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SOZIALÖKONOMIE.INFO

Werner Onken:
Das Verhältnis der Geld- und Bodenreformbewegung zum Judentum und zum Antisemitismus

 „Im Zusammenleben der Völker und innerhalb der Geschichte der Menschheit haben wir einen Anspruch darauf, ‚ein Volk wie alle Völker’ und Menschen unter Menschen zu sein.“ 
Hannah Arendt am 5. Juni 1942
[1]

Übersicht

Einleitung
Antisemitismus im Sozialismus, Kommunismus und Anarchismus
Gesells Einstellung zum Judentum und zum Antisemitismus
3.1  Grundzüge der Geldreform
3.2  Banken, Börsen, Unternehmen und Handel in kapitalistischen Marktwirtschaften
3.3  Banken, Börsen, Unternehmen und Handel nach einer Geld- und Bodenreform
3.4  Bodenreform: Die Erde als Gemeinschaftsgut der ganzen Menschheit
3.5  Gesell und seine Anhängerschaft während der 1920er Jahre
3.6  Das Verhältnis der Geld- und Bodenreformbewegung zur frühen zionistischen Besiedlung Palästinas
3.7  Geld- und Bodenreform während der NS-Diktatur
3.8  Geld- und Bodenreform nach 1945
Resümee
Literatur
Anmerkungen


1    Einleitung

In den letzten Jahren wurde gegenüber der auf Silvio Gesell (1862 – 1930) zurückgehenden Geld- und Bodenreform mehrfach der Verdacht erhoben, sie sei ein antisemitisches Gedankengebilde.[2] Vor dem Hintergrund sich erneut ausbreitender antisemitischer Ideologien[3] entsprang dieser Verdacht zum einen offenbar der verständlichen Sorge, dass auch Gesells Geld- und Bodenreform sich als ein Vehikel des Antisemitismus erweisen könnte. Die Stigmatisierung der Geld- und Bodenreform als antisemitisch könnte zum anderen aber auch von dem Wunsch motiviert sein, den Anspruch von Marxisten auf die ‚richtige’ Erklärung des Kapitalismus gegenüber einem konkurrierenden Erklärungsansatz zu verteidigen. Ohne hierzu vorliegende Klärungs- und Verständigungsbemühungen zur Kenntnis zu nehmen[4], werden diese Vorwürfe insbesondere von Peter Bierl weiterhin erhoben  - zuletzt im Zusammenhang mit einer  von der Hans-Böckler-Stiftung unterstützten Veranstaltungsreihe über die „Macht des Geldes“.[5]

   Anhand von Quellentexten soll nachfolgend nochmals gezeigt werden, dass der Silvio Gesell gegenüber erhobene Vorwurf des Antisemitismus trotz dreier problematischer Aussagen in seinem gesamten Werk nicht berechtigt ist.  Unrecht geschieht ihm auch mit der Unterstellung, dass die Geld- und Bodenreform einen unausgesprochenen „strukturellen Antisemitismus“ enthalte, aus dem sich eine „Anschlussfähigkeit an den Antisemitismus“ ergebe. Diese Unterstellung begründet insbesondere Robert Kurz mit dem Hinweis, dass auch die Geld- und Bodenreform dem „Geldfetischismus“ erliege, den Marx bereits als zentrale Lebenslüge der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft offen gelegt habe.[6] Die arbeitsteilige Differenzierung der Gesellschaft mit ihrer Warenproduktion und ihrer Integration durch Geld generell in Frage zu stellen, wirft jedoch die  - bislang unbeantwortete  -  Frage auf, wie sich die Gesellschaft ohne Markt und ohne Geld besser organisieren ließe. Und sie versperrt geradezu den Blick auf die Möglichkeit einer Entfetischisierung des Geldes zu einem Mittel der herrschaftsfreien Integration der arbeitsteiligen Gesellschaft. Schließlich stellt die Geld- und Bodenreform entgegen dem Eindruck von Peter Bierl[7] die Konzentration privaten Produktionsmitteleigentums und das Lohnarbeitsverhältnis sehr wohl in Frage.

   Antisemitismus im Sozialismus, Kommunismus und Anarchismus           [Übersicht]

   Der Gesell gegenüber erhobene Verdacht einer antisemitischen Gesinnung entbehrt auch jeder Berücksichtigung zeitgeschichtlicher Zusammenhänge. Er lässt außer Acht, dass sich nach einer mit der Französischen Revolution einsetzenden Phase der Judenemanzipation ab Mitte des 19. Jahrhunderts erneut judenfeindliche Ideologien in allen Gesellschaftsschichten und politischen Lagern ausbreiteten  -  auch in den gesellschaftskritischen Bewegungen des Sozialismus, Kommunismus und Anarchismus einschließlich ihrer Vordenker. Im Vergleich damit und erst recht mit dem damaligen nationalkonservativen Zeitgeist war Silvio Gesell gegenüber dem Judentum alles in allem sogar erstaunlich positiv eingestellt.

   Schon der junge Marx, der selbst einer jüdischen Familie entstammte, empfand eine starke Abneigung gegen den jüdischen Glauben.[8]  In seiner Frühschrift „Zur Judenfrage“ aus dem Jahr 1843 lehnte er zwar die politische Emanzipation der Juden nicht ab; er sah darin aber nur eine Anerkennung dieses „Volkes der Schimäre“ als eine die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft beherrschende Schicht von „Geldmenschen“: „Betrachten wir nicht den Sabbatsjuden, sondern den Alltagsjuden. Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus der Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld.“ Marx’ Frühschrift endete mit der Hoffnung auf eine „Emanzipation vom Judentum“.[9]

   Dieselbe Hoffnung sprachen Marx und Engels auch in der „Heiligen Familie“ (1845) aus. Darin machten sie dem linkshegelianischen Theologen Bruno Bauer den Vorwurf nicht erkannt zu haben, „dass das wirkliche weltliche Judentum und darum auch das religiöse Judentum fortwährend von dem heutigen bürgerlichen Leben erzeugt wird und im Geldsystem seine letzte Ausbildung erhält.“[10]

   Zwischen ausbeutenden und ausgebeuteten Juden unterschied Marx nicht. Aus seiner späteren materialistisch-atheistischen Weltanschauung ergab sich eine generelle Ablehnung der Religionen als „Opium des Volkes“ (in der „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“), wobei er noch eine besondere Abneigung gegenüber der jüdischen Religion hegte. In seinem Hauptwerk „Das Kapital“ (1867) blieb sie allerdings im Hintergrund. Über die „Verwandlung von Geld in Kapital“ heißt es dort eher beiläufig: „Der Kapitalist weiß, dass alle Waren … im Glauben und in der Wahrheit Geld, innerlich beschnittene Juden sind und zudem wundertätige Mittel, um aus Geld mehr Geld zu machen.“[11] Außerdem enthalten Briefe von Marx an Engels herabwürdigende Äußerungen über Ferdinand Lassalle als „jüdischen Nigger“.[12] Und an den präzionistischen Gedanken des jüdischen Publizisten Moses Hess, mit dem er die „Rheinische Zeitung“ redigierte, zeigte Marx offensichtlich kein Interesse.[13]

   Anders als Marx revidierte Engels in seinen späten Lebensjahren seine Vorurteile über Juden als wuchernde und spekulierende „Börsenjuden“.[14] Dazu könnte beigetragen haben, dass Engels im Londoner East End das Elend Tausender polnischer und russischer Juden vor Augen hatte, die vor den Pogromen in ihren Heimatländern geflohen waren und nunmehr eine jüdische Arbeiterbewegung zu bilden begannen. Fortan erkannte Engels, dass es neben jüdischen Bankiers wie den Rothschilds noch einflussreichere nichtjüdische Bankiers gab, dass die europäische Kultur jüdischen Intellektuellen sehr viel zu verdanken hatte und dass die internationale Arbeiterbewegung durch Adler, Bernstein und andere Juden eine bedeutende Verstärkung erfahren hatte. Den Antisemitismus betrachtete Engels deshalb während seines letzten Lebensjahrzehnts nach Marx’ Tod als „nichts anderes als eine Reaktion mittelalterlicher, untergehender Gesellschaftsschichten gegen die moderne Gesellschaft, die wesentlich aus Kapitalisten und Lohnarbeitern besteht. Sie dient daher nur reaktionären Zwecken unter scheinbar sozialistischem Deckmantel und damit können wir nichts zu schaffen haben.“[15]

   Engels’ Abwendung vom Antisemitismus wurde jedoch nicht von der gesamten Arbeiterbewegung nachvollzogen. Während August Bebel 1892 auf dem Berliner Parteitag der Sozialdemokratie eine Mehrheit für eine Resolution gegen den Antisemitismus erreichte, waren Franz Mehring, Wilhelm Liebknecht und andere davon überzeugt, dass „die Antisemiten ackern und säen und wir Sozialdemokraten ernten werden“.[16] In seiner „Geschichte der deutschen Sozialdemokratie“ sprach Mehring trotz seiner Freundschaft mit der polnischen Jüdin Rosa Luxemburg weiterhin von sog. „Geldjuden“. Daran nahm Rosa Luxemburg ebenso wenig Anstoß wie an Marx’ Frühschrift „Zur Judenfrage“.[17]

   Vor dem ersten Weltkrieg hatten die Sozialdemokraten durchweg eine möglichst vollständige Assimilation der Juden in Europa befürwortet und die Bildung einer eigenen jüdischen Nation in Palästina abgelehnt. Während Bernstein nach dem Krieg eine positive Einstellung zu dem von Theodor Herzls Buch „Der Judenstaat“ (1896) ausgelösten Zionismus entwickelte[18], blieb Karl Kautsky bei seiner strikten Ablehnung der Bildung einer jüdischen Nation. Kautsky hoffte, dass sich das Judentum im Zuge seiner Assimilation in die bürgerliche Gesellschaft und deren revolutionärer Überwindung zugunsten einer „Schaffung neuer, höherer Menschen“ ganz auflösen würde. „Freunde des menschlichen Fortschritts“ hätten keinen Grund, „dem Judentum eine Träne nachzuweinen.“[19] Und noch 1921 konstatierte Bernstein eine Neigung der sozialdemokratischen Presse, „Juden und kapitalistische Ausbeuter als ein und dasselbe darzustellen.“[20] Gemäß einer Studie von Rosemarie Leuschen-Seppel über das Verhältnis der Sozialdemokratie zum Antisemitismus „unterlagen vielfach auch Sozialdemokraten der Gefahr, die stereotypen und klischeehaften Vorstellungen über ‚den Juden’ unkritisch zu übernehmen und weiter zu vermitteln“, wobei allerdings Marx’ Frühschrift über die Judenfrage „nicht maßgeblich“ gewesen sei.[21]

      Obwohl die 1919 ermordete Rosa Luxemburg antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt war und sich als „ewig Fremde“ fühlte, betrachtete sie den Antisemitismus nicht als einen Ausdruck von religiöser Intoleranz, sondern nur als ein nebensächliches Problem, das sich nach einem revolutionären Übergang zu einer klassenlosen kommunistischen Gesellschaft von selbst erledigen werde. Dann würden auch die Nationen der Welt miteinander verschmelzen, so dass die Wiederherstellung kleinerer Nationen wie der polnischen oder gar die Schaffung einer eigenen jüdischen Nation in Palästina nicht nötig seien.[22]

   Trotz ihrer atheistischen Grundhaltung hegten die Sowjetdiktatoren Lenin und   anfangs auch Stalin keine besonderen Feindseligkeiten gegenüber Juden und kritisierten die brutalen Judenverfolgungen während der Zarenherrschaft. Aber auch nach der Oktoberrevolution waren Juden in Russland keineswegs sicher vor Verfolgungen. Als Befürworter ihrer Assimilation und als „entschiedene Gegner ihrer national-kulturellen Autonomie“ lehnten Lenin und Stalin den Zionismus strikt als „falsch und reaktionär“ ab.[23] Im Laufe der Zeit entwickelte auch Stalin eine feindselige Einstellung gegenüber Juden. Seinen jüdischen Rivalen Leo Trotzki, der im Übrigen den Zionismus ebenfalls ablehnte, trieb er 1929 ins Exil. So wie Stalin später Millionen Angehörige von nationalen Minderheiten zwangsweise nach Sibirien oder Zentralasien umsiedelte, so billigte er auch die Schaffung eines besonderen jüdischen Siedlungsgebiets nördlich von Wladiwostok im äußersten Osten der Sowjetunion.[24]   

3      Gesells Einstellung zum Judentum und zum Antisemitismus                    [ Übersicht]

   Im deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik waren Juden tatsächlich „in den ‚sensiblen’ Bereichen Geschäftsleben und Finanzen, Journalismus und Kultur, Medizin und Justiz relativ stark vertreten“. (Saul Friedländer[25]) Jedoch wurden ihre wirtschaftliche Macht und ihr politischer Einfluss vielfach stark überschätzt. Nach dem Übergang von der feudalistischen zur kapitalistischen Gesellschaft war Hannah Arendt zufolge schließlich „der jüdische Reichtum gemessen an imperialistischen Geschäften eine quantité négligeable.“ Die Ursachen der Krisen, Depressionen und Finanzskandale gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren „rein wirtschaftlicher Art“. Statt sie – wie es nach Hannah Arendt notwendig gewesen wäre - „in einer Überproduktion von Kapital zu suchen“ und die Strukturen der Wirtschaft zu ändern, wurden jüdische Personen für die Krisen und Finanzskandale verantwortlich gemacht, die in all diesen Fällen aber „nur die sekundäre Rolle von Mittelsmännern spielten. … Mehr und mehr Juden verließen das Bankgeschäft und wurden unabhängige Geschäftsleute. Und die Söhne der begüterten jüdischen Häuser drängten unaufhaltsam aus dem Geschäftsleben in die reinen Kulturberufe.“[26]

   Von konservativen und völkischen Kreisen und auch von Teilen der Arbeiterbewegung wurden Juden dennoch weiterhin als „Hofjuden“ und „Geldjuden“ dämonisiert. Angesichts dieser Zeitumstände ist es umso bemerkenswerter, dass in Gesells Gesamtwerk nur drei Äußerungen von diesen Zeitumständen geprägt sind, in denen der Wucher in unzulässiger Weise mit jüdischen Finanziers in Verbindung gebracht wird. Im Übrigen hat Gesell mit der Geldreform das Tor zu einer Kapitalismusanalyse geöffnet, mit der sich die unheilvolle Identifikation des Kapitalismus mit dem Judentum überwinden lässt.

