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SOZIALÖKONOMIE.INFO

Ralf Becker:
Entwicklungsstand und Perspektiven der Regionalgeldbewegung

Übersicht
Rückblick auf die „Gründerzeit“
Neuere Varianten und Konfliktlinien
Einführung von Regiogeld-Girokonten
Vom Schülerunternehmen zur Genossenschaft
Unterschiede zwischen westdeutschen und ostdeutschen Initiativen
Aktuelle Konfliktfelder im Bereich Regiogeld
Konkurrenz und Kooperation mit Bonuscard-Betreibern
Wissenschaftliche Begleitung der Praxis
Vom Netzwerk zum Verband
Perspektiven
Anmerkungen


Rückblick auf die „Gründerzeit“

Seit der Einführung des Euro am 1. Januar 2002 sind in Deutschland und Österreich 16 Regionalgelder eingeführt worden. Dazu gehört der wohl am bekanntesten gewordene „Chiemgauer“, der am 1. Januar 2003 das Licht der Welt erblickte und inzwischen von 430 Anbietern akzeptiert wird.

Mehr als 1.200 Mitglieder haben das Umsatz-Volumen des Chiemgauers im Jahr 2005 auf 720.000 Euro verdoppelt, die Umlaufgeschwindigkeit eines Chiemgauers ist mit 15,7 bereits drei Mal so hoch wie die eines Euros [1]. Seit dem Medienerfolg des Chiemgauers und der Gründung des Regionetzwerks im August 2003 formieren sich immer mehr Initiativen, von denen viele sich am Erfolg des Chiemgauer-Modells orientieren.

Noch vor dem Euro startete bereits im September 2001 der Bremer „Roland“ mit inzwischen über 140 Teilnehmer/innen. Aufgrund seiner engen Kopplung an ökologische Landwirtschafts-Kreisläufe ist der Nutzerkreis dieser Währung kleiner als beim Chiemgauer. Die Initiator/innen des Roland verstehen sich gemäß ihrer Rechtsauffassung als nicht unter das Kreditwesengesetz fallende Organisation [2] und haben inzwischen auch Spar- und Darlehenskonten eingerichtet.

Im Januar 2004 startete mit dem „KannWas“ in Schleswig-Holstein die erste landesweite Regionalwährung, im März 2004 folgte mit dem „Justus“ das erste nicht-euro-gedeckte Regiogeld in Gießen. Große Aufmerksamkeit erfuhr dann wieder die Einführung des von der Bundesdruckerei gedruckten und gesponserten „Berliners“[3] im Februar 2005 in Anwesenheit des damaligen Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse MdB [4], nachdem dpa eine Falschmeldung herausgab und korrigierte, der Berliner solle den Euro in der Bundeshauptstadt ersetzen.

In Österreich erfährt der „Waldviertler“ bereits Unterstützung durch die Bundesregierung – die österreichische Arbeiterkammer finanziert sieben Stellen zum Ausbau dieses Regiogeldes (in der Region um Schrems und Waidhofen an der Grenze zu Tschechien). Zuletzt starteten der „Volmetaler“ in Hagen mit beachtlichen 120 Akzeptanzstellen und die „Bürgerblüte“ in Kassel. In Kürze kommt als nächstes Regiogeld in Potsdam die „Havelblüte“ hinzu.

Eine Übersicht über den derzeitigen Stand der in Deutschland bereits tätigen [schwarze Punkte] und der noch in Vorbereitung [offene Kreise] befindlichen Regionalgeldinitiativen vermittelt die nebenstehende Grafik. (Diese Grafik mit direkten Links auf die Internetseiten der einzelnen Initiativen finden Sie unter www.regiogeld.de).

Neuere Varianten und Konfliktlinien

Als Modellprojekt des im Februar 2006 aus dem Regionetzwerk hervorgegangenen Regiogeld-Verbandes erforscht der „Sterntaler“ im Berchtesgadener Land
a) die Kombination von Zeit und Geld in einem Schein
b) die Kompatibilität zum Chiemgauer (der in Teilen der Sterntaler-Region ebenfalls akzeptiert wird)
c) Landesübergreifende Währungen (Grenzüberschreitung nach Österreich)
d) das Ziel weitgehender Eigenfinanzierung.
 

