gegangen ist, obwohl auch dort viele durchaus die Möglichkeit hĂ€tten, im eigenen Garten oder in KĂŒbeln Pflanzen und KrĂ€uter anzubauen und im Club zu verkaufen. Die bessere
Lebensmittelversorgung ist ein Grund, warum der Trueque auf dem Land stabiler funktionieren kann als in der Stadt. Neben der externen InvestitionsbeschrÀnkung hat sich der Trueque zusÀtzlich eine interne
BeschrĂ€nkung auferlegt: Es ist verboten, CrĂ©ditos in hohem MaĂe zu akkumulieren, er ist vielmehr auf seine Funktion als von Hand zu Hand gehendes Umlaufmittel begrenzt. WĂ€ren notwendige InvestitionsgĂŒter
innerhalb des Systems verfĂŒgbar, wĂŒrde dieses Akkumulationsverbot ihren Erwerb verhindern. Die Parallelwirtschaft des Trueque ist also in hohem Grade von der herkömmlichen Wirtschaft abhĂ€ngig. Sie baut auf
deren Produkten und Technologien auf und benötigt Kapital der regulĂ€ren WĂ€hrung, um Produktionsmittel fĂŒr ihre eigene Produktion zu erwerben. Diese BeschrĂ€nkungen machen den Trueque zu einer âeconomĂa de
subsistenciaâ [105] (Subsistenzwirtschaft), die ihren Beteiligten in wirtschaftlichen Notsituationen zwar einige Leistungen erbringen kann, die dem haushaltlichen Bereich, bzw. dem unmittelbaren Wohnumfeld
zuzurechnen sind, gleichzeitig aber durch die fehlenden Investitionsmöglichkeiten die Existenzsicherung der Beteiligten nicht vollstĂ€ndig garantieren kann, was diese wiederum auf den regulĂ€ren Markt zurĂŒckwirft.
2.2 Die begrenzten Möglichkeiten angesichts der zunehmenden Verarmung
Die Notwendigkeit eines Mindestkapitals fĂŒr Investitionen bewirkt, dass die
Aktionsmöglichkeiten innerhalb des Trueque letztendlich von den individuellen EinkommensverhĂ€ltnissen der Prosumenten abhĂ€ngen. WĂ€hrend die verarmte Mittelklasse noch verhĂ€ltnismĂ€Ăig viel investieren kann,
bzw. auch aufgrund ihrer besseren Ausbildung hochwertige Dienstleistungen anbieten und dadurch mehr Créditos zur Versorgungsabdeckung generieren kann, ist dies in den Sectores Populares bereits nur mehr
eingeschrĂ€nkt und bei völlig mittellosen Personen ĂŒberhaupt nicht mehr möglich. Die arme Bevölkerungsschicht kann sich daher ĂŒber den Trueque deutlich weniger besserstellen, die Unterschiede im Geldbesitz von
Arm und Reich des regulĂ€ren Systems ĂŒbertragen sich also in der Regel auf die Parallelökonomie. ZusĂ€tzlich bewirkt eine zunehmende Verarmung der Bevölkerung, wie wir sie durch den Corralito und den
Preisanstieg der Lebensmittel auf dem offiziellen Markt zu Beginn des Jahres 2002 beobachten, auch eine Verarmung der Produktlandschaft der Nodos. Gerade der Anteil der ohnehin unzureichend vorhandenen Lebensmittel
sank daher deutlich im VerhÀltnis zu den Gebrauchtwaren, wÀhrend ihre Preise (in Créditos) knappheitsbedingt stark stiegen. Gleichzeitig aber setzte sich in diesem Zeitraum der massive Eintritt von verarmten
Teilnehmern aus den Sectores Populares auch in die Nodos der Mittelklasse fort. Da diese arme Schicht von der Inflation, die die Wirtschaftskrise mit sich brachte, besonders betroffen war, konnte sie nur das
anbieten, was sie noch hatte: Gebrauchte Kleidung und andere Produkte oft mangelhafter QualitĂ€t. Selbst aber fragte sie in erster Linie die ohnehin schon spĂ€rlich gewordenen Lebensmittel nach. Das ursprĂŒnglich
ĂŒberwiegend von der Mittelklasse getragene Versorgungssystem begann, durch die drastische Abnahme an Lebensmitteln und die sinkende QualitĂ€t des Angebots Interessenten zu verlieren: Al principio hubo
alimentos, después desaparecieron casi por completo. Y si entontrabas, su precio era muy alto y muchas veces eran de dudosa calidad. Hubo ropa usada en abundancia, pero no me preguntes en qué condiciones estaba.
HabĂa gente que ni siquiera la traĂa lavada, planchada y bien arreglada. Llegaron con las cosas sucias y rotas. Ese era el momento cuando ya no conseguĂas muchas cosas interesantes por los crĂ©ditos. [106]
Es zeigt sich also, dass die Teilnehmer gerade in Zeiten ihrer zunehmenden Verarmung, in denen sie auf die Versorgungsmöglichkeiten des Trueque verstÀrkt angewiesen wÀren, nur noch einen geringeren Teil ihrer
BedĂŒrfnisse ĂŒber den Parallelmarkt abdecken können. Dieser tendiert dazu, zunehmend zu einem Gebrauchtwarenmarkt zu werden, in der Besitz verĂ€uĂert wird, der in besseren Zeiten erworben wurde. Die Produktion
der Prosumenten nimmt ab, gleichzeitig aber kann der Tausch sekundĂ€rer GĂŒter nur solange fortdauern, wie die Teilnehmer darĂŒber verfĂŒgen. Durch die Abnahme der Versorgungsmöglichkeiten verliert das System an
StabilitĂ€t, da Teilnehmer, die ihre CrĂ©ditos aufgrund des fĂŒr sie uninteressanten Angebots nicht mehr ausgeben können, aus dem System austreten. Viele Koordinatoren betonen daher, der Trueque sei nicht
âdestinado a los sectores demasiado carenciados, sino solamente apto para la clase media porque se necesita capital mĂnimo para producirâ [107]. Das Parallelsystem hat also nur begrenzte Möglichkeiten, einem
rapiden und weit greifenden Verarmungsprozess entgegenzuwirken und ist selbst ein Markt, der nicht alle teilnehmen lÀsst.
3. Die Probleme des Crédito
Die groĂe
Umlaufmenge und der Verbreitungsgrad der Créditos als Zahlungsmittel zeigt, dass es sich hier nicht um eine Randerscheinung von geringer Bedeutung handelt. Der Crédito ist Àhnlich der Vielzahl provinzieller
Quasi-Gelder [108] ein âGeldsubstitutâ [109], das in begrenztem Rahmen Geldfunktionen ausĂŒbt und somit starke GeldnĂ€he [110] besitzt. Von den ĂŒblichen Geldfunktionen ĂŒbernimmt er in erster Linie die
Tauschmittelfunktion. Da ihn manche Gemeinden auch zur Steuerzahlung zulassen, erhÀlt er dort zusÀtzlich Zahlungsmittelfunktion. Von den Organisatoren wird immer wieder betont, dass er nicht zur Wertaufbewahrung
dient, sondern lediglich ein Werkzeug ohne eigenen Wert ist. Damit ist der Einzelne nicht âdueño de un valor, sino usuario de un servicio que caducaâ [111] mit der RĂŒckgabepflicht bei Austritt aus dem
Tauschsystem. Trotz ihrer einfachen Handhabbarkeit weist die NebenwÀhrung einige SchwÀchen auf, die teilweise denen der herkömmlichen WÀhrung sehr Àhnlich sind.
3.1 PreisinstabilitÀt in den Nodos
Wir wissen, dass das Modell des Trueque theoretisch eine Preisbildung im VerhÀltnis von 1:1 zwischen Crédito und Peso vorsieht. Sinn und Zweck dieser Anlehnung an die offiziellen Preise ist, den
Prosumenten Orientierungshilfe bei der Festlegung der Preise ihrer Leistungen zu geben und Feilschen zu verhindern. In der Praxis stellte sich aber heraus, dass die Preise innerhalb der Nodos von Anfang an stets um
50 â 200% höher lagen als ihr Gegenwert in Peso. Woran liegt das? Hier spielen wie im herkömmlichen Wirtschaftssystem die Regeln von Knappheit, Gewinnstreben und Preisspekulation eine groĂe Rolle, die auch
durch das begrenzte Angebot gefördert werden. Die Clubs sind nichts anderes als eigenstÀndige MÀrkte, in denen Angebot und Nachfrage die Preise bestimmen. Die KnappheitsverhÀltnisse unterscheiden sich von denen
auĂerhalb des Trueque und auch zwischen einzelnen Nodos. So sind z.B. Lebensmittel aufgrund ihrer hohen Nachfrage ein sehr knappes Gut, wĂ€hrend gebrauchte Kleidung im Ăberfluss vorhanden ist. Daher sind vor allem
bei Lebensmitteln die CrĂ©dito-Preise oft wesentlich teurer als im herkömmlichen Markt. Der Nachfrager ist aber gerade auf diese GĂŒter angewiesen und empfindet entweder die Transaktionskosten zu hoch, um billigere
Nodos aufzusuchen, oder fĂŒrchtet das Risiko, dort nichts zu bekommen. Daher ist er eher bereit, ĂŒberhöhte Preise, die nicht mehr im VerhĂ€ltnis zum eigentlichen Kosten- und Arbeitsaufwand des Anbieters stehen, zu
bezahlen: Por ejemplo, cuando hay limitación de oferta, la demanda compra todo a diversos precios (las tartas a 4¹ desaparecen primero, pero después las de 8¹), sin formarse un precio normal que refleje
la equivalencia del trabajo gastado. [112]
Auf dem Land dagegen ist das Angebot an Lebensmitteln deutlich gröĂer und es fehlt eher an GĂŒtern aus industrieller Fertigung, die aus der Stadt kommen.