Mit der Geldreform wies er einen Ausweg aus der Projektion sozialer Missstände auf Juden und analysierte den Kapitalismus als das, was er tatsächlich ist: nämlich ein Problem der strukturellen Macht, die dem Geld völlig unabhängig von der Herkunft, Hautfarbe und Religion der Menschen innewohnt, die es für wirtschaftliche Austausch- sowie Spar- und Kreditvorgänge verwenden.

3.1   Grundzüge der Geldreform                                                                                [Übersicht]

   In seinen 1891/92 in Argentinien entstandenen Frühschriften wandte sich Gesell gegen antisemitische Hetzkampagnen, wie sie in Deutschland von dem Historiker Heinrich von Treitschke („Die Juden sind unser Unglück.“) oder von dem christlich-sozialen Theologen Adolf Stöcker geschürt wurden, als die Gründerzeit von einer Wirtschaftsdepression abgelöst wurde: „Hat Herr Stöcker ein Recht die Juden zu verfolgen? Ist nicht das Geld eine öffentliche Einrichtung? Kann nicht jeder, wenn er dazu befähigt ist, den Juden Konkurrenz machen? Die Judenhetzerei ist eine kolossale Ungerechtigkeit und eine Folge einer ungerechten Einrichtung, eine Folge des heutigen Münzwesens. Wo Aas ist, das versammeln sich die Adler. Will man die Adler vertreiben, so braucht man die Lockspeisen nur fortzuschaffen und die Adler werden von selber verschwinden, ohne dass es nötig sein wird, auch nur einen einzigen zu töten. Die Münzreform macht es unmöglich, dass jemand erntet ohne zu säen, und die Juden werden durch diese gezwungen werden, die Verwertung ihrer großen geistigen Fähigkeiten nicht mehr im unfruchtbaren Schacher zu suchen, sondern in der Wissenschaft, Kunst und ehrlichen Industrie. Die Münzreform schützt die Juden nicht allein vor jeder weiteren Verfolgung, sondern sie sichert auch der deutschen Wissenschaft und Gesetzgebung die Mitwirkung des jüdischen Scharfsinnes.“[27] Getrübt wird diese frühe Kritik Gesells am Antisemitismus  dadurch, dass sie die damals weit verbreitete Assoziation von Juden mit dem „unfruchtbaren Schacher“ enthielt. Andererseits waren ihm Juden in Wirtschaft, Politik und Kultur auch damals schon sehr willkommen.

   Ein weiteres Mal trat Gesell dem Antisemitismus in seinem in Argentinien verfassten und 1909 in Deutschland veröffentlichten Buch „Aktive Währungspolitik“ entgegen. Darin ist die Assoziation von Juden mit dem „unfruchtbaren Schacher“ aufgelöst: „Dem aufmerksamen Beobachter entgeht es nicht, dass der Sinn für den Wucher, den Schacher, das Glücksspiel, das arbeitslose Einkommen im deutschen Volke mächtig im Zunehmen begriffen ist. Wäre dieser Schachergeist ein spezifischer Charakterzug der Juden (was er nach unserer Beobachtung durchaus nicht ist), so könnte man die Behauptung der Antisemiten, dass das deutsche Volk verjüdelt sei, gelten lassen. Aber die ‚Verjüdelung’ haben weniger die Juden als die Reichsbank verursacht. Jedes Volk passt sich den Verhältnissen an. Und wenn die Reichsbank mit ihrer auf Hausse und Baisse, auf immerwährende Differenzen gerichteten Politik den Schacher großzieht, so darf man sich nicht wundern, dass zuletzt selbst der schönste Arier schäbig wird.“[28]

   Aus dem Rahmen dieser Auffassung, dass der Wucher ein generelles Problem der kapitalistischen Wirtschaft darstellt, fällt eine Äußerung Gesells aus der Zeit des ersten Weltkriegs, in der er bedauerlicherweise den Geldwucher nochmals mit den Juden assoziierte, um ihn dann sogleich mit dem Brotwucher nichtjüdischer (Groß-)Agrarier auf eine Stufe zu stellen bzw. den Brotwucher (also den Verkauf von Brot zu überhöhten Preisen) als „noch etwas schmutziger“ hinzustellen, „denn der Brotwucher erzeugt oft erst die Not, die zum Geldwucher führt.“[29]

   Die Ursachen der Macht des Geldes hatten nach Auffassung von Gesell nichts mit dem Judentum zu tun. Vielmehr sah er darin ein von der Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht und Religion der Menschen völlig unabhängiges Problem der inneren Struktur des kapitalistischen Geldes. Dessen Hortbarkeit und dessen im Vergleich zur menschlichen Arbeit sowie zu den Gütern und Diensten höhere Liquidität verleihen dem Geld einen Privilegienstatus gegenüber allen Menschen. Gegen eine Identifikation des Zinses mit den Juden und seine pauschale Verurteilung spricht auch die Tatsache, dass Gesell zwischen berechtigten und problematischen Bestandteilen des Zinses unterschied. Für berechtigt hielt er die im Zins enthaltene Bankvermittlungsgebühr und die Risikoprämie, während er den bislang ebenfalls noch im Zins enthaltenen Inflationsausgleich und vor allem den „Urzins“ für überwindbar hielt.[30] Das mit diesem „Urzins“ behaftete nicht-neutrale, sondern parteiische kapitalistische Geld trägt unmerklich Asymmetrien in alle wirtschaftlichen Prozesse hinein und führt zu einer Spaltung der Gesellschaft  -  aber nicht zu einer Spaltung in klar voneinander abgrenzbare ‚gute’ oder ‚böse’ ‚Klassen’ und ‚Rassen’, sondern der Spalt geht durch jeden einzelnen Menschen hindurch. Die kleineren und größeren Ungleichgewichte in unzähligen Tausch- und Kreditprozessen summieren sich zu einer ungerechten Verteilung von Einkommen und Vermögen, sie erzeugen Machtballungen auf den Kapital-, Arbeits- und Gütermärkten und führen zur Fehlsteuerung von Produktion und Konsum. So werden in kapitalistisch vermachteten Marktwirtschaften sowohl Banken und Börsen als auch Produktions- und Handelsunternehmen zu in sich widersprüchlichen Institutionen, die einerseits Dienstleistungen für die Gesellschaft erbringen und sie andererseits auch ausbeuten und beherrschen.

3.2       Banken, Börsen, Unternehmen und Handel in kapitalistischen Marktwirtschaften
                                                                                                                                    
[
Übersicht]

   Im Gegensatz zur klassisch-neoklassischen Ökonomie, die die Nichtneutralität des Geldes und die Vermachtung der Märkte aus ihren Modellen ausklammerte, verwies Gesell auf die Problematik der wirtschaftlichen Macht, die sich auch auf die Politik und die Religion/Kultur überträgt. Anders als der nationalsozialistische oder kommunistische Antikapitalismus benutzte er aber keine dämonisierenden Feindbilder wie „die (jüdischen) Banken“ oder „die Börsen“, die sich angeblich verschworen hätten, um die Herrschaft über die Welt zu erringen. In seinem Werk gibt es keine einzige Bezugnahme auf Verschwörungstheorien oder gar auf die gefälschten „Protokolle der Weisen von Zion“[31], die das Strukturproblem der Macht des Geldes unzulässigerweise personalisieren und ihr tieferes Verständnis dadurch unmöglich machen.

●  Im Zusammenhang mit der Stellung der Banken in der Gesellschaft sprach Gesell vor allem in den frühen 1920er Jahren zwar auch wie ‚rechte’ und ‚linke’ Autoren zuweilen von einer „mächtigen Bankwelt“, von einer „Hochfinanz“ oder von einer „Bankokratie“, welche der Demokratie entgegensteht.[32] Aber er untersuchte das Geschehen auf den Kreditmärkten ausschließlich im Hinblick auf das Verhältnis zwischen dem gesamten Kreditangebot und der gesamten Kreditnachfrage, ohne dabei auch nur ein einziges Mal den von nationalsozialistischen Ideologen wie Gottfried Feder verwendeten Begriff „Leihkapital“ zu benutzen.[33] Damit war Gesell innerhalb des gesamten Spektrums von in- und ausländischen Geldreformbestrebungen einer der wenigen, die die Kritik am Geld- und Kreditwesen nicht mit antisemitischen Vorurteilen verknüpften wie der französische Sozialreformer Pierre Proudhon im 19. Jahrhundert oder die englischen Geldreformer Arthur Kitson und Major Douglas, die nach dem ersten Weltkrieg eine Social-Credit-Bewegung in Kanada, England und Neuseeland initiierten.[34]

●  Ebenso wandte sich Gesell von Anfang an dagegen, die Börsen zu Sündenböcken für gesellschaftliche Missstände zu machen: „Man flucht über die Börse. Man nennt sie einen Giftbaum. Und niemand sieht ein, dass das Geld, das Goldene Kalb der wirkliche Giftbaum ist. Die ewige Verwechslung der Wirkung mit der Ursache wird auch hier nicht erkannt.“[35]

   Ähnlich wie der späte Friedrich Engels nannte Gesell jüdische und nichtjüdische „Börsenkönige“, „Börsenfürsten“ und „Börsenräuber“ wie die Rothschilds auf der einen und Morgan oder Rockefeller auf der anderen Seite in einem Atemzug. Nach den Erfahrungen mit der im August 1907 von Morgan ausgelösten Börsenpanik und Wirtschaftskrise hielt er Morgan und Rockefeller für gefährlicher als „unsere kleinen“ jüdischen Börsenspekulanten.[36]

   Wie die „Bankpaläste“ erschienen Gesell auch die Börsen nur als äußerlich sichtbare Symptome einer tiefer liegenden, im nicht-neutralen Geld wurzelnden kapitalistischen Schieflage von Wirtschaft und Gesellschaft. Störungen der Geldzirkulation, ein dauerhaft überhöhtes Zinsniveau und Kaufkraftschwankungen führen zu einem Wechsel von Börsenstimmungen, zu überhöhten Kursschwankungen oder gar zur Gefahr von Börsencrashs an besonders schwarzen Tagen. Unter diesen Umständen entsteht ein Nährboden für Spekulationen   auf Kursschwankungen  sowie für Panikkäufe und –verkäufe. Die Börsen werden unabhängig von der Herkunft, Hautfarbe und Religion der Börsianer zu „Spielhöllen“, in denen  -  was Gesell ausdrücklich betonte  -  „dasganze Volk das Börsenspiel mitspielt.“[37]

●  Entsprechend differenziert war auch sein Blick auf Kapitalisten, Unternehmer und Arbeiter. Statt raffendes und schaffendes Kapital oder Kapitalisten und Proletarier als unversöhnliche Rassen bzw. Klassen einander gegenüberzustellen, sah Gesell sowohl den unauflöslichen Gesamtzusammenhang von Geld- und Realkapital als auch die komplexen Beziehungen zwischen dem Geld-/Realkapital einerseits und der Arbeit andererseits  - zu der er im Übrigen nicht nur die Arbeit des Industrieproletariats zählte, sondern auch die Arbeit von Bauern, Handwerkern, Technikern, Geistlichen, Lehrern, Wissenschaftlern, Angestellten, Kaufleuten usw. „Als Arbeiter gilt jeder, der vom Ertrag seiner Arbeit lebt.“[38] Die Trennlinie zwischen gut und böse scheidet nicht Klassen oder Rassen voneinander, sondern sie geht durch jeden einzelnen Menschen hindurch und macht sie alle  -  unabhängig davon, ob sie Juden, Christen, Muslime, Anders- oder Ungläubige sind -  in unterschiedlichen Ausmaßen und in hierarchischer Schichtung sowohl zu Ausbeutern als auch zu Ausgebeuteten.