Für die Regiobewegung ist der Sterntaler damit gleich in mehrfacher Hinsicht ein Vorreiter – in der Verknüpfung eines bestehenden Tauschringes mit Regiogeld, im Ausloten der Kooperation mit einer unmittelbar benachbarten Regionalwährung und insbesondere hinsichtlich der Eigenfinanzierung des gesamten Projekts [5].

Einführung von Regiogeld-Girokonten                                       [Übersicht]

Neben dem Bremer „Roland“ betreibt bereits der „Urstromtaler“ in Sachsen-Anhalt Regiogeld-Girokonten. Derzeit wird auf mehreren Ebenen daran gearbeitet, aufbauend auf Tauschring-Software und gekoppelt an herkömmliche Banken-Software die Abwicklung auch sehr großer und zahlreicher Girokonten-Transaktionen in Regiogeld zu ermöglichen.

Schon seit dem letzten Jahr kann man Chiemgauer mittels der Chiemgauer-Card an diversen Bankautomaten erwerben – ein erster Schritt zur edv-technischen Weiterentwicklung des bisherigen Gutscheinsystems. Auch steht bereits eine Vereinbarung und Konzeption mit der GLS-Bank zum Aufbau eines Chiemgauer- Girokonten-Systems, das zukünftig von allen eurogedeckten Regiogeld-Initiativen in Kooperation mit der GLS- oder regionalen Banken und Sparkassen genutzt werden könnte.

Einen anderen Weg geht der Karlsruher „Carlo“, der in Kooperation mit „Besser ohne Zins“ in Stuttgart [6] derzeit ein Girokontensystem plant, das in der Rechtsform einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts den Betrieb von Girokonten ohne Banklizenz ermöglicht. Die Sparkasse Leipzig plant die Herausgabe eines Regionalgeldes, das komplett auf einem Girokontensystem aufbaut.

Vom Schülerunternehmen zur Genossenschaft                           [Übersicht]

Der stark wachsende Chiemgauer hat sich längst vom Schülerunternehmen zum professionellen Verein weiter entwickelt, der wie der Sterntaler beabsichtigt, 2007 eine Genossenschaft für den Betrieb des Regiogeldes zu gründen. Ab Herbst 2006 ist ausgehend von einer EU-Richtlinie in Deutschland eine rechtliche Erleichterung der Gründung kleinerer Genossenschaften zu erwarten [7]. Neben Genossenschaften mit wirtschaftlichen Zwecken sind dann auch Genossenschaften mit vornehmlich sozialen und kulturellen Zwecken erlaubt – eine Mischung, die als Organisationsform für wachsende Regiogeld-Initiativen ideal erscheint.

Die Gründung von Genossenschaften ging im 19. Jahrhundert insbesondere auf die Initiativen von Herrmann Schultze-Delitzsch (1808–1883) und Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818–1888) zurück, die mit diesem Selbsthilfeinstrument die in ihren Regionen daniederliegende Wirtschaft wieder belebt haben. Es ist erstaunlich, dass nun sowohl in der Heimatstadt von Herrmann Schultze in Delitzsch eine Sparkasse die Herausgabe eines Regiogeldes zur Unterstützung der heimischen Wirtschaft betreibt [8] als auch in der Heimat von Friedrich Wilhelm Raiffeisen gleich zwei Regiogeld-Initiativen entstanden sind. In Delitzsch soll Regiogeld in Analogie zum Schweizer WIR-Franken herausgegeben werden. Abhängig vom Ergebnis einer für die nächsten Wochen erwarteten Machbarkeitsstudie ist dort ein regionales Barter-System zwischen Firmen, Freiberuflern und ggfs. Privatpersonen sowie ein regionales Prepaid-Kartensystem für Endverbraucher geplant.

Unterschiede zwischen westdeutschen und ostdeutschen Initiativen

Die ostdeutschen Regiogeld-Initiativen haben sich wegen ihrer besonderen Ausgangslage als Regio Initiativen Ost (RIO) zusammengeschlossen. Versuche, in Ostdeutschland das in Westdeutschland so erfolgreiche Modell des Chiemgauers einzuführen, stießen bisher auf Schwierigkeiten. In Ostdeutschland scheinen zu wenig Euros in Umlauf und zu wenig Unternehmen aktiv zu sein, so dass die Ausgabe von Regiogeld im Tausch gegen Euro dort bisher keine dem Chiemgauer vergleichbaren Erfolge erzielen konnte.