Waren wie Grundnahrungsmittel (z.B. Mehl, Ăl, Yerba Mate), die unverarbeitet im Nodo angeboten werden, sollen fĂŒr den Einzelnen, der sie im regulĂ€ren Markt gegen Peso kaufen muss, zum Club bringt und dort
anbietet, auch eine Art Gewinn als EntschĂ€digung fĂŒr seinen Aufwand abwerfen. Somit addiert er zu dem Preis, den er fĂŒr diese GĂŒter in Peso bezahlt hat, eine Gewinnmarge, die aufgrund der Knappheit dieser
Produkte im Nodo sehr hoch ausfallen kann, und determiniert so einen höheren Verkaufspreis in CrĂ©ditos: âPorque la gente tambiĂ©n con el afĂĄn de especular, te vendĂa, por ejemplo azĂșcar, te lo vendĂa en
5Âą.â [113]
Gerade bei diesen GĂŒtern, die auf dem herkömmlichen Markt erworben werden mĂŒssen, wird uns auch ein weiteres Problem bewusst: Steigen die Peso-Preise, mĂŒssen automatisch auch die
CrĂ©dito-Preise steigen. Das Tauschsystem kann sich also nicht vor einer Inflation der regulĂ€ren Wirtschaft schĂŒtzen, sondern importiert sie durch seine AbhĂ€ngigkeit. Bei vielen GĂŒtern und
Dienstleistungen ist es schwer, ihren Wert zu schĂ€tzen, wenn es sie entweder im herkömmlichen System nicht gibt, bzw. die Teilnehmer nicht ĂŒber ihren Gebrauchtwert in Peso informiert sind. Wie viel ist z.B. eine
getragene Hose noch wert? Diese unvollstĂ€ndige Information bietet natĂŒrlich ebenfalls Anlass fĂŒr Preisspekulation und âlos precios llegan a ser arbitrarios y, por ende, altosâ [114].
Doch warum
akzeptieren KĂ€ufer die erhöhten Preise? Neben dem erwĂ€hnten Knappheitsargument gibt es im System immer Personen, die viel umsetzen und daher ĂŒber viele CrĂ©ditos verfĂŒgen, die sie wiederum gegen GĂŒter tauschen
wollen, dabei aber auf das begrenzte Sortiment des Trueque angewiesen sind. Ihre Kaufkraft ist dann im Vergleich zu dem Wert der fĂŒr sie interessanten Produkte relativ hoch. Bevor sie nun die jeweiligen Produkte
aufgrund ĂŒbertriebener Preise ablehnen, willigen sie in das GeschĂ€ft ein, um nicht auf ihren CrĂ©ditos sitzenzubleiben. Daraus erklĂ€rt sich auch das Verbot, die CrĂ©ditos zu akkumulieren. Es soll zum einen ein
Instrument gegen Preisspekulation sein und zum anderen verhindern, dass wenige mit ihrer hohen Kaufkraft die Produkte des Nodo aufkaufen, und fĂŒr den groĂen Rest nichts mehr ĂŒbrig bleibt. Die Tendenz zu
steigenden Preisen wirkt je nach Ausmaà destabilisierend auf das Tauschsystem, da mit zunehmender Inflation die Créditos der Prosumenten stÀndig an Wert verlieren, was bei den Teilnehmern zu Vertrauensverlust und
Austritt aus dem System fĂŒhren kann.
3.2 Das Risiko der begrenzten Akzeptanz des Crédito
Betrachten wir den Aspekt des limitierten Sortiments etwas genauer. Er hÀngt
unmittelbar zusammen mit der begrenzten Akzeptanz des Crédito, die sich ja auf das Parallelsystem beschrÀnkt. Dadurch ist die ParallelwÀhrung im Vergleich zur offiziellen WÀhrung mit einem höheren Risiko
verbunden. WÀhrend beim herkömmlichen Geld jeder als interessierter EmpfÀnger in Frage kommt, beschrÀnkt sich der Crédito auf die Akteure des Tauschhandels und auf deren Angebot. Verkauft jemand eine Ware und
erhÀlt Créditos, muss er erstens darauf vertrauen, dass die WÀhrung im Teilnehmerkreis weiterhin akzeptiert wird, was nicht verpflichtend ist [115], und zweitens darauf, dass er innerhalb des Angebots des
Tauschnetzes auch Leistungen finden wird, die fĂŒr ihn von Interesse sind, um die empfangenen Zahlungen selbst wieder fĂŒr KĂ€ufe verwenden zu können. Letztendlich beruht die Deckung der ParallelwĂ€hrung allein auf
der âcapacidad de producciĂłn y el compromiso de consumir en la Red, [quiere decir] la confianza que se tienen unos en otros, siendo todos los participantes responsables de todo.â [116] Angesichts des
qualitĂ€ts- und mengenmĂ€Ăig begrenzten und schwankenden Angebots ist das Risiko deutlich gröĂer, mit unzulĂ€nglichen Leistungen bedient zu werden bzw. nichts Interessantes zu finden und dadurch die verdienten
CrĂ©ditos nur langsam oder schlimmstenfalls gar nicht mehr tauschen zu können. Denn fĂŒr eine bestimmte Leistung gibt es je nach GröĂe des Nodo teilweise nur wenige Anbieter, die auch nicht immer regelmĂ€Ăig
prĂ€sent sind. Je geringer die Anzahl der Anbieter eines Produkts, desto gröĂer das Risiko fĂŒr den Nachfrager. Der Wegfall des einzigen Friseurs oder Arztes, z.B., macht den Trueque fĂŒr den Nachfrager sofort
wesentlich unattraktiver, da er in diesem Fall nicht, wie in der regulÀren Wirtschaft, auf einen anderen Anbieter ausweichen kann und daher unter UmstÀnden seine Créditos nicht mehr eintauschen kann, wenn er sich
nicht fĂŒr andere Produkte interessiert. SucediĂł muchas veces que no encontrĂ© lo que buscaba. Uno, a veces, va con la idea de comprar un cierto producto. Por ejemplo, la pasta dentĂfrica, eso tambiĂ©n,
hubo Ă©pocas que la habĂa en abundancia, despuĂ©s hubo Ă©pocas que no la conseguĂas nunca. Pero, a lo mejor, vas otra vez, y la encontrĂĄs, como a mi me pasĂł una vez acĂĄ. [117]
Der
Vertrauensfaktor muss bei einem Parallelsystem dieser Art daher ungleich gröĂer sein als in der herkömmlichen Wirtschaft, und die Teilnehmer werden stets eine gewisse PrĂ€ferenz der âhartenâ WĂ€hrung an den
Tag legen. [118] Dies zeigt sich z.B. an den bereits erwÀhnten gespaltenen Preisen, die zwar durch die Notwendigkeit der Reinvestition auf dem normalen Markt entstehen, aber gerade gegen Ende 2002 durch die
Unsicherheit ĂŒber das Angebot der Nodos verstĂ€rkt auftraten. BestĂ€tigt wird die Tendenz zur âhartenâ WĂ€hrung auch durch die Auswirkungen des Anfang 2002 eingefĂŒhrten staatlichen Sozialplans Plan Jefes y
Jefas de Hogar, der arbeitslosen HaushaltsvorstĂ€nden monatlich 150$ als UnterstĂŒtzungszahlung gewĂ€hrt: Dieses monetĂ€re Einkommen veranlasste viele, dem Tauschsystem fernzubleiben. Leider ist dieses Denken
kurzsichtig, da dadurch die Ersparnispotentiale des Trueque fĂŒr das neue Einkommen nicht mehr ausgenutzt werden. In diesem Zusammenhang wird auch die Wahrnehmung des Trueque als vorĂŒbergehende AktivitĂ€t deutlich,
die vor allem von der Mittelklasse als âdescenso social que implica a la vez tener que confundirse con otros que son descritos negativamenteâ [119] empfunden wird. Ein wirtschaftlicher Aufschwung mit sinkender
Arbeitslosenzahl und höheren Einkommen in der begehrten LandeswĂ€hrung wĂŒrde somit zu einem deutlich reduzierten Zulauf und mit groĂer Wahrscheinlichkeit zum unweigerlichen Zusammenbruch der meisten Nodos
fĂŒhren. [120]
3.3 Exkurs: Die StabilitÀt der ParallelwÀhrung auf dem Land
Nach der allgemeinen Betrachtung zu Preisbildung und Wert des Crédito muss an dieser
Stelle auf die Besonderheiten der dörflichen Tauschgemeinschaften eingegangen werden. Wir haben bereits festgestellt, dass der Trueque hier stabiler funktionieren kann, da er in höherem Grade auf lÀndlicher
Eigenproduktion an Lebensmitteln basiert. Damit ist er unabhĂ€ngiger von der regulĂ€ren Wirtschaft, was auch die CrĂ©dito-Preise niedrig hĂ€lt. Frau Maruelli aus FrĂas beschreibt die Situation wie folgt: En
cuanto a los productos no perecederos de la canasta familiar, la gente llegĂł a agregar entre un 25 y 30% al valor del mercado formal. Estamos hablando de aquĂ en FrĂas, de que si un paquete de azucar costaba 75
centavos, lo estaban vendiendo a 1Âą. En cambio, en Santiago Capital lo ponĂan un 100%. En otras ciudades, bueno, la mayorĂa le ponĂa entre un 100 y 150%. Eso en casi todos los articulos. En cuanto a los
articulos perecederos, correspondiente a carne y verdulerĂa, los que eran adquiridos en el mercado formal, practicamente le ponĂan entre un 50 y 75% del valor. Y los que eran productores, conservaban el valor del
mercado formal o lo quitaban hasta un 50%. [121]
Doch gibt es noch einen zweiten Grund, warum die Parallelwirtschaft auf dem Lande gröĂere StabilitĂ€t erreichen kann: Sie konkurriert dort in deutlich
geringerem MaĂe mit der regulĂ€ren Wirtschaft. Die Landbevölkerung bezieht wesentlich weniger Leistungen in der offiziellen WĂ€hrung als die Stadtbevölkerung. Hier sind vor allem drei GrĂŒnde aufzufĂŒhren:
Erstens hat man auf dem Land durch die Bebauung der Felder gröĂere Möglichkeiten zur Selbstversorgung und ist damit nicht auf den Kauf dieser Produkte im regulĂ€ren Wirtschaftssystem angewiesen. Zweitens sind die
Kosten des Mindestwarenkorbs, der zur Versorgung einer Person notwendig ist, durch die Eigenproduktion sowie den Wegfall von Miet- und Transportkosten auf dem Land wesentlich geringer als fĂŒr die Stadtbevölkerung.