   Je nach der Zusammensetzung von Eigen- und Fremdkapital in einem Unternehmen sind ihre Inhaber Kapitalisten und Unternehmer „in Personalunion“. Aus dem Unternehmensgewinn bedienen sie das Fremdkapital, beanspruchen einen Zins für ihr Eigenkapital und zahlen ihrer Belegschaft Löhne und Gehälter, bevor sie einen Unternehmerlohn für ihre unternehmerische Tätigkeit erhalten. „Unternehmer in ihrer Eigenschaft als Leiter, also auch als Arbeiter, haben mit den Arbeitern antikapitalistische Interessen gemein. Meistens sind sie aber Arbeiter und Kapitalist in Personalunion. Wo der Kapitalist vorherrscht, hört auch die Freundschaft auf.“[39] Und schließlich sind auch Arbeiter und Angestellte in dem Umfang Kapitalisten, in dem sie Zinsen für Sparguthaben beziehen oder Kleinaktionäre sind.     

   Das Geld- und Realkapital sowie die menschliche Arbeit bilden in Gesells Geld-, Urzins- und Kapitaltheorie einen unauflöslichen Gesamtzusammenhang, wobei der Charakter als zinstragendes Kapital vom Geld als dem „Urkapital“ aufgrund seiner Knappheit auf das Realkapital übertragen wird. Vom Geldkapital abgeleitet, werden auch Produktionsmittel zu Instrumenten der Ausbeutung von menschlicher Arbeit. Die andauernde Schieflage des Kapitalmarktes, auf dem die Kapitalnachfrage das Kapitalangebot übersteigt, verwandelt alle Produktionsmittel in zinstragende Kapitalgüter, wobei es unerheblich ist, ob sie sich im privaten, staatlichen, genossenschaftlichen, gewerkschaftlichen oder kirchlichen Eigentum befinden und welchen Religionen die Eigentümer angehören.[40]      

●  Schließlich gibt es in Gesells Werken keine einzige Aufforderung, Geschäfte mit Juden zu unterlassen oder Kaufhäuser mit jüdischen Inhabern zu boykottieren.[41] Nirgendwo charakterisierte er den Handel an sich oder speziell den von Juden betriebenen Handel als ‚unproduktiv’. Unabhängig von ihrer Herkunft und Religion betrachtete er jüdische wie nichtjüdische Kaufleute und Händler unterschiedslos als Angehörige eines Berufsstandes, der seine „sozialen Aufgaben“ als ein die Menschen und Völker miteinander verbindender „ehrlicher Handel“ nur unzureichend erfüllen kann, weil die ungerechte Einkommens- und Vermögensverteilung sowie der Wechsel von Inflation und Deflation den gesamten Handel zu einer „Spielbank“ machen.[42]

3.3       Banken, Börsen, Unternehmen und Handel nach einer Geld- und Bodenreform
                                                                                                                                    
[
Übersicht]

   Ohne jüdische oder andere Minderheiten zu diskriminieren, wollte Gesell mit Hilfe einer Geldreform die strukturelle Macht des Geldes überalle Menschen überwinden und sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene ein strukturell gerechtes Geldwesen für alle Menschen schaffen. Im Vorwort zur dritten Auflage seines Hauptwerks hob er ausdrücklich hervor, dass es ihm mit seinen Geld- und Bodenreformvorschlägen darum gehe, „allen Menschen, restlos allen Menschen die Quellen der Lebensfreude zugänglich zu machen“.[43] 

   Gesells Kritik an der damaligen Goldwährung hatte im Gegensatz zu der von Gottfried Feder formulierten NS-Ideologie nichts mit einer Aversion gegen eine angebliche „goldene Internationale“ einer sog. „jüdischen Hochfinanz“ zu tun.[44] Sie ging stattdessen von der Überlegung aus, dass sich zum einen die Menge des Geldes nicht stabilitätsgerecht an die Bedürfnisse der Wirtschaft anpassen lasse, da Goldfunde vom Zufall abhingen. Und zum anderen böte ein aus Papier statt aus Gold oder Silber hergestelltes Geld die Möglichkeit, die einzelnen Geldzeichen einer ihre Zirkulation verstetigenden periodischen Wertminderung im Sinne der „rostenden Banknoten“ auszusetzen und die Menge der Geldzeichen so zu steuern, dass die Kaufkraft der Währung stabil wird.[45]

   Nach der Einführung eines solchen strukturell gerechten Geldes werden das Kapitalangebot und die Kapitalnachfrage im Laufe einer Übergangszeit bei einem Zinsniveau von nahe Null zum Augleich kommen, so dass sowohl das Geld als auch die Produktionsmittel ihren Kapitalcharakter verlieren und nur noch Hilfsmittel des Wirtschaftens sind.[46] In einer nachkapitalistischen Marktwirtschaft würden sowohl Banken und Börsen als auch Produktions- und Handelsunternehmen allmählich ihren Doppelcharakter als Dienstleistungsunternehmen und Machtgebilde ablegen und schließlich nur noch ihre für die Gesellschaft unverzichtbaren Funktionen erfüllen.

●   Mit dem allmählichen Absinken des Zinsniveaus verschwinden der „Urzins“ (Gesell) bzw. die Liquiditätsprämie“ (Keynes) und der Inflationsausgleich aus dem Zins. Etwas oberhalb von Null würden sich die Marktzinssätze und die Grenzleistungsfähigkeit des Realkapitals um ein neues Gleichgewicht einpendeln, welches dann nur noch aus der Bankvermittlungsgebühr und der Risikoprämie besteht. Unabhängig von ihrer Herkunft und Religionszugehörigkeit steht es allen Menschen frei, Bankgeschäfte zu betreiben. Und die Banken könnten weiterhin in einer breiten Vielfalt von privaten, öffentlich-rechtlichen, genossenschaftlichen, gewerkschaftlichen und kirchlichen Rechtsformen ihre Aufgabe wahrnehmen, Ersparnisse auf dezentrale Weise in Investitionen zu lenken; aber sie könnten keine Macht mehr über die übrige Wirtschaft ausüben, weil das Geld bei stetiger Zirkulation kaum noch Zeit hat, sich „auf Ruhebänken anzusammeln“.[47] Auch eine weitere Konzentration von Geld und Produktionsmitteln wäre nicht mehr möglich. 

●   Nach einer Geldreform wird „die alte Börsenherrlichkeit ein Ende nehmen“. Im Zuge einer Stabilisierung von Geldzirkulation und Kaufkraft der Währung sowie eines Absinkens des Zinsniveaus gegen Null wird „die Sonne am Himmel der Spekulation“ untergehen. Hinzu kommen die Auswirkungen einer Bodenreform, welche den Boden entkapitalisiert und der Spekulation entzieht. Die Kurse der Wertpapiere schwanken dann nur noch in einem so geringen Umfang, bei dem „differenzenschwangere“ Spekulationskäufe und –verkäufe sinnlos werden. Die Schaffung einer „Internationalen Valuta-Assoziation“, die Keynes in seinem „Bancor-Plan“ zu einer „International Clearing Union“ weiterentwickelte, würde obenrein der Spekulation mit Devisen ihre Grundlage entziehen.[48]

●   Sobald das Kapitalangebot und die Kapitalnachfrage bei einem Zinsniveau von nahe Null ins Gleichgewicht kommen, verlieren auch die Realkapitalien ihren Ausbeutungscharakter. Unternehmer ebenso wie Arbeiter schlüpfen aus ihrer Doppelrolle, die sie gleichzeitig zu großen und kleinen Kapitalisten gemacht hatte, und begegnen sich neu als gleichermaßen Arbeitende  -  aber nicht in der Form einer faschistischen Korporation wie der sog. Deutschen Arbeitsfont. An die Stelle der bislang hierarchisch organisierten Lohnarbeit kann eine neue egalitäre Balance von Arbeitgebern und Arbeitnehmern treten, welche auf der Grundlage eines vollen Arbeitsertrags neue Freiräume für die Gestaltung der Arbeitswelt mit frei vereinbarten flexiblen Arbeitszeiten eröffnet: „Ich bin Individualist und lehne für den Menschen jede Bevormundung durch andere Menschen ab. Die Selbstständigkeit, die Selbstverantwortung will ich verstärken“, schrieb Gesell in seiner Münchener Verteidigungsrede. „Keine Proletarier, nicht einen; keine Knechte, keine Herren! Alle diese Abhängigkeiten will ich auflösen und das Lohnverhältnis der Arbeiter zum Unternehmer durch Sicherung ihrer wirtschaftlichen Unterlagen, durch Auflösung der Arbeiterreservearmee zu einem gewöhnlichen Handelsvertrag gestalten, bei dem keinem der beiden Teile ein Übergewicht verbleiben wird.“[49]

   Für „Dichter, Naturforscher, Astronomen, Chemiker, Geistliche aller Religionen und Konfessionen, Schauspieler“, die lediglich eine materielle Basis für ihre wissenschaftlichen und künstlerischen Tätigkeiten suchen und davon durch eine unternehmerische Mitverantwortung nur abgehalten würden, sollte es Möglichkeiten einer freiwilligen Teilzeit-Lohnarbeit geben.[50] Arbeiter sollten Möglichkeiten bekommen, entweder ihre Ersparnisse in Aktien der sie beschäftigenden Unternehmen anzulegen  -  „allerdings ohne von diesen Aktien dann noch mehr als die gewöhnlichen Abschreibungen erwarten zu dürfen“  -  oder sich mit anderen vormaligen Lohnarbeitern in genossenschaftlichen Mitarbeiterunternehmen selbstständig zu machen. Entsprechende Entfaltungsmöglichkeiten sollte es für „Genossenschaften, für kommunistische, anarchistische, sozialdemokratische Kolonien, für kirchliche Gemeinden“ geben.[51] Im Laufe einer solchen Dezentralisierung der Produktionsmittel in unterschiedlichen Eigentumsformen wird kein jüdisches Eigentum „arisiert“ und auch kein Eigentum von Kulaken und Unternehmern im Zuge einer „Expropriation der Expropriateure“ enteignet. Ausnahmslos allen Menschen soll

die Geld- und Bodenreform zugute kommen, wobei niemandes Leben und Religionsfreiheit verletzt wird. Gemäß den ursprünglichen Idealen der Französischen Revolution soll die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft nach den Vorstellungen Gesells in eine nachkapitalistisch-bürgerliche Gesellschaft übergehen, bis „der letzte Proletarier zur letzten Ruhe neben dem letzten Rentier bestattet“ ist. An die Stelle der hierarchischen Über- und Unterordnung von Kapital und Arbeit und dem Gegensatz von Reichtum und Armut soll eine egalitäre, auf „allgemeiner Ebenbürtigkeit“ beruhende Gesellschaft der „Freien“ entstehen. Aus der „Rückverwandlung des Proletariers in einen Eigentümer seiner Produktionsmittel“ soll ein „stolzes Geschlecht freier und selbstständiger Bürger“ hervorgehen.[52]

 ●   Sobald als Folge einer Geldreform die Geldzirkulation verstetigt und die Kaufkraft der Währung stabilisiert wird, bekommt schließlich auch der Handel eine verlässlichere Kalkulationsgrundlage. Eine höhere Sicherheit der Absatzerwartungen lässt sowohl die Risiken des Handels und auch die bislang überhöhten Handelsgewinnspannen sinken.[53] Unter diesen Umständen wird außerdem die Tendenz zur fortschreitenden Monetarisierung und Kommerzialisierung aller Lebensbereiche umgekehrt, so dass sich neben den Märkten auch nicht mit Marktpreisen bewertete Tätigkeiten wie die Eigenarbeit oder die Nachbarschaftshilfe stärker entfalten können.

3.4    Bodenreform: Die Erde als Gemeinschaftsgut der ganzen Menschheit   [Übersicht]

   Zur Geldreform kam bei Gesell die Überlegung hinzu, das Land und die Ressourcen mittels einer Bodenreform in unveräußerliche Gemeinschaftsgüter umzuwandeln, um allen Menschen ein Grundrecht auf gleiche Teilhabe an den natürlichen Lebensgrundlagen zu verschaffen. „Den Schwarzen, den Roten, den Gelben, den Weißen, allen ohne Ausnahme gehört die Erde ungeteilt. … Die ganze Erdkugel, so wie sie da im prächtigen Flug um die Sonne kreist, ist ein Organ des Menschen, jedes einzelnen Menschen. … Der Mensch braucht die ganze Erde, die ganze Kugel, keinen zusammengeflickten Fetzen. Und zwar jeder einzelne Mensch, jedes einzelne Volk. Und solange diesem Grundbedürfnis des Menschen nicht genügt wird, gibt es Krieg. Mann gegen Mann, Volk gegen Volk, Erdteil gegen Erdteil.“[54] Diese kosmopolitische Einstellung Gesells ist weder mit Judenhass noch mit der „Blut und Boden“-Ideologie vereinbar, mit der die NS-Diktatur die ‚Arisierung’ von jüdischem Landbesitz rechtfertigte und die gewaltsame Eroberung des sog. „Lebensraums im Osten“ rechtfertigte, um dem „Volk ohne Raum“ dort neue „von Juden und Slawen gesäuberte Lebensräume“ zu verschaffen.[55] Im Gegensatz zu dieser abgründigen Perversion des menschlichen Bedürfnisses nach vertrauten Orten in der Welt beinhaltete die Bodenreform auch das elementare Recht eines jeden Menschen, „ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der Bildung und körperlichen Verfassung dorthin ziehen zu können, wohin ihn sein Wille, sein Herz oder seine Gesundheit treibt“.[56]

3.5   Gesell und seine Anhängerschaft während der 1920er Jahre                    [Übersicht]

   Im Gegensatz zur NS-Ideologie vermutete Gesell hinter der russischen Oktoberrevolution von 1917 keine vermeintliche ‚jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung’. Er versuchte sogar, mit Lenin Verbindung aufzunehmen.[57] Während seiner Zugehörigkeit zur ersten Münchener Räterepublik im April 1919 arbeitete Gesell eng mit Gustav Landauer und anderen jüdischen Intellektuellen zusammen. Gemeinsam mit der Witwe von Kurt Eisner und Zensl Mühsam wollten sie einen „Sozialistischen Freiheitsbund“ gründen. Jedoch ließ sich dieses Vorhaben nach der brutalen Ermordung „unseres großen Bruders Landauer“ nicht mehr verwirklichen.[58]

   Im Rahmen seiner Bemühungen um eine Verbreitung seiner Vorschläge zur Neugründung des Völkerbundes nahm Gesell 1921 Kontakt zu dem jüdischen Industriellen Walther Rathenau auf, nachdem Rathenau deutscher Außenminister geworden war. Ein für den 25. Juni 1922 geplantes Treffen konnte nicht mehr stattfinden, weil Rathenau einen Tag vorher von Rechtsextremen ermordet wurde.[59]  

   Zu den Folgen einer verfehlten Währungspolitik zählte Gesell in den ersten Nachkriegsjahren neben der allgemeinen Not und besonders auch der Not der Landwirtschaft, neben den Unternehmenszusammenbrüchen, der Staatsverschuldung und der Massenauswanderung auch den „Wucher und Wuchergesetze, Judenhetze und die Verhetzung aller Volksklassen und Völker und die entsprechenden Rüstungen“.[60] Und in einem Aufsatz über die Strategie und Taktik der Geld- und Bodenreformbewegung betonte er die unbedingte Notwendigkeit, „dass in unseren Versammlungen Mitglieder aller Arbeiterorganisationen, der christlichen und der sozialdemokratischen, aller Rassen, aller Stände den Ausführungen folgen können – ohne Furcht, in ihren persönlichen Anschauungen verletzt zu werden. Unsere Literatur muss für römische Katholiken, für Juden und Protestanten, für Neger wie für Weiße gleich genießbar sein.“[61]

   Mit dieser Äußerung trat Gesell völkischen Lebensreformern wie Ernst Hunkel und Otto Weißleder entgegen, durch die Vorurteile gegen Juden in die Geld- und Bodenreformbewegung eindrangen.[62] Während der 1920er Jahre gehörten weiterhin Juden und Jüdinnen wie Alfred Bader, Wilhelm Beckmann und Bertha Heimberg aus dem „Gewerkschaftsbund der Angestellten“ oder der Arzt Max Sternberg zu seinem Mitarbeiterkreis. Und in seinen Veröffentlichungen untermauerte er seine Geld- und Bodenreformvorschläge mit Hinweisen auf die mosaische Gesetzgebung, die das Land als Eigentum Gottes betrachtete und das Zinsnehmen verbot.[63]

   In einem Kommentar zu dem 1922 in deutscher Übersetzung erschienen Buch „Der internationale Jude“ des antisemitisch eingestellten amerikanischen Autoindustriellen Henry Ford schrieb Gesell: „Dass die Juden das Geldwesen durchschauen und lenken lernten, erklärt sich historisch. Es sind gerade die Christen, die das ursprünglich anders orientierte Volk der Juden zum Geldhandel gezwungen haben. Im Mittelalter beanspruchten die Christen alle ehrlichen Handwerke und Berufe für sich; der schmutzige und entehrende Beruf des Geldhändlers und Wechslers (Zinsverbot) wurde einzig den Juden überlassen. … Nicht die Verruchtheit eines besonderen Volkes ist Schuld an der Gegenwart. Es ist die Rückständigkeit der gesellschaftlichen Ordnung, die Barbarei der ganzen Menschheit. … Die Juden handelten nur als ebenbürtige Genossen der christlichen Landräuber Gould, Vanderbuilt, des Schuftes und Philantropen Morgan. Die Missetaten der Hochfinanz gliedern sich nicht in christliche und jüdische; es ist unterschiedslos der Sieg des Mammonismus über die Menschenseele. Nicht die Juden sind zu bekämpfen, sondern die Machtmittel, die in jüdischen und christlichen Händen seit Jahrtausenden namenloses Unglück anrichten.“[64]    

   Die Überlegung des schweizerischen Lebensreformers Werner Zimmermann, Henry Ford um Unterstützung bei der Suche nach einem amerikanischen Verlag für die Übersetzung der „Natürlichen Wirtschaftsordnung“ zu bitten, wies Gesell zurück: „Ich kann mir von diesem Ford nicht viel versprechen. Er ist Antisemit und das verträgt sich nicht recht mit dem Geiste, der zur Freiwirtschaft führt. Immerhin, viele Freiwirte, die anfänglich Antisemiten waren, haben dieser Besessenheit abgeschworen, weil sie sahen, dass sie ihr eigentliches Ziel ohne Antisemitismus erreichen konnten. Vielleicht würde es Ford auch so ergehen. Die Freiwirtschaft zwingt bei allen Untersuchungen immer sich den Globus vor Augen zu halten. So wird man von vornherein zur universellen Betrachtung der Dinge gezwungen. Enger Chauvinismus und Patriotismus findet hier keinen Platz mehr.“[65]

   Im Widerspruch zu seiner positiven Grundeinstellung gegenüber Juden assoziierte Gesell 1925 den Wucher noch ein drittes und zugleich letztes Mal mit ihnen  - dieses Mal unter Bezugnahme auf die vielfach literarisch und künstlerisch bearbeitete Figur des sog. „ewigen Juden Ashaverus“, der christlichen Legenden zufolge Jesus auf dessen Gang nach Golgatha eine Rast verweigerte. Zur Strafe musste er sein Leben auf ewiger Wanderschaft verbringen, ohne sterben zu können. Der judenkritische Bedeutungsgehalt dieser Figur wurde später im gleichnamigen NS-Propagandafilm zu antisemitischer Hetze gesteigert.[66] Anlass für Gesells Bezugnahme auf diese Legendenfigur war eine Distanzierung des Jesuitenpaters Oswald von Nell-Breuning vom biblisch-kanonischen Zinsverbot, das die christlichen Kirchen ohnehin aufgegeben hatten. Nach Auffassung von Nell-Breuning war das Zinsnehmen „nicht soverabscheuungswürdig, wie man uns glauben machen will“. Eine Erneuerung des Zinsverbots „führt zu den größten Ungeheuerlichkeiten, bedeutet letzthin die Abschaffung von Privateigentum und Erbrecht, die Auflösung der Familie und den sozialistischen Zuchthausstaat.“[67] Dieser demagogischen Rechtfertigung des Zinsnehmens widersprach Gesell – in diesem Fall besonders im Hinblick auf die verzinslichen Anleihen während des Ersten Weltkriegs – mit sachlichen Argumenten und einer polemischen Empfehlung an „euch Sünder und Kriegsanleihezeichner, das Geld für Ablasszettel und Messen zu sparen“, denn wenn das Zinsnehmen gerechtfertigt werde, „dann kommt jeder Verbrecher, kommt der ewige Jude, kommt selbst ihr und der Teufel glatt in den Himmel.“[68]   

   Gesells Empörung über Nell-Breunings Rechtfertigung des Zinsnehmens enthält einen unzweifelhaft anijudaistischen Misston[69]  - kurz vorher allerdings auch eine projüdische Äußerung, nämlich die Entlastung der „christlichen, uralten jüdischen Kultur“ von dem Vorwurf, für die “scheußlichen Hexenprozesse, den Flammentod Hus’ und Giordano Brunos, die Autodafés usw.“ verantwortlich zu sein. Solche und spätere Gewaltverbrechen betrachtete Gesell nicht als Ausdruck einer besonderen Bösartigkeit von Personen, einzelnen Völkern oder Religionen. Vielmehr „sind sie zwangsläufig sich einstellende Begleiterscheinungen der Finsternis, die mit der Einstellung der Arbeitsteilung alle Geister, auch die allerbesten, umwebt. … Die Völker, die durch die Geldwirtschaft und Arbeitsteilung der Barbarei entwachsen sind, verfallen ihr wieder, wenn die Geldwirtschaft versagt.“[70]

   Als tiefste Kränkung, die Menschen sich gegenseitig zufügen können, betrachtete Gesell es, wenn sie sich nach ihren Rassemerkmalen beurteilen bzw. auf- und abwerten. Dabei dachte er um die Mitte der 1920er Jahre noch nicht an den späteren Völkermord an den Juden, zumal die Nationalsozialisten nach dem Ende der großen Inflation (1923) vorübergehend eine sehr geringe Rolle in der deutschen Politik spielten.[71] Stattdessen nahm Gesell die restriktive amerikanische Einwanderungspolitik 1925 zum Anlass, vor einem „Ausrottungskrieg zwischen der weißen und gelben Rasse“ als einem „entsetzlichen Drama“ zu warnen.[72] Anlässlich der Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund (1926) kritisierte er nochmals die rassistische Einwanderungspolitik der USA, „ausgerechnet der Amerikaner, die aus einer Kreuzung der verschiedensten Völker hervorgegangen sind“. Als neues Mitglied des Völkerbundes sollte Deutschland „wenigstens das erreichen, dass der Staat den nationalen ‚Fremdkörpern’ gegenüber, den in der Diaspora lebenden Zigeunern, Deutschen und Juden, solche kulturelle Enthaltsamkeit übe.“ Jegliche Einwanderungskontrollen sollten aufhören. „Jeder Deutsche, Zigeuner, Jude und Mongole zieht dahin, wo er glaubt, Vorteile zu finden. … Und nicht nur die Menschen gehen frei ein und aus, sondern auch ihre Produkte. … Die Rassen und Völker werden sich nicht mehr in geschlossenen Massen, als im Staate organisierte Massen gegenübertreten, sondern immer nur als Einzelmenschen. Und man weiß aus Erfahrung, wie viel mehr Achtung, Anstand, Menschenliebe und Verständnis der einzelne Mensch im Verkehr mit anderen, namentlich mit Fremden, entwickelt als der auf Gewalt und angemaßte Rechte pochende Staat. Verständnis, Achtung und Menschenliebe werden uns aber allein den Frieden bringen.“[73]   

   In seiner Kritik an der Einwanderungspolitik der USA wiederholte Gesell seine schon zuvor mehrfach geäußerte Ansicht, dass „Rassenpolitik nicht an Staaten, an Landesgrenzen, an Staatsgesetze gebunden werden darf. Rassenpolitik ist ureigene Angelegenheit jedes einzelnen Menschen.“ In diesem Zusammenhang verwies er – ohne jede Bewertung – auf die Rassenpolitik des jüdischen Volkes, das „überhaupt kein eigenes Land hat und keine Staatshoheit kennt. Um Kriegsmöglichkeiten zu verhüten, müssen wir auf die Zelle aller Staaten, auf den Einzelmenschen zurückgreifen. Menschenrechte müssen wir hier verkünden. Und zwar als Punkt eins aller Menschenrechte: ‚Die Erde gab Er den Menschenkindern.’ Er gab die Erde nicht den Amerikanern und den Mongolen; den Menschen, der Menschheit, auch den Schreibunkundigen gab Er sie. In dieser Frage müssen wir einen bedingungslosen Standpunkt einnehmen: die Erde gehört allen Menschen.“[74]

   Nach dem Krach an der New Yorker Börse vom Oktober 1929, mit dem schließlich die große Weltwirtschaftskrise begann, beklagte Gesell die in den Strukturen der kapitalistischen Geldwirtschaft angelegten Möglichkeiten für Privatleute, zum eigenen Vorteil mit Spekulationsmanövern großen Stils Störungen der Wirtschaft auszulösen, die für viele Menschen Not und Elend bedeuten. Dabei betonte er ausdrücklich, dass „uns nicht weiter interessiert, wer hier die handelnden Personen waren.“[75]  