Drittens können aufgrund der spĂ€rlichen finanziellen Möglichkeiten der Landbevölkerung kaum Ausgaben in der formellen Ăkonomie getĂ€tigt werden, wodurch auch Ausgaben fĂŒr die Grundversorgung in den Bereichen
Gesundheit, Transport bzw. hÀuslicher Infrastruktur (Wasser, Strom) in deutlich geringerem Ausmaà als in der Stadt getÀtigt werden. Diese drei Faktoren bedingen ein deutlich geringeres Transaktionsvolumen in der
offiziellen WĂ€hrung, was fĂŒr die TauschwĂ€hrung wiederum einen StabilitĂ€tsfaktor bedeutet, da ihr nun ein gröĂerer Wert beigemessen wird und Fluchttendenzen hin zur âhartenâ WĂ€hrung nicht in so hohem Grad
wie in der Stadt entstehen. Professor Marchini schlieĂt daraus, dass die Kombination aus der gröĂeren UnabhĂ€ngigkeit der lĂ€ndlichen Nodos und der geringeren Beteiligung der Landbevölkerung am herkömmlichen
Geldkreislauf durch Selbstversorgung und IlliquiditĂ€t bessere Voraussetzungen fĂŒr ein eigenstĂ€ndiges und stabiles Funktionieren der Subsistenzwirtschaft sind. [122]
3.4 Geldmenge und transparente Emission
Wie bei jeder GeldwÀhrung stellt sich das Problem der adÀquaten Geldmenge, also die Menge, die notwendig ist, damit die KÀufer ihre Zahlungen tÀtigen und die Produkte in Umlauf kommen. Ziel der
Geldmengensteuerung ist âdas Gleichgewicht zwischen dem Leistungsangebot in der Wirtschaft und der [diese Leistungen] nachfragenden Geldmengeâ [123]. Im Trueque aber erfolgt die Emission des CrĂ©dito nach der
Anzahl der Personen, die dem System neu beitreten. Dadurch wird zwar die Umlaufmenge pro Kopf stabil gehalten, aber nicht unbedingt das VerhÀltnis von Umlauf- und Produktmenge: Es decir, ¿si una persona
ingresa con un auto recibe 50 arbolitos y si ingresa con un låpiz también? Pués, esto puede dar como resultado tanto poca como mucha moneda y los precios habrån de ajustarse a ello, pero no serån estables. [124]
Bieten die Teilnehmer keine der ausgegebenen Geldmenge entsprechenden Produkte an, steigen konsequenterweise die Preise. Genaugenommen mĂŒsste also vor DurchfĂŒhrung der Emission zunĂ€chst eine SchĂ€tzung
des zukĂŒnftigen Transaktionsvolumens vorgenommen werden, wozu aber keinerlei zuverlĂ€ssige Information verfĂŒgbar ist. FĂŒr den Fall eines RĂŒckgangs der Produktionsmasse, z.B. durch verminderte
Investitionsmöglichkeiten der Prosumenten, oder der Verlangsamung des CrĂ©dito-Umlaufs durch eine Verbesserung der Einkommenssituation in der regulĂ€ren Wirtschaft, mĂŒsste es weiter einen RĂŒcknahmemechanismus
geben, durch den die Organisation UmlaufĂŒberschĂŒsse zeitweilig aus dem Verkehr ziehen und bei Bedarf spĂ€ter wieder zufĂŒhren kann. Ein solcher Mechanismus ist im Trueque auĂer fĂŒr den Fall des Austritts eines
Prosumenten nicht etabliert. Und auch hier kommt es oft vor, dass Teilnehmer die 50Âą bei Ende ihrer Mitgliedschaft nicht, wie vorgesehen, zurĂŒckgeben, so dass dieses âGeldâ im gĂŒnstigsten Fall im Geldbeutel
des Austretenden ruht und dadurch aus dem Verkehr gezogen wird, im schlechtesten Fall aber weiterhin in Umlauf bleibt. Neben den bereits angefĂŒhrten Inflationsursachen (Gewinnmargen, Preisspekulation und
importierte Inflation) ist die Frage der richtigen Geldmenge das zentrale Problem des Parallelsystems.
Das weitaus gröĂere Problem bei der Emissionsfrage liegt aber in der Transparenz und Kontrolle der
Emission. Es wurde bereits erwĂ€hnt, dass der Trueque im Laufe des Jahres 2002 unter einer Hyperinflation mit Inflationsraten von deutlich ĂŒber 500% litt. Diese enormen Preissteigerungsraten des Tauschsystems sind
in erster Linie auf die Ăberemission der WĂ€hrung zurĂŒckzufĂŒhren, die durch Intransparenz und mangelnde Kontrolle der emittierenden Instanz möglich wird. Diese kann dadurch die GeldsouverĂ€nitĂ€t zu ihrem
eigenen Vorteil ausnutzen und damit das Vertrauen der Prosumenten missbrauchen. Um dies zu verhindern, ist es notwendig "introducir dimensiones de gestiĂłn basada en un sistema de democracia representativa,
visibilidad de las acciones y control continuo de la misma y sus resultados.â [125] Sehen wir uns die Tauschnetzwerke einzeln an. Die RTS regelte die Emission ĂŒber die sogenannte ComisiĂłn Federal de CrĂ©ditos,
die sich aus den Vertretern der einzelnen Zonen zusammensetzte. Jeder Koordinator musste ĂŒber den Geldumlauf seines Nodos Buch fĂŒhren und die entsprechenden Bilanzen der Kommission vorlegen, die daraus zonale
Bilanzen erstellte und daraufhin ĂŒber die weitere Emissionsmenge entschied. Dadurch entstand ein demokratisches Entscheidungsverfahren mit wechselseitiger Kontrolle, wenn sich dies auch durch die groĂe Anzahl der
beteiligten Akteure oftmals als schwerfÀllig erwies.
Das Modell der RGT hingegen zentralisiert die Emission in den HĂ€nden seiner Initiatoren in Bernal, die somit die Rolle einer Zentralbank ĂŒbernehmen,
ohne dass es ein kontrollierendes Organ gibt. Damit sind einige Gefahren verbunden: Erstens bietet diese Macht Anreiz, den sogenannten âSeniorageâ [126] abzuschöpfen, d.h. CrĂ©ditos fĂŒr den eigenen Gebrauch zu
emittieren. Zweitens ist die Versuchung groĂ, das Franchising-Modell fĂŒr den eigenen Vorteil zu nutzen. Erinnern wir uns, dass jede Mitgliedschaft mindestens zwei Peso kostet, ein Preis der ĂŒber den Druck- und
Versandkosten der 50Âą liegt. Dadurch ist fĂŒr die Organisatoren in Bernal der Anreiz groĂ, die QuantitĂ€t der Mitglieder und damit den eigenen Profit zu maximieren, und zwar [...] sin crear las condiciones para asegurar la calidad de las relaciones e intercambios, perdiendo el cuidado original en generar un sistema de relaciones de intercambio de trabajos o productos de trabajo y una comunidad capaz de emitir un equivalente general dinerario de circulaciĂłn restringida basado en la confianza. [127]
Da die Registrierung von den Koordinatoren der Nodos vorgenommen und nach Bernal entweder direkt oder per Post weitergeleitet wird, verfĂŒgen auch sie ĂŒber die Macht, durch die Angabe nicht existenter
Teilnehmer billig an zusĂ€tzliche CrĂ©ditos zu kommen, was in der Zentrale nicht kontrolliert werden kann und dort eventuell sogar gern gesehen wird, da jede Neuregistrierung monetĂ€re EinkĂŒnfte bringt. Auch kommt
es oft vor, dass sich Leute in mehreren Nodos registrieren und so mehrmals den Einstiegsbetrag von 50Âą erhalten, was wegen fehlender Infrastruktur in der Zentrale unbemerkt bleibt. Eine Koordinatorin beschreibt die
Situation wie folgt: Del PAR [= RGT] franquiciaron a dos manos, a la gente y a los coordinadores, sin preguntarles nada. [...] por ejemplo, vas vos con 60 o 70 planillas todas las semanas, y te entregaban los
crĂ©ditos para 60 o 70 planillas, cuando se sabĂa que era un nodo que entraban 20 personas. [...] despuĂ©s empezaron a aparecer coordinadores que llevaban 300 planillas por semana, y yo le decĂa, no puede ser
nunca. ÂżCĂłmo un nodo va a tener 300 socios por semana? Yo, que tengo 1000 personas adentro del nodo [...] jamĂĄs te puedo hacer mĂĄs de 20 socios por dĂa. Me di cuenta, a ellos [RGT, Bernal] les convenĂa...
ellos miraban el bolsillo. Mientras que a nosotros nos entregaban papelitos, nosotros les entregĂĄbamos plata. Eran $200 de uno, $300 pesos de otro, [y] atendĂan a 200 coordinadores por dĂa, imaginate al final del
dĂa la fortuna que se llevaban ellos. [128]
Durch die fehlenden Kontrollmöglichkeiten wurde also einfach registriert und emittiert, ohne auf das VerhÀltnis zwischen Geld- und Produktmenge zu achten.