3.6       Das Verhältnis der Geld- und Bodenreformbewegung zur frühen zionistischen Besiedlung Palästinas                                                                             [Übersicht]

   Zum Zionismus und zum Siedeln von Juden in dem ihnen seit biblischer Zeit verheißenen Land Palästina hat sich Gesell nicht mehr geäußert -  weder wohlwollend noch kritisch.[76] Seine bodenreformerische Grundforderung nach einer uneingeschränkten Freiheit aller Menschen, sich an jedem Ort der Erde anzusiedeln oder aus eigenem Entschluss weiter zu ziehen,schließt jedoch auch die Freiheit von Juden gleichermaßen wie von Arabern ein, in Palästina zu siedeln. Im fundamentalen Gegensatz zum bodenreformerischen Bewusstsein, dass „wir alle Altangesessene dieser Erde sind“[77], standen jedoch Absichten von Antisemiten, die Freiheit zum Siedeln in Palästina zur Pflicht zu machen und die Juden aus Deutschland dorthin zu vertreiben. –

   Unabhängig von Gesell spielten bodenreformerische Gedanken bereits in den Anfängen des zionistischen Siedelns in Palästina eine herausragende Rolle. Da Theodor Herzl in seinem Buch „Der Judenstaat“ keine genaueren wirtschaftspolitischen Vorstellungen niedergelegt hatte, fiel dem jüdischen Arzt und Soziologen Franz Oppenheimer die Rolle des „leitenden Volkswirts der zionistischen Bewegung“ zu. In seinem Vortrag auf dem 6. Zionistenkongress 1903 in Basel führte er Bodenreformgedanken in den Zionismus ein: „Selbstverständlich gehörten zu diesem Programm auch die Grundzüge der sog. bodenreformerischen Politik: Grund und Boden nur als Dauerbesitz, aber nicht als frei veräußerliches Eigentum auszugeben, um jede Spekulation damit unmöglich zu machen.“ Damit hatte Oppenheimer einen maßgeblichen Anteil an der Entstehung des Jüdischen Nationalfonds sowie der Kibbuz- und Moshavsiedlungen. Und „nach schweizerischem Vorbild“ wollte er „nicht nur ein tolerantes, sondern ein geradezu brüderliches Verhältnis zu den Arabern“ aufbauen.[78]

   Aus der Perspektive der Geld- und Bodenreform hätte noch ein weiterer Hinweis auf die Bedeutung nahe gelegen, die -  über die Gründung der Jüdischen Kolonialbank hinausgehend  -  auch die Einrichtung eines nachkapitalistischen Geldwesens für den Aufbau eines gerecht geordneten Gemeinwesens in Palästina bekommen würde. Dafür fehlten zu jener Zeit freilich noch die erforderlichen staatlichen Strukturen. Als die internationale Presse 1932/33 über ein Experiment der österreichischen Gemeinde Wörgl/Tirol mit einem gemäß der Geldreform gestalteten kommunalen Geld berichtete, erkundigten sich u.a. auch zionistische Siedler aus Palästina nach Einzelheiten dieses Experiments.[79]

   Auch dem von Proudhon und Landauer beeinflussten jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber ging es nicht nur um die Schaffung einer jüdischen Nation in Palästina, sondern darüber hinaus um sozialreformerische Schritte auf „Pfaden nach Utopia“.[80] Bei der Rückkehr der in alle Welt verstreuten und verfolgten Juden nach Palästina sollte in Erinnerung an die mosaischen Gesetze ein Bewusstsein der „Gemeinschaft zwischen Mensch und Erdreich“ entstehen. Das JHWH gehörende Heilige Land sollte „Gemeinbesitz“ sein und von Menschen als „Gästen und Fremdlingen der Erde“ treuhänderisch verwaltet werden, um ihre Kultur nach nahezu zweitausendjähriger Diaspora durch eine Wiederverbindung mit der Erde und der Natur erneuern zu können.[81]

3.7     Geld- und Bodenreform während der NS-Zeit

   Nachdem sich die demokratischen Parteien der Weimarer Republik als unzugänglich für die wirtschaftspolitischen Vorschläge der Geld- und Bodenreformbewegung erwiesen hatten, organisierte sich ein Teil von ihr am 1. Mai 1933 neu in einem Roland-Bund. Obwohl der NS-Wirtschaftstheoretiker Gottfried Feder die „gefährliche Gesellsche Irrlehre“ seit langem bekämpfte[82], gab sich dieser Roland-Bund bis zu seinem Verbot Ende Juni 1934 der trügerischen Hoffnung hin, NS-Spitzenfunktionäre dazu bewegen zu können, die programmatische Forderung einer „Brechung der Zinsknechtschaft“ mit den Mitteln einer Geldreform einzulösen. Der Roland-Bund rückte von Gesells internationalistischer Bodenreformforderung ab und ignorierte zudem, dass sich die demagogische Parole der NSDAP von der „Brechung der Zinsknechtschaft“ nur gegen das angeblich ‚raffende’ jüdische Kapital richtete und nicht gegen die strukturelle Macht des Geldes über alle Menschen. Deutlicher als diesem Teil von Gesells Anhängern war den Nationalsozialisten die Unvereinbarkeit ihrer „Brechung der Zinsknechtschaft“ mit einer Strukturreform des Geldwesens bewusst; deshalb verboten sie sowohl die Organisationen der Geld- und Bodenreformbewegung als auch jegliche Diskussion über Gesells Theorien innerhalb der NSDAP.

   Dessen ungeachtet konnte Otto Lautenbach danach noch bis in die Kriegszeit eine eigene Zeitschrift „Schule der Freiheit“ herausgeben. Aufgrund ihrer ideologischen Konzessionen an das NS-Regime stellt sie zusammen mit dem Buch „Männer gegen Gold“ von Hans Schumann (1943)  ein finsteres Kapitel in der Geschichte der Geld- und Bodenreform dar.[83]

3.8     Geld- und Bodenreform nach 1945                                                              [Übersicht]

     Aufgrund der Enttäuschungen, die die Verfechter einer Geld- und Bodenreform während der Weimarer Republik mit den damaligen Parteien erlebt hatten, bildeten sie nach 1945 eine eigene Radikalsoziale Freiheitspartei, die sich 1950 in Freisoziale Union umbenannte. Ihr Vorsitzender Richard Batz trat für eine „Rückgabe aller mit Hilfe des Nazi-Terrors geraubten oder erpressten Vermögenswerte an ihre rechtmäßigen Besitzer“ und die „strengste Unterbindung jeglicher Diffamierung bestimmter Rassen, Völker und Nationen“ ein.[84] Neben dieser Haltung zur NS-Diktatur und zum Holocaust bestand das Kernanliegen der RSF/FSU in der Forderung nach einem „Dritten Weg jenseits von Kapitalismus und Kommunismus“ als wirtschaftlicher Grundlage für ein wiedervereinigtes und zugleich entmilitarisiertes blockfreies Gesamtdeutschland. Ihr erneutes Bemühen um einen Dialog mit der Sozialdemokratie wies deren Wirtschaftsexperte Erik Nölting während des 1949er Bundestagswahlkampfes zurück.[85]

   Als der RSF-Vorstand nach dem Misserfolg bei der Bundestagswahl (knapp 1 % der Stimmen) zurücktrat und die Partei auseinander zu fallen drohte, geriet sie 1952 in die Hände von führenden Mitgliedern des früheren Roland-Bundes, die sogleich alle wichtigen Positionen besetzten und einen rechtsextremistischen Journalisten Theodor Reents zum Redakteur ihrer Wochenzeitung „Freisoziale Presse“ machten. Die Kehrtwende der FSU nach rechts führte zu heftigen inneren Kontroversen und zum Austritt von rund 3000 der anfangs rund 5000 Mitglieder. Da die FSU nach diesem Aderlass und auch aufgrund der 5%-Klausel keinerlei Chance mehr hatte, bei der nächsten Bundestagswahl 1953 zu parlamentarischem Einfluss zu gelangen, strebte sie zunächst ein Wahlbündnis mit der Gesamtdeutschen Volkspartei an. Als dieses Wahlbündnis kurz vor der Bundestagswahl zerbrach, wandte sie sich rechtsextremen Gruppierungen und Parteien wie der Deutsch-Sozialen Union Otto Strassers zu. Aus der 1952 verbotenen NSDAP-Nachfolgerin Sozialistische Reichspartei nahm sie Mitglieder auf wie zum Beispiel Ferdinand Böttger, der später ihr Generalsekretär wurde. Mit Wahlergebnissen von 0 bis 0,1 % fristete die FSU fortan nur noch ein Dasein am Rande der Nichtexistenz. Wegen antisemitischer Äußerungen in der „Freisozialen Presse“ wurde Reents schließlich rechtskräftig verurteilt.[86]

   Dieses zweite dunkle Kapitel in der Geschichte der Geld- und Bodenreform hat ihrer weiteren Entwicklung schweren Schaden zugefügt. In den Überresten der FSU setzte um 1960 eine Rückbesinnung auf ihre ursprünglich kosmopolitische soziale Programmatik ein, die vorläufig aber noch von ihrem rechten Flügel bekämpft wurde. Treibende Kräfte der Hinwendung zu wahrhaftigeren Formen der Vergangenheitsbewältigung und des Umgangs mit dem Holocaust und seinen Folgen für die Gegenwart waren vor allem Walter Moré und Heinz-Peter Neumann.[87] 

   In einem Bericht über eine Reise nach Israel trat das FSU-Mitglied Georg Otto 1964 dem Eindruck einer Diskriminierung von Arabern durch Israelis entgegen: „Nirgendwo im Nahen Osten  - ausgenommen vielleicht im Libanon -  leben die Araber besser als in Israel.“ In Anbetracht der feindseiligen Haltung arabischer Nachbarländer zu Israel machte Georg Otto den Vorschlag, den Rüstungsetat der Bundesrepublik Deutschland in Höhe von jährlich rund 20 Mrd. DM in einen „Grundstock für einen Weltfonds zur Herstellung des Friedens“ im Nahen Osten umzuwandeln. Dieser „Weltfonds“ sollte sowohl Israel als auch seinen arabischen Nachbarn zugute kommen. Die Araber sollten in die Lage versetzt werden, sich „aus Jahrhunderte langer Armut zu befreien und die Ziele des arabischen Sozialismus zu verwirklichen.“[88] Ebenso hob Eckhard Behrens die genossenschaftlichen Kibbuz- und Moshavsiedlungen als eine „originelle soziale Leistung“ Israels hervor, die wir „als einen wesentlichen Beitrag zur Sozialgeschichte unseres Jahrhunderts dankbar anerkennen“.[89]

     Im Sechs-Tage-Krieg vom Juni 1967 sah Werner Zimmermann eine „Notwehr“-Reaktion Israels auf das Versagen der Vereinten Nationen. Er hoffte, dass es in Israel und seinen arabischen Nachbarländern anschließend zu einer „echten Versöhnung“ auf der Basis einer „Umwandlung der Sozialordnung durch dienendes Geld und soziales Bodenrecht“ komme.[90]

    Seit der Mitte der 1960er Jahre verschoben sich die Gewichte innerhalb der Geld- und Bodenreformbewegung in mehr oder weniger deutlicher Abgrenzung zur FSU zur überparteilichen Bildungsarbeit des Seminars für freiheitliche Ordnung (SffO), der Sozialwissenschaftlichen Gesellschaft (SG), der Initiative für Natürliche Wirtschaftsordnung (INWO) und der Christen für gerechte Wirtschaftsordnung (CGW). Ein schwerer Rückschlag für den allmählichen Wandel waren jedoch antisemitische Vorurteile des Wirtschaftsprofessors Felix Binn. Auf ihn richteten sich Hoffnungen auf eine wissenschaftliche Neuformulierung der Geldreform als Alternative sowohl zur keynesianischen Nachfragepolitik als auch zur monetaristischen Angebotspolitik. Jedoch wurde sichtbar, dass Binn auch Vorurteile gegenüber Milton Friedman als „jüdischen US-Bürger“ hatte. Zweimal bezog er sich auf Verschwörungstheorien. Nach internen Konflikten zog sich Binn 1983 ganz aus der Geld- und Bodenreformbewegung zurück.[91]

   Vor allem die Arbeiten von Roland Geitmann (CGW) haben dazu beigetragen, dass die Geld- und Bodenreformbewegung seit den späten 1980er Jahren ihre von Gesell bereits vorgezeichnete vorurteilsfreie Einstellung gegenüber dem Judentum erneuern und festigen konnte.[92] Gerhard Senft zog eine klare Grenzlinie zum „Antikapitalismus von rechts“[93] und auch nach Ansicht von Bernard Lietaer war es immer wieder eine verfehlte, Krisen auslösende Wirtschaftspolitik der Regierungen, welche „kollektive Ängste und Projektionen“ auslöste. In unterschiedlichem Ausmaß schuf sie eine die Demokratie zerstörende und letztlich zu Kriegen führende „explosive soziale Mischung“ als „soziopolitischen Nährboden“, auf dem „nationalistische Führer und gewissenlose Demagogen aufbauen konnten“, um wie bis 1945 die „jüdische Minderheit in Deutschland“ zu verfolgen und zu ermorden oder wie während der 1990er Jahre auf dem Balkan ‚ethnische Säuberungen’ zu betreiben.[94]