Beachtenswert ist hingegen die Transparenz der Daten bei der Zona Oeste, die ĂŒber eine Datenbank Mehrfachregistrierungen vermeidet und ĂŒber die Ausgabe der CrĂ©ditos sowie ĂŒber die Verwendung der
MitgliedsbeitrĂ€ge genau Buch fĂŒhrt. Daher kann davon ausgegangen werden, dass die monetĂ€ren EinkĂŒnfte ĂŒberwiegend zur Investition in das System verwendet werden, was durch die gute Ausstattung der
Microemprendimientos wie des erwÀhnten Pizza-Projekts bestÀtigt wird.
Zu der grenzenlosen Emission der CrĂ©ditos kam ĂŒberdies ihre massive FĂ€lschung. In der Tat ist dies ein schwieriges Problem, da
dadurch die Verwendung von Sicherheitspapier notwendig wird bzw. alle Scheine unter groĂem Aufwand mit einem farbigen Stempel oder einer Unterschrift versehen werden mĂŒssen. Wiederum waren die Arbolitos der RGT am
stĂ€rksten betroffen, obwohl sie bereits ĂŒber Sicherheitsmarken wie Wasserzeichen verfĂŒgten. Laut Aussagen des MitbegrĂŒnders Carlos de Sanzo wurden Teile des Notenpapiers entwendet und so unrechtmĂ€Ăige aber im
Grunde echte CrĂ©ditos hergestellt. Mehr als 30% der zirkulierenden Arbolitos waren âfalsosâ. [129] FĂŒr Experten wie Heloisa Primavera [130] wiederum war dies Teil der Machenschaften der RGT, die durch den
Verkauf von CrĂ©ditos vor den Clubs (50Âą fĂŒr 2$) zusĂ€tzliche Einnahmen machte. Die KĂ€ufer dieser falschen Scheine konnten so leicht und billig an CrĂ©ditos kommen, âcon los cuales compraron el trabajo de otros
sin trabajarâ [131].
Die Geldschwemme an gefĂ€lschten und ĂŒberemittierten CrĂ©ditos fĂŒhrte in den bonaerensischen Clubs zu einer Hyperinflation mit Preisen von z.B. 1500Âą fĂŒr eine Tasse Kaffee. Dies
verursachte letztendlich den Einbruch des Systems, da jeder nur noch versuchte, seine Créditos schnell gegen irgendwelche Waren zu tauschen, selbst aber logischerweise nichts mehr anbot, um nicht noch mehr
CrĂ©ditos zu erhalten: Y la gente que iba, volcaba el bolso y venĂa una persona y se lo compraba todo porque esta persona estaba llena de crĂ©ditos y sabĂa que esto se terminaba. O, por ejemplo, vos ibas a
lo de Chacarita y sacabas las cosas y alguiĂ©n decĂa: âNo, no, quĂ© tenĂ©s en el bolso?â Y vos le decĂas: âbueno, tengo perchas, tengo destornilladores, tengo cafĂ©, aceiteâ. âBueno, cuanto vale todo el
bolso completo?â AsĂ te decĂan. [132]
Das Landesinnere war von der Geldschwemme ungleichmĂ€Ăig betroffen. Generell lĂ€sst sich vermuten, dass sich mit zunehmender Entfernung zu Buenos Aires geringere
Auswirkungen zeigten und Clubs in entfernten Dörfern und KleinstĂ€dten nichts davon spĂŒrten. Durch die Nachrichten ĂŒber die Geschehnisse in der Hauptstadt verloren die Prosumenten dieser Regionen allerdings
ebenfalls das Vertrauen in das System. Hinzu kam, dass im Zuge des explosionsartigen Anwachsens des Trueque alle Arten von Créditos in sÀmtlichen Nodos akzeptiert wurden. Betroffen vom Zusammenbruch waren daher
alle Netzwerke und auch lokale Tauschringe. Die Folge ist, dass viele Prosumenten heute ĂŒber groĂe Mengen an CrĂ©ditos verfĂŒgen, die nur noch Altpapier sind, in die sie aber ihre Arbeit und Geld investiert haben.
Die Erfahrung mit beinahe zwei Jahren âmasividad y desordenâ [133] zeigt, wie notwendig es ist, ein transparentes und kontrollfĂ€higes System zu schaffen, das solche Fehlanreize verhindert sowie die StabilitĂ€t
der NebenwÀhrung und damit auch das Vertrauen der Teilnehmer sichern kann. Heute funktionieren die meisten Nodos in geschlossener Form. Sie emittieren entweder ihre eigene WÀhrung oder versehen einen Teil der
alten Créditos mit einem eigenen Stempel, um zu verhindern, dass Personen mit Brieftaschen voller alter Créditos eine erneute Geldschwemme auslösen. Die RGT und Zona Oeste existieren in Buenos Aires weiterhin in
derselben Form, beide mit einer neuen noch fÀlschungssicherer gestalteten WÀhrung.
3.5 Landesweite oder lokale ParallelwÀhrung?
Durch das Vertrauens- und
Kontrollproblem der Geldmengensteuerung drÀngt sich unmittelbar die Frage nach der geographischen Reichweite eines NebenwÀhrungsprojektes auf. Kann die landesweite Implementierung einer EinzelwÀhrung sinnvoll
sein, oder sollten sich WÀhrungsversuche eher auf lokaler Ebene in begrenztem Radius abspielen? Zu dieser Frage ist der argentinische Trueque eine interessante Fallstudie, da er verschiedene AnsÀtze vereint. Neben
dem landesweit angewendeten und zentral emittierten Arbolito der RGT sind da die zonalen, nach Provinzen bzw. kleineren Regionen aufgeteilten Créditos der RTS, die zwar lokal emittiert werden, aber durch die
gegenseitige Anerkennung ebenfalls zu einer landesweit einheitlichen WĂ€hrung werden. SchlieĂlich gibt es noch geschlossene lokale AnsĂ€tze, deren geographische Ausweitung sich höchstens auf eine Provinz bezieht.
Der Vorteil einer einheitlichen ParallelwÀhrung liegt augenscheinlich auf der Hand. Durch sie wird theoretisch der landesweite Austausch zwischen Nodos im Tauschnetzwerk möglich, d.h. man kann als Prosument in
jedem Nodo des Netzwerks seine Produktion anbieten und seinen Bedarf decken. Dies leuchtet ein, vor allem, da das Angebot der stÀdtischen Nodos komplementÀr zu dem der lÀndlichen Nodos ist. WÀhrend auf dem Land
meist ein Ăberhang an Lebensmitteln herrscht und dafĂŒr industrielle GĂŒter fehlen, die in StĂ€dten produziert werden, ist es in den stĂ€dtischen Clubs genau umgekehrt. Ein Austausch wĂ€re deshalb sinnvoll und
wĂŒrde der StabilitĂ€t des Systems dienen. Dennoch kamen in der RealitĂ€t diese internodalen TauschgeschĂ€fte kaum zustande. Grund dafĂŒr waren in erster Linie die hohen Transportkosten, die aufgrund des teuren
Benzins in herkömmlicher WĂ€hrung zu entrichten waren. [134] Koordinatoren wiesen daneben auf ein weiteres gewichtiges Problem hin, nĂ€mlich die zum Teil enormen Preisunterschiede zwischen den Nodos. NatĂŒrlich
waren diese auch durch die unterschiedliche Verbreitung der ĂŒberemittierten CrĂ©ditos bedingt, wodurch die Inflation vor allem in Buenos Aires extreme AusmaĂe annahm, in lĂ€ndlicheren Gebieten jedoch bedeutend
geringer ausfiel. Dennoch existierten Preisunterschiede, wie bereits erwĂ€hnt, auch schon vorher. Prosumenten der billigeren lĂ€ndlichen Clubs hatten in den stĂ€dtischen deutlich geringere Kaufkraft ây volvieron
desilusionadosâ [135]. Umgekehrt bot sich fĂŒr stĂ€dtische Bewohner der Anreiz, ihre GĂŒter in der Stadt teuer zu verkaufen, EinkĂ€ufe aber mit den verdienten CrĂ©ditos in Nodos auĂerhalb der Stadt zu tĂ€tigen.