   In ihrem ökonomischen Kernbereich hat sich die neuere Geld- und Bodenreformbewegung bewusst auf die Kritik an der strukturellen Macht des Geldes konzentriert und sie gerade nicht im Sinne antisemitischer Stereotype personalisiert. Insofern ist sie dem Antisemitismus entgegengesetzt. Außerdem hat sie keine systematische Kritik an der von der strukturellen Macht des Geldes abgeleiteten Macht von Banken, Börsen und Unternehmen entwickelt. Mit Ausnahme ihrer Forderung nach einer öffentlichen Verwaltung des Geldwesens ist die Geld- und Bodenreform zu keiner Zeit  -  anders als Nationalsozialismus und Kommunismus  -  für eine Verstaatlichung der privaten Geschäftsbanken eingetreten. Kontrovers diskutiert wird zwar bis in die jüngste Vergangenheit, ob die privaten Geschäftsbanken die Möglichkeit haben, Kredite ‚aus dem Nichts zu schöpfen’ und sich damit eine Seignorage anzueignen, und wie damit gegebenenfalls umzugehen wäre.[95] Daneben fand aber innerhalb der Geld- und Bodenreform  - anders als bei Sozialdemokraten und Gewerkschaften und selbst in Bankenkreisen[96]  -  kaum eine Diskussion über die Macht statt, welche die Banken über Firmenbeteiligungen und Aufsichtsratmandate ausüben. Helmut Creutz stellte diese Macht der Banken durchaus nicht in Abrede; er verwies aber darauf, dass sie weitgehend von den Kundeneinlagen abgeleitet, also „geliehen“ ist, „denn das Eigenkapital der Banken übersteigt nur selten jenen Bruchteil der Kreditmasse, die von der Bankenaufsicht zum Ausgleich des Risikos vorgeschrieben ist. Außerdem ist dieses Eigenkapital in fast der Hälfte aller Fälle in den Händen öffentlich-rechtlicher bzw. genossenschaftlicher Organisationen. Und bei den privaten Großbanken verteilt es sich oft auf Hunderttausende von Aktionären.“ Alles in allem „sind die Banken zwischen Geldgebern und Kreditnehmern eingebunden“ und auf beide Seiten angewiesen.[97]

   Eine Diskussion über die Macht, die die Banken dabei durchaus haben, unterblieb möglicherweise, weil die Formen von Bankenmacht als von der strukturellen Macht des Geldes abgeleitete sekundäre Phänomene aufgefasst wurden, die als Folge einer Geldreform von selbst aufhören werden zu existieren. Gleichwohl hätten diese sekundären Formen wirtschaftlicher Macht noch mehr Aufmerksamkeit verdient.[98] Auswirkungen einer Geld- und Bodenreform auf die Arbeitswelt im Sinne einer Einebnung betrieblicher Hierarchien und einer „Begegnung unter Gleichen“  hat in neuerer Zeit Fritz Andres dargestellt und damit eine Diskussion in Gang gebracht, die noch andauert.[99]

   Bernhard Vogt richtete den Blick der Geld- und Bodenreformbewegung auf Israel, indem er an den Einfluss bodenreformerischer Gedanken auf die zionistische Siedlungsbewegung erinnerte und einen Überblick über die  Entwicklung und aktuelle Lage der Bodenpolitik in Israel gab.[100] Und in jüngster Vergangenheit knüpft Thomas Ruster an die Überlieferungen der Tora und des Talmud an, um der (Pseudo-)Religion des ‚neoliberalen’ Kapitalismus entgegenzutreten. „Die Rückwendung zur biblischen Leitunterscheidung Gott/Götter bedeutet zugleich eine Wiederentdeckung der Tora als dem Gesetz des Lebens. Exemplarisch kann man auf die Bedeutung des Zinsverbots als Mittel gegen den mörderischen Wachstumszwang der Wirtschaft verweisen.“[101]  

   Das Wissen um die Boden- sowie Geld- und Zinsproblematik ist letztlich ein Kernelement aller drei Abrahamsreligionen des Judentums, des Christentums und des Islams, dessen Lösung sich im Sinne von Lessings „Nathan der Weise“ vielleicht einmal als ein Ring erweisen könnte, der Juden, Christen und Muslime friedlich miteinander verbindet. Im Gegensatz zum zeitgenössischen Antisemitismus, der nicht nur bei Rechtsextremisten verbreitet ist, sondern angesichts der israelischen Siedlungspolitik auch bei Teilen der Linken Anklang findet[102], geht schließlich auch der Vorschlag von Fritz Andres zur Institutionalisierung einer israelisch-palästinensischen „Wassergemeinschaft“ von der Hoffnung aus, dass sich ein beide Seiten gleichermaßen respektierender Ausweg aus der tragisch verwickelten Nahostproblematik finden lässt.[103]

4   Resümé                                                                                                                  [Übersicht]

     Anhand von Originalquellen lässt sich zeigen, dass Silvio Gesells Kapitalismuskritik die Zinsproblematik in der kapitalistischen Geldordnung entdeckte und sich gerade nicht gegen Juden richtete. Damit entpersonalisierte er das Problem und leistete einen Beitrag zur Befreiung von Judentum und Juden von leidvollen Klischees. Deshalb war es richtig von Oliver Geden, bereits 1996 in seinem Buch „Rechte Ökologen“ dem gegenüber der Geld- und Bodenreform erhobenen Vorwurf des offenen oder verdeckten Antisemitismus entgegenzutreten: „Der bisweilen erhobene Vorwurf, Gesell habe mit seinem Terminus ‚Zinsnehmer’ die Juden zu den Schuldigen für das fehlerhafte Geldsystem machen wollen, geht somit völlig an der Realität vorbei.“[104]

   Zwar gibt es drei Textstellen in Gesells Gesamtwerk, die zeigen, dass Gesell trotz seiner durchweg positiven Einstellung zu Menschen jüdischen Glaubens von der damals weit verbreiteten „tiefen Ambivalenz hinsichtlich der Juden“ (Saul Friedländer[105]) nicht völlig unberührt war. Diese drei Assoziationen von Juden mit dem Wucher sind inakzeptabel, auch wenn sie etwa im Vergleich zu Äußerungen von Martin Luther, Richard Wagner, Heinrich von Treitschke, Adolf Stöcker oder Werner Sombart sehr gemäßigt formuliert wurden. Anders als andere Geldreformer wie Arthur Kitson und Major Douglas hat Gesell kein Misstrauen gegenüber jüdischen Finanziers geschürt. Es gibt in seinen Werken keine einzige Spur einer Vorliebe für Germanisches, keine einzige Klage über eine angebliche Überrepräsentation von Juden in gesellschaftlichen Schlüsselpositionen, keine einzige Schuldzuweisung für gesellschaftliche Missstände an zu Sündenböcken gestempelte Juden, keine einzige verschwörungstheoretische Anspielung und erst recht nicht die menschenverachtende Forderung nach einer sog. „Entjudung“ der Gesellschaft.   Die zentrale Überlegung Gesells, den strukturellen Liquiditätsvorteil des Geldes mit einer Reform des Geldwesens zu neutralisieren, statt Juden um Hab und Gut, Leib und Leben zu bringen, markiert zudem einen entscheidenden Wendepunkt zur Entpersonalisierung der Geld- und Zinsproblematik und zu ihrer Interpretation als ein alle Menschen gleichermaßen betreffendes Problem geldwirtschaftlicher Strukturen. Damit leistete Gesell vor allem einen Beitrag zur Entlastung von Menschen jüdischen Glaubens von dem absurden Vorwurf, sie hätten eine ganz spezifische Affinität zum Geld und würden damit die Welt beherrschen wollen. Insofern wäre es die Geld- und Bodenreform wert, von der Antisemitismusforschung beachtet zu werden.

   Für  unbestreitbare Verfehlungen von Teilen seiner Anhängerschaft während der Weimarer Republik, der NS-Herrschaft und nach 1945 kann man Gesell nicht verantwortlich machen. Diese Verfehlungen bedürfen allerdings noch ihrer detaillierten kritischen Aufarbeitung  -  auch um die latente Gefahr erneuter Entgleisungen zu bannen.

   Je länger die Wissenschaften und die die Gesellschaft tragenden politischen Kräfte die Geld- und Bodenreformansätze nicht aufgreifen und nicht beginnen, ihre historischen Schattenseiten aufzuarbeiten und ihren eigentlichen Kern weiterzuentwickeln, desto größer könnte auch die Gefahr werden, dass sie erneut in die falschen Hände rechtsextremistischer Ideologen geraten.  

   Gesells Kritik an der strukturellen Macht des Geldes könnte in einer weiterentwickelten Form die Problematik der Macht in Wirtschaft und Politik noch tiefer ausleuchten als andere Ansätze der Kritik an der Macht von Banken, Börsen und Unternehmen, die dieses Problemfeld zum Teil mit einer absurden „ideologischen Gespensterszenerie“ zu einem gefährlich verminten Gelände gemacht haben.[106] Gewiss ist die Problematik des Geldes ein ‚heißes Eisen’, das aufgrund leidvoller Erfahrungen mit antisemitischen Scheinlösungen begreiflicherweise Berührungsängste weckt. Sie deshalb zu umgehen und zu tabuisieren, trägt aber mehr zur Zementierung gesellschaftlicher Grundkonflikte als zu deren Lösung bei.Vielleicht könnte Gesells Denkansatz den bisherigen, unter anderem von Max Weber, Hannah Arendt oder Niklas Luhmann  unternommenen Annäherungen an das Phänomen ‚Macht’ einen neuen Blickwinkel für weitere seriöse Untersuchungen eröffnen  -  bevor die strukturelle Macht des Geldes die Gesellschaft noch mehr in Arme und Reiche spaltet und damit einen neuen Nährboden für die Ausbreitung rechtsextremer Ideologien und Gewalttaten schafft.[107]

Literatur                                                                                                                       [Übersicht]

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Anmerkungen                                                                                                                 [Übersicht]

[1]    Hannah Arendt (2000), S. 64.

[2]   Elmar Altvater (2004), S. 24 – 34. - Peter Bierl (2004).

[3]    Vgl. hierzu Wolfgang Benz (2004), Armin Pfahl-Traugber (2007), Peter Waldbauer (2007) und Walter Laquer (2008).

[4]    Werner Onken, Repliken zu Elmar Altvater (2004) und Peter Bierl (2005) sowie zum IDGR-Lexikon: http://www.silvio-gesell.de/html/onken__igdr-lexikon.html

[5]  Peter Bierl u.a. (2006).

[6] Vgl. hierzu Elmar Altvater (2004), Peter Bierl (2004), Moishe Postone (1991), Robert Kurz (1995), S. 177 – 218.

[7]   Die unsachliche Polemik im Offenen Brief von Peter Bierl u.a. (2006) an die Hans-Böckler-Stiftung lassen Formulierungen wie diejenigen erkennen, wonach „obskure Gruppen … Stimmung gegen ‚das Geld’ und ‚den Zins’ machen“ und gemäß einem in Gewerkschaftskreisen bekannten „kleinbürgerlichen Schema gleichzeitig Mittelstandsunternehmern Honig ums Maul schmieren.“

[8]   Marx nannte den „israelitischen Glauben widerlich“. Vgl. dazu Edmund Silberner (1962), S. 116.

[9]   Karl Marx (1843/1974), S. 372 – 377. - Vgl. hierzu auch Hannah Arendt (1955), S. 57 – 58. -  Weitere Belege für antisemitische Vorurteile von Marx finden sich bei Silberner (1962), S. 107 – 142.

[10]   Karl Marx und Friedrich Engels (1845/1969), S. 115 – 116. – Zum Umgang mit dem Antisemitismus in Marx’ Frühschriften im späteren Marxismus vgl. Wolfgang Fritz Haug (1985/1988), S. 234 – 255.

[11]   Karl Marx (1867/1969), S. 169.

[12]   Karl Marx (1862/1964), S. 257.

[13]   Edmund Silberner (1962), S. 135 – 136. In seinem Roman „Rom und Jerusalem“ (1862) hatte Moses Hess den späteren Zionismus vorgedacht. Näheres bei Yehuda Eloni (1987), S. 29 – 35.

[14]   Edmund Silberner (1962), S. 143 – 159, hier: S. 147.

[15]   Friedrich Engels, Zweite Auflage zur 1892 in London erschienenden „Lage der arbeitenden Klasse in England“, zitiert nach Edmund Silberner (1962), S. 154 – 155.

[16]   August Bebel, Sozialdemokratie und Antisemitismus, zitiert nach Edmund Silberner (1962), S. 204. -  Franz Mehring in: Neue Zeit 11. Jg. (1892/93), S. 364. - Wilhelm Liebknecht, Rede über den Kölner Parteitag, Bielefeld 1893, S. 28.

[17]   Edmund Silberner (1983), S. 64.

[18]   Silberner verweist auf Bernsteins Aufsatz „Das jüdische Heim in Palästina“ in der New Yorker jiddischen Zeitschrift „Zukunft“ und auf einen weiteren Aufsatz im „Vorwärts“, in dem sich Bernstein für eine völkerrechtlich garantierte, auf friedlicher Zusammenarbeit zwischen Arabern und Juden beruhende jüdische Nation aussprach. (Edmund Silberner (1962), S. 219 – 220)

[19]   Karl Kautsky (1914/1921), S. 93 – 94.

[20]   Franz Mehring (1922), S. 98. Vgl. auch einen Aufsatz von Mehring, Anti- und Philosemitisches, in: Neue Zeit 9. Jg. (1890/91), S. 587. -  Eduard Bernstein in: Zukunft 26. Jg. (1921), S. 146 und 152.

[21]   Rosemarie Leuschen-Seppel (1978), S. 80 und 283. „Die (sozialdemokratische) Unterhaltungspresse äußerte Gesellschaftskritik als Identifikation von Judentum und Kapitalismus, vermittelte unkritisch die den Juden nachgesagten charakterlichen Eigenheiten und körperlichen Merkmale und personifizierte Ausbeutung, Gefühlskälte, materialistisches Denken, Eitelkeit, Prunk- und Prahlsucht in Figuren, deren physiognomische Kennzeichnung aus der Rassentheorie entlehnt wurde.“ (S. 287) – Vgl. auch Hermann Greive (1988), S. 89 – 98.

[22]   Vgl. Edmund Silberner (1983), S. 59 – 60, 64 - 66 und 312.

[23]  Edmund Silberner (1983), S. 72 – 93, hier: S. 74, 81 und 92, . S. 103, 312 – 313 (Lenin) sowie S. 118 – 135, hier: S. 119 und 126. (Stalin) -  Zu antisemitischen Parolen bei Kommunisten vgl. Saul Friedländer (1998), S. 122.

[24]   Edmund Silberner (1983), S. 134 – 135 und 314. – Vgl. außerdem Heinz Abosch (1972).

[25]  Saul Friedländer (1998), S. 91 – 92 unter Verweis auf Werner Mosse, Die Juden in Wirtschaft und Gesellschaft, in: ders., Juden im wilhelminischen Deutschland 1890 – 1914, Tübingen 1976, S. 69ff und 75ff.

[26]  Hannah Arendt (1955), S. 25, 59 – 60 und 88.

[27]  Silvio Gesell, Nervus rerum, in: (1892/1988a), S. 140 – 141.

[28]  Silvio Gesell, Aktive Währungspolitik, in: (1909/1989), S. 123 – 124. – Vgl. eine Parallelstelle in: Das Reichswährungsamt, in: (1920/1992b), S. 62.

[29]  Silvio Gesell, Die Natürliche Wirtschaftsordnung, in: (1920/1991), S. 269. Dieselbe problematische Äußerung war auch schon in der ersten Auflage von Gesells Hauptwerk enthalten, in: Band 9, S. 154.

[30]   Silvio Gesell, Die Verwirklichung des Rechts auf den vollen Arbeitsertrag, in: (1906/1989), S. 238 -286; übernommen in (1920/1991), S. 324 – 372. Vgl. auch Werner Onken (1994).

[31]   Vgl. hierzu Michael Hagemeister (1998), S. 250 – 273. -  Michael Hagemeister (2001), S. 89 – 101. -  Michael Hagemeister (2002), S. 45 – 57. – Eduard Gugenberger, Franko Petri und Roman Schweidlenka (1998), S. 101 – 120. – Wolfgang Benz (2007).

[32]   Silvio Gesell, Vorwort zur 2. Auflage der „Aktiven Währungspolitik“, in: (1921/1992), S. 319. – Der verblüffte Philantrop, in: (1921/1992b), S. 181 – 184. -  Denkschrift für die Deutschen Gewerkschaften, in: (1922/1992d), S. 194 – 195 und 214 und 225. – Das Ehrgefühl der Dickhäuter, in: (1922/1993a), S. 134. – Unser Genueser Programm, in: (1922/1993b), S. 162.

[33]   In einem Brief an seinen Mitarbeiter Georg Blumenthal vom 31.10.1920 berichtete Gesell von einem Aufsatz, in dem „die ganze Borniertheit Feders“ zum Ausdruck komme (1920/1997, S. 222).

[34]   Zu antisemitischen Äußerungen Proudhons vgl. Edmund Silberner (1962), S. 56 – 64. -  Nachdem Gesell Proudhons berühmte Schrift „Was ist das Eigentum?“ (1844) und Mülbergers Proudhon-Biografie gelesen hatte, erkannte er Proudhon als „großen Franzosen“ und „hellsten Kopf unter den Sozialisten“ an, der „als erster die Kapitalnatur des Geldes richtig erkannt“ habe. (Band 4, S. 151 – 154, 276 – 277; Band 6, S. 187 – 188; Band 13, S. 370 – 373). Ob Gesell auch die von Silberner als Quellen von Proudhons antisemitischen Äußerungen angeführten Schriften gekannt hat, ist ungewiss. Jedenfalls hat er sich darauf weder zustimmend noch kritisch bezogen. -  Zu Major Douglas und Arthur Kitson vgl. die Einträge im Internetlexikon Wikipedia und die dort angegebene Literatur, insbesondere Bob Hesketh (1997).

[35]   Silvio Gesell, Die Verstaatlichung des Geldes, in: (1892/1988b), S. 204.

[36]   Silvio Gesell, Morganatische Panik, in: (1912/1990b), S. 112 – 118. – Pierpont Morgan †, in: (1913/1990), S. 247 – 249. – Wie Marx und Engels über das Geld urteilen, in: (1918/1991), S. 192. – Natürliche Wirtschaftsordnung, in: (1920/1991), S. 272. - Verteidigungsrede, in: (1920/1992a), S. 27 – 30. -  Die Rentenmark, in: (1924/1994), S. 147. – Zu den Rothschilds vgl. auch Hannah Arendt (1955), S. 43 – 47.

[37]   Silvio Gesell, Natürliche Wirtschaftsordnung, in: (1920/1991), S. 267 – 272. – Denkschrift für die Deutschen Gewerkschaften, in: (1922/1992d), S. 224 – 225.

[38]   Silvio Gesell, Natürliche Wirtschaftsordnung, in: (1920/1991), S. 324 – 360 (Urzins- und Kapitaltheorie) sowie S. 9 – 13 (Definition des Arbeiters).

[39]   Silvio Gesell, Brief an Fritz Schwarz vom 2./13.7.1917, in: (1917/1997), S. 149. -  Vgl. auch: Die physiokratische Lohntheorie, in: (1912/1990a), S. 85.

[40]   Silvio Gesell, Natürliche Wirtschaftsordnung, in: (1920/1991), S. 338 – 341.

[41]   Das Geschäft seiner Brüder Paul und Roman, in denen Gesell Anfang der 1880er Jahre den Beruf des Kaufmanns erlernte, lag in Berlin in der Oranienburger Straße und danach in der Rathenower Straße  -  also nicht sehr weit entfernt von Banken und Geschäften mit jüdischen Inhabern.  

[42]   Silvio Gesell, Aktive Währungspolitik, in: (1909/1989), S. 141. –  Natürliche Wirtschaftsordnung, in: (1920/1991), S. 245 und 284. 

[43]  Silvio Gesell (1920/1991), S. XXII.

[44]   Gottfried Feder (1919), S. 51.

[45]   Silvio Gesell, Natürliche Wirtschaftsordnung (1920/1991), S. 118 – 120.

[46]   Silvio Gesell, Natürliche Wirtschaftsordnung, in: (1920/1991), S. 340 – 361. – Vgl. auch Gesells ansonsten sehr problematische Broschüre „Der abgebaute Staat“ (1927/1995), S. 298 – 299.

[47]   Silvio Gesell, Natürliche Wirtschaftsordnung, in: (1920/1991), S. 259 – 260.

[48]   Silvio Gesell, Natürliche Wirtschaftsordnung, in: (1920/1991), S. 271. – Verteidigungsrede, in:  (1920/1992a)), S. 27 – 28. –  Internationale Valuta-Assoziation, in: (1920/1992c), S. 149 – 190. – John Maynard Keynes (1943/1989), S. 323 – 349.

[49]   Silvio Gesell, Nervus rerum, in: (1892/1988a), S. 134 – 135 (Bemerkung zum Achtstundentag). – Verteidigungsrede, in: (1920/1992a), S. 35.

[50]   Silvio Gesell, Der abgebaute Staat, in: (1927/1995), S. 298 – 300.    

[51]   Silvio Gesell, Die Ausbeutung (1922/1992e), S. 396 – 397. –  Natürliche Wirtschaftsordnung, in: (1920/1991), S. 72. -  Vgl. hierzu auch John Maynard Keynes (1935/1976), S. 182 - 185: „Wenn ich recht habe in meiner Annahme, dass es verhältnismäßig leicht sein sollte, Kapitalgüter so reichlich zu machen, dass dieGrenzleistungsfähigkeit des Kapitals Null ist, mag dies der vernünftigste Weg sein, um allmählich die verschiedenen anstößigen Formen des Kapitalismus loszuwerden. Denn ein wenig Überlegung wird zeigen, was für gewaltige gesellschaftliche Änderungen sich aus einem allmählichen Verschwinden eines Verdienstsatzes auf angehäuftem Reichtum ergeben würden. Es würde einem Menschen immer noch freistehen, sein verdientes Einkommen anzuhäufen mit der Absicht, es an einem späteren Zeitpunkt auszugeben. Aber seine Anhäufung würde nicht wachsen.“

[52]  Silvio Gesell, Natürliche Wirtschaftsordnung, in: (1920/1991), S. 84, 226 und 255. – Die Aussichten für den Wiederaufbau der kapitalistischen Ordnung, in: (1921/1992a), S. 135. –  Die Ausbeutung, in: (1922/1992d), S. 397.

[53]   Silvio Gesell, Der Schatz der Konsumgenossenschaftler, in: (1916/1990), S. 313. - Natürliche Wirtschaftsordnung, in: (1920/1991), S. 245, 273 und 360. – Band 12, S. 196 – 199 und 365 – 366.

[54]   Vgl. hierzu Silvio Gesell, Natürliche Wirtschaftsordnung (1920/1991), S. 55 – 107, hier: S. 97, 99 und 101.

[55]   Vgl. hierzu Wolf Gruner (2000), S. 125 - 156, und das Kapitel „Der deutsche Fall: Raum als Obsession“ in: Karl Schögel (2003), S. 52 – 59.

[56]   Silvio Gesell, Natürliche Wirtschaftsordnung, in: (1920/1991), S. 72.

[57]   Silvio Gesell (1917/1997), S. 165 und 178 – 179. –  Zur angeblichen „jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung vgl. Fritz-Bauer-Institut Hrsg. (2002).

[58]   Silvio Gesell, Sozialistischer Freiheits-Bund, in: (1919/1991), S. 302 – 305. – Verteidigungsrede, in: (1920/1992a), S. 24. – Der NS-Programmatiker Gottfried Feder kritisierte einige Jahre später, dass Gesell „in den schlimmsten Zeiten der Münchener Räterepublik zu den höchst problematischen Existenzen gehört“ und „mit den damaligen jüdischen Bluthunden gemeinsame Sache gemacht“ habe; in: (1923a), S. 171.

[59]   Ein für den 25. Juni 1922 geplantes Treffen Gesells mit Rathenau konnte nicht mehr stattfinden, weil Rathenau am Tag zuvor von Rechtsextremen ermordet wurde; vgl. dazu Werner Schmid (1954), S. 309. – Während des ersten Weltkriegs, als Rathenau noch die Rohstoffabteilung im deutschen Kriegsministerium leitete, hatte Gesells Mitarbeiter Paulus Klüpfel bereits Verbindung mit Rathenau aufgenommen.

[60]   Silvio Gesell (1920/1992b), S. 62.

[61]   Silvio Gesell (1921/1992c), S. 138.

[62]   Ernst Hunkel sah sich als Nachfolger des völkischen Lebensreformers Gustav Simons, der 1904 zu den drei ersten Abonnenten von Gesells Zeitschrift „Die Geld- und Bodenreform“ gehörte und ihn mit der bodenreformerischen Genossenschaftssiedlung Eden bei Oranienburg in Verbindung brachte (wo Simons 1914 starb). Weißleder war Direktor der Mansfelder Bergwerke in Eisleben und unterhielt Verbindungen zum völkischen „Alldeutschen Verband“. 1923 schied er aus dem Freiwirtschaftsbund aus und gründete ein Jahr später in Thüringen einen eigenen „Bund für krisenlose Volkswirtschaft“ als Sammelbecken für die rechts vom FWB stehenden völkisch-antisemitischen Anhänger der Geldreform  -  ohne Bodenreform, weil der BfkV deren internationalistische Ausrichtung ablehnte. Vgl. hierzu Günter Bartsch (1994), S. 58 - 69. – Werner Onken (1997), S. 9 – 12.