Durch den Kaufkraftunterschied boten sie dort natĂŒrlich selbst deutlich weniger GĂŒter an. Viele StĂ€dter aus Buenos Aires nutzten diese Gelegenheit, mit dem Ergebnis, dass die stĂ€dtische Kaufkraft das Angebot der
besuchten Nodos aufkaufte und der Nodo bzw. ganze Regionen mit CrĂ©ditos ĂŒberschwemmt wurden. Dadurch kam es dort zu Inflation, da ja einerseits die Produktmenge verringert, gleichzeitig aber die Geldmenge erhöht
wurde. Anhand der unterschiedlichen Créditos der RTS konnten diese einseitigen Geldströme gut beobachtet werden. Carlos del Valle, Koordinator und Schulungsleiter der RTS bestÀtigt: Por ejemplo, Mar del
Plata se llenaba con crĂ©ditos de otras regiones por el simple hecho de que los "veraneantes" de la Red llevaban mas papelitos que mercaderĂas, si es que las llevaban. El otro caso fue GualeguaychĂș en la
Provincia de Entre RĂos. Gente de Buenos Aires hacĂa tur de compras con papelitos. El otro caso fue el de la Zona norte de Santa Fe (CalchaquĂ y otras ciudades) con respecto a los crĂ©ditos de Rosario. En una
Interzonal declararon que no aceptaban mĂĄs los Rosarinos en su Zona, para mĂ con toda razĂłn. [136]
Um solche Probleme zu umgehen, wurde teilweise versucht, den GĂŒteraustausch zwischen Nodos in Form
des Direkttausches, also Ware gegen Ware ohne den Crédito als Vermittler, anzubahnen, doch auch diese Form kam durch mangelnde Organisation eher selten zustande. Ein MissverhÀltnis zwischen Geld- und
Produktionsmenge kann bei einer EinheitswĂ€hrung mit zentralisierter Emission ĂŒbrigens auch bereits durch die Emission entstehen, da die âZentralbankâ die Geldmenge nach den Gegebenheiten des gesamten Landes
festlegt und dabei die lokalen BedĂŒrfnisse einzelner Regionen auĂer Acht lassen muss. Dies ist auch das Problem der regulĂ€ren LandeswĂ€hrungen und daher lĂ€ge gerade der Sinn einer KomplementĂ€rwĂ€hrung darin,
das Tauschmittel individuell auf einzelne Regionen abzustimmen, um Abhilfe vor allem in Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit zu schaffen. [137]
Daneben muss auch bei der GröĂe eines WĂ€hrungsprojektes der
Vertrauensfaktor berĂŒcksichtigt werden. Kann man das Vertrauen in die korrekte Emission der WĂ€hrung und FĂŒhrung des Systems durch geeignete Strukturen und Kontrollorgane eventuell noch sicherstellen, wie sieht es
mit dem Vertrauen in die ProduktionsfĂ€higkeit der Prosumenten und ihren Willen, einen sinnvollen Beitrag zu leisten, aus? Letzenendes wĂŒrde die EinheitswĂ€hrung bzw. auch die ĂŒberall anerkannte Zonen-WĂ€hrung
âuna ampliaciĂłn del ĂĄmbito de la confianza a cientos (luego miles) de nodos y decenas de miles (luego millones) de personasâ [138] nötig machen.
All diese Argumente sprechen fĂŒr ein lokales
WĂ€hrungsprojekt mit begrenztem geographischen Umfang. Es ist erstens aus verwaltungs- und emissionstechnischen Gesichtspunkten leichter handhabbar und ĂŒberschaubarer. Zweitens kann die Emission den regionalen
Gegebenheiten besser angepasst werden und im Zweifelsfall ein MissverhĂ€ltnis zwischen Geld- und Produktionsmenge durch geringere Emission pro Neumitglied ausgeglichen werden. FĂŒr den Einzelnen ist ein lokales
System transparenter und leichter kontrollierbar, was sein Vertrauen in die ParallelwÀhrung stÀrkt. Durch geeignete Kontrollinstanzen ist ferner die Macht der emittierenden Personen zu begrenzen, um Ausbeutung zu
verhindern. Die Frage nach der geeigneten geographischen Ausdehnung eines solchen Projektes ist nicht leicht zu beantworten und berĂŒhrt ein bisher wenig erforschtes Gebiet. [139] GrundsĂ€tzlich ist es
empfehlenswert, von einer Stadt als Zentrum ausgehend einen ĂŒberschaubaren Radius auf das lĂ€ndliche Umland zu ziehen, damit die Möglichkeit besteht, dass stĂ€dtische und lĂ€ndliche Nodos sich ergĂ€nzen, was der
StabilitÀt des Gesamtsystems förderlich wÀre. Dieser Austausch Stadt- Land sollte von den Organisatoren gefördert werden, damit Hemmnisse wie hohe Transportkosten wirksam abgebaut werden können. Damit es
hierbei aber nicht zu Ausbeutungsmechanismen kommt, bedarf es ebenfalls strikter Regelungen und Kontrollmechanismen.
4. Die kritische GröĂe eines Clubs: zwei KrĂ€fte im Widerstreit
Die Ausweitung des Vertrauens auf eine Vielzahl unbekannter Prosumenten spielt nicht nur bei der Frage einer landesweiten oder lokalen ParallelwĂ€hrung eine Rolle, sie ist auch wesentlich fĂŒr das
Funktionieren eines einzelnen Nodo. Das soziale Kapital eines Clubs ist eine Kraft, welche eine Begrenzung der Teilnehmerzahl notwendig macht. Damit steht sie aber einer zweiten Kraft antagonistisch entgegen: Um den
Teilnehmern eine interessante Produktvielfalt bieten zu können, ist das System auf eine relativ hohe Mitgliederzahl angewiesen. Das Zusammenspiel dieser beiden KrĂ€fte ist fĂŒr die StabilitĂ€t eines Tauschclubs ein
entscheidender Faktor.
4.1 Notwendiges GröĂenwachstum und Produktvielfalt
Das Vertrauen des einzelnen Prosumenten in das Parallelsystem als Ganzes wird wesentlich
beeinflusst von dem Nutzen, den er aus seinem âStamm-Clubâ, bzw. bei mehreren, aus seinen regelmĂ€Ăig besuchten Nodos ziehen kann. Nur wenn die einzelnen Nodos stabil funktionieren, wird auch ein Netzwerk
stabil bleiben. Wie bereits erlĂ€utert, ist ein Teilnehmer in erster Linie daran interessiert, ein fĂŒr ihn möglichst attraktives Angebot zu finden. Nur dann wird er Interesse daran haben, sein Angebot ĂŒberhaupt
in der NebenwĂ€hrung zu verkaufen. Zum Erwerb von CrĂ©ditos ist er dann ebenfalls daran interessiert, Nachfrager fĂŒr seine Produkte zu haben. Ein Tauschclub kann somit nur funktionieren, wenn Angebot und Nachfrage
möglichst kompatibel sind. DafĂŒr muss der Club aber eine bestimmte GröĂe erreicht haben, ab der sich auch eine attraktive ProduktvarietĂ€t einstellt, durch die das System in eine Gleichgewichtslage gelangt.
Diese GröĂenschwelle kann aber relativ hoch liegen, da mit der quantitativen Zunahme der Mitgliederzahl nicht unbedingt auch ein ebenso groĂes Anwachsen der Produktdiversifikation verbunden ist. Die Teilnehmer
der Nodos stammen ĂŒberwiegend aus derselben Sozialstruktur und weisen daher Ă€hnliche Angebots- und Nachfragestrukturen auf (siehe II. 2.2.3). Nur durch die hohen und stĂ€ndig steigenden Mitgliederzahlen gerade in
den Jahren 2000 und 2001 mit der entsprechenden Erweiterung der Produktpalette konnten die Teilnehmer teilweise mehr als die HĂ€lfte ihrer Versorgung ĂŒber die Parallelökonomie abdecken, so dass der Trueque zu
einer âalternativa permanente a la satisfacciĂłn de las necesidadesâ [140] werden konnte. Nimmt, wie ab Beginn 2002, die Teilnehmerzahl durch externe GrĂŒnde, z.B. durch die EinfĂŒhrung des Plan Jefes y Jefas
de Hogar, oder interne GrĂŒnde wie den Vertrauensverlust durch Preisspekulation oder QualitĂ€tsmĂ€ngel ab, tritt ein Club schnell in eine AbwĂ€rtsspirale im Sinne einer klassischen Dilemmasituation ein, in der
niemand mehr bereit ist, einen sinnvollen Beitrag zu leisten, wenn er sieht, dass es die anderen ebenfalls nicht tun und auch nicht tun werden, und das Angebot des Clubs fĂŒr ihn somit uninteressant wird. Durch den
RĂŒckzug der eigenen Leistung aber trĂ€gt er selbst wiederum zur Verringerung der Angebotsvielfalt bei. Nach dem Motto âRette sich, wer kannâ verschwinden zuerst die sehr begehrten teuren Dienstleistungen
(Medizin, Handwerk) und die Lebensmittelproduktion, da ihre Anbieter mit den vielen erworbenen CrĂ©ditos nichts mehr anzufangen wissen bzw. weitere Investitionen in der offiziellen WĂ€hrung fĂŒr sie unrentabel sind.
Damit beschrĂ€nkt sich das Angebot zunehmend auf weniger interessante GĂŒter, der Einzelne hat keine Kostenreduzierungsvorteile mehr und stellt seine Teilnahme ebenfalls ein. Im Club der Kleinstadt FrĂas war der
staatliche Sozialplan ein wesentlicher Grund fĂŒr den Mitgliederaustritt, die Folgen der Ăberemission waren hier kaum spĂŒrbar. Frau Maurelli schildert die Entwicklung: EmpezĂł la disminuciĂłn de prosumidores y
en consecuencia, carencia de productos y bueno, empezĂł a desbaratarse, cada vez menos y menos, hasta que quedamos 25 personas ya sin variedad de productos, entonces, por eso se decidiĂł cerrar el sistema. [141]
4.2 Das soziale Kapital der Gruppe
4.2.1 Ausbeutungstendenzen in groĂen Gruppen
Auf der anderen Seite werden groĂe Clubs immer
wieder als chaotisch, spekulativ und schlecht gefĂŒhrt geschildert. Schnell stöĂt man daher auf die Wichtigkeit des sozialen Kapitals, d.h. Interaktionsmuster und Zusammenhalt einer Tauschgruppe, auf das sich die
GröĂenvorteile des Tauschclubs aber gerade negativ auswirken. Diese sozialen Faktoren sind ebenso wichtig zur Vertrauenssicherung und Stabilisierung eines Clubs wie die Produktvielfalt. Denken wir zurĂŒck an das
Prinzip: âSu Ășnico respaldo es [...] la confianza que se tienen unos en otros, siendo todos los participantes responsables de todoâ [142]. Aus SolidaritĂ€t und Verantwortungsbewusstsein der Teilnehmer ergeben
sich Produktionsbereitschaft, QualitÀt und PreisstabilitÀt der Produkte. Der Einzelne ist also letztendlich daran interessiert, dass alle Akteure die Spielregeln des Trueque befolgen. Diese Spielregeln werden aber
nur in kleinen Gruppen eingehalten, da bei einer groĂen Teilnehmerzahl zum einen die Kontrolle von Seiten der Koordinatoren zunehmend erschwert wird, und zum anderen die gegenseitige Kontrolle der Teilnehmer durch
die steigende AnonymitĂ€t nicht mehr funktionieren kann. Auch der innere Zusammenhalt und das Gruppenbewusstsein gehen verloren, wodurch der Trueque zusĂ€tzlich seine sozialen Funktionen einbĂŒĂt. Frau Maurelli
meint: Cuando el nodo tenĂa 70 personas, era mucho mejor que con las 160 personas que tenĂamos despuĂ©s porque eramos mucho mĂĄs responsables. Eramos mĂĄs unidos y un poco mĂĄs organizados. [143]
Die Folge eines zu starken GröĂenwachstums ist eine zunehmende Ausbeutung des Systems durch seine Akteure (Organisatoren wie Teilnehmer), wie sie beim MassenphĂ€nomen Trueque der letzten zwei Jahre beobachtet
wurde. Mitgliederzahlen von bis zu 4000 Personen pro Club im Jahr 2001 und bis zu 20000 im Jahr 2002 fĂŒhrten zwangslĂ€ufig zu Preisspekulation, Inflation sowie geringerer Investitions- und Produktionsbereitschaft.
Der Anreiz ist groĂ, selbst irgendwelche minderwertigen Gebrauchtwaren anzubieten, um die erworbenen CrĂ©ditos gegen die begehrten Lebensmittel und Dienstleistungen zu tauschen. Niemand möchte sich mehr anstrengen
bzw. investieren, und der folgende QualitĂ€tsrĂŒckgang der Produkte fĂŒhrt letztendlich zu Vertrauensverlust, dem massiven Austritt von Teilnehmern und zum Zusammenbruch des Systems. Por eso, esos nodos
enormes con mĂĄs de 3000 personas que habĂa hasta el año pasado, ya desde el inicio son inestables. Es sumamente importante que los prosumidores se conozcan para que el control social dentro del grupo sea
garantizado. [144]
Dieses Ausbeutungs- und Austrittsdilemma kann nur von der gesamten Gruppe ĂŒberwunden werden. Zur moralischen Selbstbindung aller Teilnehmer werden in demokratischem Verfahren
Spielregeln beschlossen, z.B. kein Ausweichen auf das Geldmedium, Einhaltung von Preislisten und vor allem Aufrechterhaltung der Produktion. Die Einhaltung dieser Regeln erfolgt durch gegenseitige Kontrolle und
gemeinsame Evaluierung der TauschaktivitĂ€ten am Ende der Treffen in den Abschlussrunden, in denen ĂŒber Probleme beim Tauschen diskutiert wird und gemeinsam Verbesserungen beschlossen werden. Es ist klar, dass
diese Selbstbindung nur in relativ kleinen Gruppen mit geringer AnonymitÀt funktioniert.
4.2.2 Die Vorteile des dichten Kommunikationsnetzes kleiner Gruppen
Ein
dichtes Kommunikationsnetz innerhalb der Gruppe schĂŒtzt den Club nicht nur vor Ausbeutung, sondern trĂ€gt ferner auch wesentlich zur Verbesserung der Angebots- und Nachfragestruktur bei. WĂ€hrend der GesprĂ€che,
die sich durch die TauschaktivitĂ€ten von selbst ergeben und in den Abschlussrunden erfahren die Teilnehmer mehr ĂŒber die BedĂŒrfnisse und FĂ€higkeiten der anderen. Diese Signale ĂŒber die jeweils nachgefragten
Leistungen ermöglichen eine stĂ€rkere Orientierung des Angebots an der Nachfrage, was wiederum fĂŒr die StabilitĂ€t des Clubs unabdingbar ist. Intensive Kommunikation bewirkt auĂerdem eine deutlich sensiblere
Preisbildung. In den Abschlussrunden ist gerade die Preisbildungsfrage stets ein heftig diskutiertes Thema. Die Preise werden in der Regel als zu hoch empfunden und gemeinsam nach unten korrigiert. Information, z.B.
ĂŒber den Wert eines gebrauchten T-Shirts in Peso, wird zusammengetragen, was allen als Orientierungshilfe bei der Preissetzung dient. Interessant ist, dass die Gruppen gerne ein bestimmtes Produkt als
VergleichsmaĂstab fĂŒr die Festlegung der Preise anderer Leistungen heranziehen, um die Schwierigkeit der Preisrelationen in den Griff zu kriegen. In einem der beobachteten Nodos bot z.B. ein Mitglied SpĂŒlmittel
zu einem vernĂŒnftigen Preis an, der kaum ĂŒber dem Marktpreis lag. Daraufhin entstand der Vorschlag, dass sich alle anderen Produkte an diesem âpatrĂłn detergenteâ [145] (AnkerwĂ€hrung SpĂŒlmittel) orientieren
sollten. Wie viele Flaschen SpĂŒlmittel ist also eine selbstgestrickte Jacke wert? Sicherlich immer noch eine schwierige Frage, doch die Orientierung an einem festen Gut macht sie fĂŒr die Teilnehmer eher greifbar.
Bei sehr knappen GĂŒtern wie den Grundnahrungsmitteln (Mehl, Zucker, etc.) muss die Gruppe in die Preisbildung regulierend eingreifen. Hier kann z.B. beschlossen werden, dass statt eines Eintrittsgeldes ein
Grundnahrungsmittel mitzubringen ist, zumindest von denjenigen, die ĂŒber monetĂ€re EinkĂŒnfte verfĂŒgen. Dadurch wird das Angebot dieser begehrten Produkte in gewissen Mengen sichergestellt, was ihre
Preisentwicklung in Grenzen hĂ€lt. Daneben kann die Gruppe sogar die Ausschaltung des Preismechanismus beschlieĂen, um horrende Preise bei diesen GĂŒtern zu vermeiden. Dabei kann entweder die Verteilung nach der
Dringlichkeit des Bedarfs erfolgen oder durch Verlosungen vorgenommen werden. Dazu werden alle Lebensmittel an einem speziellen Stand deponiert. Jeder, der Lebensmittel beitrÀgt, gibt diese beim Eintritt in den
Club ab und erhĂ€lt dafĂŒr den entsprechenden Wert in CrĂ©ditos. Die Koordination hĂ€lt dafĂŒr eine getrennte Kasse. Danach darf jeder Teilnehmer (unabhĂ€ngig davon, ob er Lebensmittel beigesteuert hat) nach Aufruf
seines Namens den Stand passieren und je nach vorhandener Menge zwei bis drei Produkte erwerben. Ankaufs- und Verkaufspreise sind dabei identisch, ihre Höhe wird in der Gruppe beschlossen.
Anhand der
Notwendigkeit, normale Marktmechanismen wie den Preismechanismus aktiv zu beeinflussen, wird uns das Dilemma des Trueque bewusst: Sein Ziel ist die Schaffung einer gemeinschaftsorientierten Ăkonomie (spanisch:
âEconomĂa Socialâ), in der âtodos colaboran entre sĂ [y] toman de la red en la misma medida que ofrecen.â [146], wodurch sowohl das Individuum als auch die Gemeinschaft profitiert. Er bezweckt eine
Ausweitung der Werte SolidaritĂ€t und Gegenseitigkeit herkömmlicher familiĂ€rer bzw. nachbarschaftlicher Netzwerkhilfe auf eine gröĂere Personenzahl. Sein Problem ist, dass er diesen Anspruch ausgerechnet durch
die Imitation eines herkömmlichen Marktmodells erreichen will, das bekanntlich den Individualnutzen in den Vordergrund stellt. Daneben partizipieren seine Teilnehmer ja auch weiterhin parallel in der regulÀren
Wirtschaft. Nach Heloisa Primavera ist es daher nur logisch, dass seine Akteure dieselben Verhaltensweisen an den Tag legen, die sie aus dem regulÀren System gewohnt sind: El sistema es inestable porque se
desarrolla dentro de un paradigma diferente, que es el paradigma de la economĂa capitalista. Y puso en evidencia que la gente repetĂa en el comportamiento con el dinero del trueque el comportamiento con el dinero
del sistema formal. [147]
Um dieser InstabilitÀt zu begegnen, ist es wichtig, durch Schulungen, Kommunikation und Bewertung sozialer Beziehungen innerhalb einer kleinen Gruppe die Ausbeutungsgefahr
gering zu halten.