[63]   Silvio Gesell, Natürliche Wirtschaftsordnung, in: (1920/1991), S. 374 – 375. - Die Verteidigung des Kapitalzinses durch den Pater von Nell-Breuning (1925/1994b), S. 351 – 361.

[64]   Silvio Gesell, Ford und die Juden, in: (1923/1993c), S. 400. 

[65]   Brief Gesells an seinen damals in den USA lebenden Sohn Carlos und dessen Frau Martha vom 8.2.1923, in: Band 18, S. 265. -  Korrespondenzen zwischen Gesell und Zimmermann sind nicht erhalten geblieben.

[66]   Vgl. hierzu http://de.wikipedia.org/wiki/Ewiger_Jude. 1925 erschien auch der Roman „Jud Süß“ von Lion Feuchtwanger über die Lebensgeschichte des jüdischen Bankiers Joseph Süß Oppenheimer (1698 – 1738 ermordet). Das NS-Regime verbot den Roman 1933 und verwendete 1940 eine antisemitisch verfremdete Fassung als Vorlage für den Propagandafilm „Jud Süß“.

[67]   Oswald von Nell-Breuning (1925), S. 5 und 7.

[68]   Silvio Gesell, Die Verteidigung des Kapitalzinses durch Pater von Nell-Breuning, in: (1925/1994b), S. 355.

[69]   Zur 1602 erfundenen literarischen Gestalt des sog. „Ewigen Juden“ vgl. Mona Körte und Robert Stockhammer (1995), S. 237 – 249, und Mona Körte (2000), S. 27 - 68.

[70]   Silvio Gesell, Die Verteidigung des Kapitalzinses durch Pater von Nell-Breuning, in: (1925/1994b), S. 351

[71]   In den Jahren von 1927 bis zu seinem Tod im Frühjahr 1930 konzentrierte sich Gesell hauptsächlich auf die Herausgabe einer englischen Übersetzung seines Hauptwerks. In seinem Gesamtwerk findet sich eine einzige Bezugnahme auf den NS-Wirtschaftsprogrammatiker Gottfried Feder (vgl. die Anm. 30, 50 und 66) und überhaupt keine Bezugnahme auf Hitler oder die NSDAP.

[72]   Silvio Gesell, Ist das Erbe des Kolumbus noch sicher in den Händen der Monroekaner?, in: (1925/1994a), S. 199 und 245 – 249.

[73]   Silvio Gesell, Wie wir Deutschland im Völkerbund vertreten würden (1926/1995), S. 97 – 101.

[74]   Silvio Gesell, Natürliche Wirtschaftsordnung, in: (1920/1991), S. 64. – Vgl. auch (1925/1994a), S. 334 – 336.

[75]   Silvio Gesell, Die Wallstreet im August 1907 und im Oktober 1929, in: (1929/1996), S.  208 und 212.

[76]   Es blieb bei einer einzigen nebensächlichen Äußerung Gesells zum Zionismus aus dem Jahr 1902, in: Band 3, S. 129: „Für den Katholiken ist Rom der Mittelpunkt seines geistigen Vaterlandes, für den Zionisten ist es Jerusalem, für den Biertrinker München. Der Kapitalist hat sein Vaterland in der Gegenwart, der Sozialist verlegt es in die Zukunft und der Adel in die Vergangenheit.“ -  Zum Zionismus vgl. Amnon Rubinstein (2001) und Martin Gilbert (2001), S. 12 – 61 und 100 – 145.

[77]   Silvio Gesell, Natürliche Wirtschaftsordnung, in: (1920/1991), S. 72.

[78]   Franz Oppenheimer (1964), S. 213 – 215 sowie S. 281 – 296 mit einer Dokumentation von Oppenheimers Rede auf dem 6. Zionistenkongress 1903 in Basel „Der Aufbau einer jüdischen Genossenschaftssiedlung in Palästina“. – Vgl. außerdem Julius Schoeps (1975). – Yehuda Eloni (1987), S. 250 – 261, 359 – 376.

[79]   Gebhard Ottacher (2007), S. 49.

[80]   Martin Buber (1947/1950). Buber knüpfte u.a. auf andere Weise als Gesell an Proudhon an, ohne dessen antisemitische Äußerungen wahrzunehmen (S. 56 – 77), außerdem an Gustav Landauer (S. 91 – 109 und S. 315 – 348) und schließlich auch an den religiösen Sozialismus von Leonhard Ragaz (S. 367 – 382).

[81]   Martin Buber (1950/1968), S. 26 – 29, 121, 125 und 160. -  Zum Jüdischen Nationalfonds vgl. Efraim Orni (1973). -  Zur Kibbuz-Bewegung vgl. Christiane Busch-Lüthi (1989). – Vgl. auch Friedrich-Wilhelm Marquardt (1975), S. 15 – 45.

[82]   Gottfried Feder (1923b). Vgl. auch die Anmerkungen  27 und 45.

[83]   Näheres bei Werner Onken (1997), S. 23 – 27 und 39 – 43.

[84]   Richard Batz (1947/48), S. 13 – 14.

[85]   Vgl. Richard Stöss (1984), S. 1397 – 1423. -  Dirk van den Boom (1999), S. 150 - 159.  Trotz bedenklicher Rechtstendenzen der FSU hielt van den Boom eine „weitergehende Einordnung der Programmatik ins rechte Lager aber für problematisch.“ (S. 159) - Erik Nölting (1948). Ein Textauszug hierzu ist einsehbar auf http://www.silvio-gesell.de/html/okonomen_uber__gesell.html

[86]   Vgl. Günter Bartsch (1994), S. 190 – 193.

[87]   Walter Moré (1957/1960).

[88]   Georg Otto (1965a) und (1965b). -  Zum arabischen Sozialismus vgl. Bassam Tibi, Die arabische Linke, Frankfurt 1969, und die Website http://de.wikipedia.org/wiki/Islamischer_Sozialismus

[89]   Behrens, Eckhard (1965), S. 45 – 49.

[90]   Werner Zimmermann (1967), S. 31 – 33.     

[91]   Felix Binn (1977), S. 18 (Friedman als „jüdischer US-Bürger“). – (1976), S. 14 (Bezugnahme auf die sog. Protokolle der Weisen von Zion). – Ders., Rezension zu Eustance Mullins „Die Bankiersverschwörung“, in: (1982), S. 29. – 1986 kam Felix Binn bei einem Unfall ums Leben.

[92]   Roland Geitmann war an der FH für kommunale Verwaltung in Kehl/Rhein tätig. Vgl. seine Aufsätze in der Zeitschrift für Sozialökonomie: Bibel, Kirchen, Zinswirtschaft (1989), Bibel, Kirchen, Bodeneigentum (1997),

Natürliche Wirtschaftsordnung und Judentum (1995) sowie Natürliche Wirtschaftsordnung und Islam (1990). -

Vgl. außerdem Werner Onken (2003), S. 1 – 3.

[93]   Gerhard Senft war damals Assistent an der Wirtschaftsuniversität Wien, wo er mittlerweile als Professor für Wirtschaftsgeschichte und ökonomische Ideengeschichte tätig ist. Vgl. seinen Aufsatz: Antikapitalismus von rechts? – Eine Abrechnung mit Gottfried Feders „Brechung der Zinsknechtschaft“ (1995), S. 18 – 32.  -  Vgl. außerdem Distanzierungen von Werner Onken gegenüber rechten Autoren wie Pierre Krebs „Das unvergängliche Erbe“ und Eberhard Beißwenger „Freie, sittlich gestaltete Wirtschaft“, in: Zeitschrift für Sozialökonomie 56. Folge/1983, S. 28 – 30, und 59. Folge / 1983, S. 46 – 47, sowie zahlreiche weitere Äußerungen von Werner Onken in Vorworten und Rezensionen in der Zeitschrift für Sozialökonomie.

[94]   Bernard A. Lietaer (1999), S. 208 – 209 und 275. Zu Professor Lietaer vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Bernard_A._Lietaer

[95]   Karl Walker, Das Buchgeld, Heidelberg-Ziegelhausen 1951. -  Herbert K.R. Müller, Währung und Wirtschaftsschicksal, Bad Godesberg 1959. – Helmut Creutz, Geldschöpfung durch Geschäftsbanken – Theorie oder Wirklichkeit?, in: Zeitschrift für Sozialökonomie 108. Folge / 1996, S. 22 - 42.Vgl. auch die Beiträge von Thomas Betz, Helmut Creutz, Ralf Becker, Dirk Löhr und Christopher Mensching in der Zeitschrift für Sozialökonomie 147. Folge/2006, von Gerhard Senft über Heinrich Färber und von Claude Million in der 151. Folge/2006. -  Vgl. hierzu die Kritik von Helmut Creutz an der These, wonach sich „Banken an Leitzinssenkungen und billigen Notenbankkrediten bereichern“ würden, in: Helmut Creutz (2004), S. 236 – 246.

[96]   Vgl. Thomas Schmidt (1999) und Gregor Brendel (2001).

[97]  Helmut Creutz (2001), S. 90.

[98]  Eine Ausnahme bildete das von Wilfried Deiss in Zusammenarbeit mit Helmut Creutz erarbeitete Papier „Was macht die Bank mit ihrem Geld?“, auf der Website: http://www.ippnw-hamburg.de/was-macht-die-bank-mit-ihrem-geld-deiss-siegen-ippnw-1997.html

[99]  Fritz Andres (1999), S. 17 – 47, bes. S. 35 - 39. – Ders. (2005), S. 32 – 34.

[100]  Vogt promovierte am Steinheim-Institut für Jüdische Studien an der Universität Duisburg mit einer Arbeit über Franz Oppenheimer und den Einfluss des Liberalsozialismus auf die Soziale Marktwirtschaft: Franz Oppenheimer - Wissenschaft und Ethik der sozialen Marktwirtschaft, Bodenheim (1997). Vgl. seinen Aufsatz: (1997), S. 22 – 29 (Teil 1) und 114. Folge/1997, S. 25 – 33 (Teil 2).

[101]   Thomas Ruster ist als Professor für katholische Theologie an der Universität Dortmund tätig. Vgl. seinen Beitrag zu (2004), S. 23, (2005) und (2006), S. 147 – 172.  – Zur Rezeption des biblisch-kanonischen Zinsverbots in der neueren Antisemitismusforschung vgl. Klaus Werner, Das israelitische Zinsverbot – Seine Grundlagen in Torah, Mischnah und Talmud, sowie Karel Hanke-Wehrle, Zins und Wucher – kein Thema für die theologische Ethik der Gegenwart?, in: Johannes Heil und Bernd Wacker (Hg.), Shylock? – Zinsverbot und Geldverleih in jüdischer und christlicher Tradition, München 1997, S. 11 – 20 und 281 – 301. -  Vgl. außerdem Eberhard Klingenberg, Das israelitische Zinsverbot in Torah, Mischnah und Talmud, München 1977. – Zum Antisemitismus bei Martin Luther vgl. Ernst Ludwig Ehrlich (1985/1988), S. 47 – 65. -  Der Versuch des Autors aus dem Jahr 2000, einen Dialog mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland anzuknüpfen (vgl. den CGW-Rundbrief vom Dezember 2000, S. 9), blieb leider unbeantwortet.

[102]  Vgl. hierzu Daniel Kilpert (2006) sowie Idith Zertal und Akiva Eldar (2007).

[103]  Fritz Andres (2007).

[104]  Oliver Geden (1996), S. 158.

[105]  Saul Friedländer (1998), S. 26 („Allgegenwart des gespaltenen Bewusstseins“) und 58 (Ambivalenz).

[106]  Jakob Tanner, „Bankenmacht“: politischer Popanz, antisemitischer Stereotyp oder analytische Kategorie?, in: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 43. Jg. / 1998, S. 19 – 34. -  Vgl. auch Thomas Assheuer und Hans Sarkowicz, Rechtsradikale in Deutschland  -  Die alte und die neue Rechte. München 1990. -  Armin Pfahl-Traughber (1999) und (2007).

[107]  Vgl. die von Tanner (Anm. 32) aufgeführten Veröffentlichungen von Max Weber, Soziologische Grundbegriffe, Tübingen 1984, S. 89. -  Hannah Arendt, Macht und Gewalt, München-Zürich 1970, S. 55. -Niklas Luhmann, Macht, Stuttgart 1975, S. 90. -  Helmut Arndt, Wirtschaftliche Macht – Tatsachen und Theorien, München 1980. - Horst Albach, Finanzkraft und Marktbeherrschung, Tübingen 1981. - Francois Perroux, Wirtschaft und Macht, Bern-Stuttgart 1983, S. 25.    
                                                                                                              
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