Die Clubs stehen also in einem stĂ€ndigen Zielkonflikt zwischen GröĂenwachstum und Produktvielfalt auf der einen, und der Erhaltung des sozialen Kapitals der Gruppe zur Sicherung von
Kommunikation und Kontrolle auf der anderen Seite. Ist ein Club zu groĂ oder zu klein, fĂŒhrt dies in beiden FĂ€llen zu InstabilitĂ€t, Vertrauensverlust und Austritt von Teilnehmern. Die optimale GröĂe eines
Clubs kann nur geschÀtzt werden. Die Aussagen der befragten Koordinatoren schwanken zwischen 60 bis 90, bzw. 150 bis 200 Personen. Doch gibt es auch Nodos, die mit bis zu 400 Personen angemessen funktionieren.
Diese Begrenzungen zeigen aber, dass der Trueque einen massiven Ansturm in Krisenzeiten nicht aufnehmen kann, was seine Möglichkeiten zur Subsistenzsicherung der krisengebeutelten Masse deutlich beschrÀnkt.
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Anmerkungen:
[97] Siehe AusfĂŒhrungen unter 2.1 dieses Kapitels
[98] Fernando Sampayo, bereits zitiertes GesprÀch
[99] Behörde zur UnterstĂŒtzung kleiner und mittlerer Unternehmen
[100] Susana Hintze, u.a., âDocumento base de la jornada nacional sobre trueque y
economĂa solidariaâ in: Hintze, Susana (Hg.), Trueque y EconomĂa Solidaria, Universidad Nacional de General Sarmiento, San Miguel, Buenos Aires 2003 (in Druck), S. 58
[101] Jorge Marchini, âEconomĂa de truequeâ in: ClarĂn, Suplemento EconĂłmico, 05.05.2002, S. 3 - âwegen ihrer KomplexitĂ€t, SpezifitĂ€t und Produktions- bzw. Distributionsanforderungen. Dies ist der Fall bei Medikamenten, öffentlichen Dienstleistungen oder Brennstoffen.â (eigene Ăbersetzung)
[102] Patricia Lescaro / BĂĄrbara Altschuler, PolĂticas sociales y desarrollo local. Dos experiencias diversas: Club del Trueque y UniĂłn de Trabajadores Desocupados (UTD) de Mosconi, Centro de
InvestigaciĂłn de la Universidad Nacional de Cuyo, Buenos Aires 2002, S. 17 âeiner spĂ€rlichen, artifiziellen Produktion geringer ProduktivitĂ€tâ (eigene Ăbersetzung)
[103] Jorge Marchini, bereits zitiertes GesprÀch
[104] Industriell verarbeitete Lebensmittel wie Mehl oder Speiseöl sind aber auch dort eher Mangelware, da sie vom regulĂ€ren Markt zugekauft werden mĂŒssen.
[105] Jorge Marchini, bereits zitiertes GesprÀch
[106] Interview vom 10. 07. 2003 mit Carmen Hurtado aus Belgrano, Stadtteil der Mittelklasse in Buenos Aires. Sie baut im eigenen Garten HeilkrÀuter
an und besucht verschiedene Nodos ihrer Umgebung. AnfĂ€nglich konnte sie dadurch ihre Ausgaben um bis zu 150$ pro Monat reduzieren. âAm Anfang gab es Lebensmittel, danach verschwanden sie fast gĂ€nzlich.
Und wenn man sie fand, war ihr Preis sehr hoch und ihre QualitĂ€t oftmals zweifelhaft. Es gab gebrauchte Kleidung im Ăberfluss, aber frag mich nicht, in welchem Zustand sie war. Es gab Leute, die sie nicht mal
gewaschen, gebĂŒgelt und schön hergerichtet brachten. Sie kamen mit den schmutzigen und zerschlissenen Sachen an. Das war der Moment, ab dem man nicht mehr viele interessante Dinge fĂŒr CrĂ©ditos fand.â (eigene Ăbersetzung)
[107] Estela Maris, bereits zitiertes GesprĂ€ch; âsei nicht an die allzu bedĂŒrftigen Sektoren gerichtet, sondern nur geeignet fĂŒr die Mittelklasse, da man ein Minimalkapital benötigt, um zu
investieren.â (eigene Ăbersetzung)
[108] Zur Sicherung ihrer LiquiditĂ€t begannen viele Provinzen, sogenannte âBonos Provincialesâ, also Schuldscheine der Provinzregierungen auszustellen. 2002 wurde
auch auf nationaler Ebene eine QuasigeldwĂ€hrung eingefĂŒhrt (LECOP). Insgesamt gibt es 14 Bonos, die rund 31% des Geldumlaufs im Land ausmachen und als Tausch- und Zahlungsmittel dienen. Im Gegensatz zum
offiziellen Geld haben sie keine Wertaufbewahrungsfunktion. Seit 21. Mai 2003 werden sie systematisch aus dem Verkehr gezogen und durch Peso ersetzt. Vgl. Jorge Schvarzer / HernĂĄn Finkelstein, âBonos,
Cuasimonedas y polĂtica econĂłmicaâ in: Instituto Argentino para el Desarrollo (IADE), Realidad EconĂłmica Nr. 193 (2003), S. 19
[109] Otmar Issing, EinfĂŒhrung in die Geldtheorie, MĂŒnchen 2001, S. 3
[110] Vgl. Issing, S. 4
[111] Primavera, u.a., 1998, S. 8 ânicht EigentĂŒmer eines Wertes, sondern Nutzer einer Serviceleistung, deren GĂŒltigkeit begrenzt ist.â (eigene Ăbersetzung)
[112]
Coraggio, S. 267; âZ.B., wenn das Angebot begrenzt ist, kauft die Nachfrage alles zu verschiedenen Preisen (die Kuchen fĂŒr 4Âą verschwinden zuerst, aber danach die fĂŒr 8Âą), ohne dass sich ein normaler Preis
bilden wĂŒrde, der der aufgewendeten Arbeit entsprechen wĂŒrde.â (eigene Ăbersetzung)
[113] Enzo Pellegrini, bereits zitiertes GesprĂ€ch; âdenn auch die Leute, in ihrem Eifer zu spekulieren, verkauften
dir z.B. den Zucker fĂŒr 5Âą.â (eigene Ăbersetzung)
[114] Carmen Hurtado, bereits zitiertes GesprĂ€ch; âdie Preise sind letztendlich willkĂŒrlich, und dadurch hoch.â (eigene Ăbersetzung)
[115] Vgl. Primavera, u.a., 1998, S. 9
[116] Heloisa Primavera / Carlos del Valle, CĂłmo comenzar una Red de Trueque Solidario, Red Latinoamericana de SocioeconomĂa Solidaria â REDLASES, Buenos
Aires 2001, S. 12 âProduktionskapazitĂ€t und dem Kompromiss, im Tauschnetz zu konsumieren, d.h. auf dem gegenseitigen Vertrauen, wobei alle Teilnehmer fĂŒr alles verantwortlich sind.â (eigene Ăbersetzung)
[117] Enzo Pellegrini, bereits zitiertes GesprĂ€ch; âEs kam oft vor, dass ich nicht fand, was ich suchte. Manchmal geht man mit einer festen Idee los, um ein bestimmtes Produkt zu kaufen. Z.B., Zahnpasta,
es gab Zeiten, wo es sie im Ăberfluss gab, danach gab es Zeiten, in denen man sie nie bekam. Aber vielleicht gehst du ein anderes Mal und findest sie, wie es mir hier oft erging.â (eigene Ăbersetzung)
[118] vgl. Claus Offe / Rolf G. Heinze, Organisierte Eigenarbeit, Frankfurt 1990, S. 271ff.
[119] Hintze, S. 29; âsozialer Abstieg, der zugleich bedeutet, sich mit anderen mischen zu mĂŒssen, die
negativ beschrieben werden.â (eigene Ăbersetzung)
[120] Vgl. Douthwaite / Diefenbacher, S. 105
[121] Marcela Maruelli, bereits zitiertes GesprĂ€ch; âWas die nicht verderblichen Produkte des
Familien-Warenkorbes betrifft, schlugen die Leute zwischen 25 und 30% auf die Preise des herkömmlichen Marktes auf. Wir sprechen hier in FrĂas davon, dass ein PĂ€ckchen Zucker, das 75 Centavos kostete, fĂŒr 1Âą
verkauft wurde. In der Stadt Santiago dagegen schlugen sie 100% auf. In anderen StÀdten, na ja, schlugen sie zwischen 100 und 150% auf. Das bei fast allen Artikeln. Was die verderblichen Produkte betrifft, also
Fleisch und GemĂŒse, so schlugen sie zwischen 50 und 70% auf, wenn die Ware auf dem regulĂ€ren Markt gekauft wurde. Und die, die selbst anbauten, hielten den offiziellen Preis bei oder reduzierten ihn um bis zu
50%.â (eigene Ăbersetzung)
[122] Vgl. Jorge Marchini, bereits zitiertes GesprÀch
[123] Vgl. Issing, S. 141: Die sogenannte QuantitÀtsgleichung M x U = H x P => M = P x H/U Das Produkt von Geldmenge (M) und Umlaufgeschwindigkeit (U) ist identisch mit dem
Gesamtumsatz, der sich als Produkt vom Preisniveau der GĂŒter (P) und der physischen Menge aller in der Periode gekauften GĂŒter (H) errechnet. Die Umlaufgeschwindigkeit gibt an, wie oft eine Geldeinheit
durchschnittlich wĂ€hrend einer Periode zu Zahlungen verwendet wird. Daraus werden zwei ZusammenhĂ€nge deutlich: Erstens fĂŒhrt eine Erhöhung von M bei konstanter GĂŒtermenge und Umlaufgeschwindigkeit zur Erhöhung
des Preisniveaus, d.h. zu Inflation. Zweitens hat ein Sinken der GĂŒtermenge bei konstanter Umlaufgeschwindigkeit und Geldmenge ebenfalls inflationĂ€re Auswirkungen.
[124] MartĂn Krause, âLas limitaciones del Truequeâ in: Hintze, Susana: Trueque y EconomĂa Solidaria, Universidad Nacional de General Sarmiento, San Miguel, Buenos Aires 2003 (in Druck), S. 113; âDas
heiĂt, wenn eine Person mit einem Auto beitritt, erhĂ€lt sie 50 Arbolitos, und wenn sie mit einem Bleistift kommt, ebenso? Nun, dies kann als Ergebnis ein Viel oder Wenig an Geldmenge bedeuten und die Preise
werden sich dem anpassen mĂŒssen, aber sie werden nicht stabil sein.â (eigene Ăbersetzung)
[125] Hintze, S. 21; âFĂŒhrungsebenen einzufĂŒhren, die auf einem System demokratischer ReprĂ€sentation,
Handlungstransparenz und stĂ€ndiger Systemkontrolle bzw. Kontrolle seiner Resultate beruhen.â (eigene Ăbersetzung)
[126] Krause, S. 114
[127] Hintze, S. 22; âOhne die Voraussetzungen zu schaffen,
um die QualitĂ€t der Beziehungen und Tauschakte zu sichern, bei gleichzeitigem Verlust der ursprĂŒnglichen Umsicht, ein System der Tauschbeziehungen von Arbeitsleistungen oder Arbeitsprodukten zu schaffen und eine
Gemeinschaft zu etablieren, die fĂ€hig ist, ein allgemeines GeldĂ€quivalent zu emittieren, dessen Umlauf begrenzt ist und das auf gegenseitigem Vertrauen beruht.â (eigene Ăbersetzung)
[128] MarĂa Ines,
Koordinatorin eines Nodo in JosĂ© C. Paz, Gran Buenos Aires zitiert in: Leoni, S. 19. Die Angaben geben detailliert wieder, was die GesprĂ€chspartner der vorliegenden Arbeit aus sekundĂ€rer Hand wussten. âVom
PAR (RGT) âfranchistenâ sie in zwei Richtungen: Die Leute und die Koordinatoren, ohne sie zu irgendetwas gefragt zu haben. [...] z.B. gehst du jede Woche mit 60 â 70 Anmeldungen hin und sie gaben dir die CrĂ©ditos fĂŒr 60 â 70 Anmeldungen, obwohl man wusste, dass das ein Nodo war, wo nur 20 Personen neu hinzugekommen waren. [...] danach begannen Koordinatoren aufzutauchen, die 300 Anmeldungen pro Woche hinbrachten, und ich sagte, das kann niemals sein. Wie ist es möglich, dass ein Nodo 300 neue Teilnehmer pro Woche hat; ich habe hier 1000 Personen im Nodo [...]
und kann niemals mehr als 20 neue Teilnehmer pro Woche haben. Mir wurde klar, denen in Bernal war das recht... sie schauten auf ihren Geldbeutel: WÀhrend sie uns Papierchen aushÀndigten, gaben wir ihnen echtes
Geld. Das waren 200$ von einem, 300$ von einem anderen, und sie bedienten 200 Koordinatoren am Tag, stell dir das Vermögen vor, das sie am Ende des Tages davontrugen.â (eigene Ăbersetzung)
[129] Carlos de Sanzo, bereits zitiertes GesprÀch
[130] Interview vom 28. 06. 2003 mit Heloisa Primavera, Dozentin der MaestrĂa de AdministraciĂłn PĂșblica an der FakultĂ€t fĂŒr Wirtschaft der Universidad de Buenos Aires (UBA) und Leiterin des dortigen Forschungsprogramms fĂŒr KomplementĂ€rwĂ€hrungen und Sozialökonomie. Primavera selbst arbeitete zunĂ€chst mit den GrĂŒndern der RGT zusammen, setzte sich dann aber fĂŒr die Spaltung des Netzwerks und die damit verbundene GrĂŒndung der RTS ein.
[131] Heloisa Primavera, bereits zitiertes GesprĂ€ch; âmit denen sie die Arbeit von anderen kauften ohne selbst zu arbeitenâ. (eigene Ăbersetzung)
[132] Enzo Pellegrini, bereits zitiertes
GesprĂ€ch; âUnd die Leute die kamen, leerten ihre Taschen aus, und schon kam jemand und kaufte alles, weil diese Person haufenweise CrĂ©ditos hatte und wusste, dass das Ganze bald zu Ende ging. Oder, z.B., wenn du zu dem Nodo in Chacarita gingst und gerade dabei warst, deine Sachen aus der Tasche zu ziehen, kam jemand und sagte: âNein, nein, was hast du in der Tasche?â Und du sagtest ihm: âNa ja, ich habe KleiderbĂŒgel, Schraubenzieher, Kaffee, Ăl.â âGut, wie viel kostet die komplette Tasche?â Das sagten sie dir.â (eigene Ăbersetzung)
[133] RubĂ©n Gilardi, âRedes de Truequeâ in: Jefatura de Gabinete de Ministros (Hg.) Documentos de Apoyo del Seminario-Taller âLa economĂa social en Argentina. Nuevas experiencias y estrategias de institucionalizaciĂłnâ, Universidad Nacional de San MartĂn, Buenos Aires, 2003, S. 73
[134] Interview vom 04. 06. 2003 mit Ana Luz Abramowich und Gonzalo VĂĄzquez vom Instituto del Conurbano der Universidad Nacional de General Sarmiento (UNGS) in San Miguel, Buenos Aires
[135] Marcela Maruelli, bereits zitiertes GesprĂ€ch; âund kamen desillusioniert zurĂŒck.â (eigene Ăbersetzung)
[136] Carlos del Valle, bereits zitiertes GesprĂ€ch; âZ.B. Mar del Plata fĂŒllte sich mit CrĂ©ditos anderer Zonen aufgrund der simplen Tatsache, dass die Sommerfrischler des Netzwerkes mehr Papierchen [=CrĂ©ditos]
als Waren hinbrachten, wenn sie ĂŒberhaupt welche brachten. Der nĂ€chste Fall war GualeguaychĂș in der Provinz Entre RĂos. Leute aus Buenos Aires veranstalteten Kauftouren mit Papierchen. Ein anderer Fall war der
der Nordzone Santa Fes (CalchaquĂ und andere StĂ€dte) mit den CrĂ©ditos aus Rosario. Auf einem Interzonaltreffen erklĂ€rten sie, sie wĂŒrden die CrĂ©ditos aus Rosario nicht mehr in ihren Nodos akzeptieren, fĂŒr mich völlig zu recht.â (eigene Ăbersetzung)
[137] Vgl. Lietaer, S. 343f.
[138] Hintze, S. 21; âeine Ausweitung des Vertrauensbereichs auf Hunderte (spĂ€ter Tausende) von Nodos und Zehntausende (spĂ€ter Millionen) von Personen.â (eigene Ăbersetzung)
[139] Vgl. Douthwaite / Diefenbacher, S. 78
[140] Coraggio, S. 263; âpermanente Alternative zur BedĂŒrfnisbefriedigungâ
[141] Marcela Maruelli, bereits zitiertes GesprĂ€ch; âEs begann der
RĂŒckgang der Prosumenten und folglich der Produktmangel, und na ja, alles begann auseinander zu brechen, immer weniger und weniger, bis wir nur noch 25 Personen waren und schon ohne Produktvielfalt, nun, deshalb
entschloss man, das System zu schlieĂen.â (eigene Ăbersetzung)
[142] Primavera / del Valle, S. 12; âSeine einzige Deckung ist [âŠ] das gegenseitige Vertrauen, wobei alle Teilnehmer fĂŒr alles
verantwortlich sind.â (eigene Ăbersetzung)
[143] Marcela Maruelli, bereits zitiertes GesprĂ€ch; âAls der Nodo 70 Personen hatte, war es viel besser als mit den 160 Personen, die wir spĂ€ter hatten, weil wir viel verantwortungsbewusster waren. Wir waren geeinter und etwas besser organisiert.â (eigene Ăbersetzung)
[144] Jorge Marchini, bereits zitiertes GesprĂ€ch; âDeshalb sind diese Nodos von ĂŒber 3000 Personen, so wie es sie letztes Jahr gab, von vorneherein instabil. Es ist Ă€uĂerst wichtig, dass die Prosumenten sich kennen, damit die soziale Kontrolle innerhalb der Gruppe garantiert ist.â (eigene Ăbersetzung)
[145] Der Vorschlag wurde wĂ€hrend einer Evaluationsrunde des Nodo âMontserratâ gemacht.
[146] Primavera / del Valle, S. 3; âin der alle untereinander kooperieren und aus dem Netz in
gleichem MaĂe nehmen, wie sie anbieten.â (eigene Ăbersetzung)
[147] Heloisa Primavera, bereits zitiertes GesprĂ€ch; âDas System ist instabil, da es sich in einem anderen Paradigma entwickelt, dem
Paradigma der kapitalistischen Wirtschaft. Und es bewies, dass die Leute in ihrem Umgang mit dem Geld des Trueque das Verhalten mit dem Geld des offiziellen Systems wiederholten.â (eigene Ăbersetzung)
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