Aus dieser Erkenntnis heraus ist der in Sachsen- Anhalt gültige „Urstromtaler“ bereits als leistungsgedeckte Währung konzipiert, die nur im Ausnahmefall auch gegen Euro erworben werden kann. Wer bereit ist, Leistungen (Waren, Arbeits- oder Dienstleistungen) für Urstromtaler (vollständig oder anteilig) anzubieten und so selbst zur Akzeptanzstelle zu werden, kann bei der Verrechnungsstelle ein Konto mit vereinbarter unterer Begrenzung eröffnen und erwirbt somit die Möglichkeit, wie in einem Tauschring Überweisungen von Urstromtalern an andere Nutzer vorzunehmen oder sich von diesem Konto Wertgutscheine auszahlen zu lassen. Jede/r Teilnehmer/in kann auch 20 Urstromtaler Wertgutscheine gegen Quittung als sog. Starterkit erhalten – mit der Verpflichtung zur Rückgabe des empfangenen Wertes zu einem späteren Zeitpunkt in Urstromtalern oder in Euro [9].

Die Potsdamer Initiative „Havelblüte“ ist als komplett leistungsgedeckte Währung konzipiert und knüpft die Menge des emittierten Regiogeldes neben der Akzeptanzquote direkt an die Anzahl von Arbeitsplätzen – und schafft damit einen wegweisenden Bezug zu den Zielen von Regiogeldern [10].

Innerhalb der ostdeutschen Initiativen gibt es auch Überlegungen, ähnlich dem WÄRA-Verrechnungsring aus der Zeit von 1926 bis 1931 eine übergreifende Vernetzung aufzubauen, um trotz der relativ geringen Dichte von Unternehmen im Allgemeinen und Regiogeld-Akzeptanzstellen im Besonderen endogene Wirtschaftskreisläufe stärker zu beleben.
In Dessau betreibt die Dessau AG als erste Organisation direkte Konkurrenz zu einem bereits bestehenden Regiogeld, dem „Urstromtaler“. Im Dezember 2005 startete in Dessau die De(ssau)Mark als Barterwährung, die im Jahr 2006 durch ein DeMark-Gutscheinsystem ergänzt werden soll [11].

Aktuelle Konfliktfelder im Bereich Regiogeld                              [Übersicht]

Mit der Dessau AG übernimmt ein privater Verein die Idee der Regiogeld-Initiativen, der durch eine EU-Förderung bei seiner Konstitution vergleichbar umfangreiche öffentliche Mittel zur Verfügung hatte. Zudem ist er mit einem ehemaligen Regierungspräsidenten, DGB-Vorsitzenden, amtierenden Landrat und Hochschulpräsidenten deutlich prominenter besetzt als bisherige Regiogeld-Initiativen.

Mit einem regionalen Barterring, der geplanten Einführung eines Regiogeldes und einer Regiocard nutzt die Dessau AG umfangreiche Vorarbeiten der bisherigen Regio-Initiativen, ohne deren bisherige Organisationskultur zu übernehmen. Gespräche mit dem Vorstand des Regiogeldverbandes haben ergeben, dass zu-nächst nicht die Dessau AG als Ganzes, sondern nur deren Regiogeld betreibende Initiative für eine Mitgliedschaft im Verband und damit auch Anerkennung dessen Qualitätskriterien in Frage kommt.
Ähnlich herausfordernd ist die geplante Einführung eines Regiogeldes durch die Sparkasse Leipzig, die im letzten Jahr die Sparkasse Delitzsch übernommen hat und tendenziell gewinnorientiert ausgerichtet ist – d.h. in diesem Punkt die Qualitätsstandards des Regiogeld-Verbandes nicht automatisch erfüllt.

Mit dem regionalen Marshallplan des österreichischen Ministeriums für Wirtschaft und Arbeit sowie der Arbeiterkammer Niederösterreich wurde jüngst im Waldviertel neben der dort bestehenden Waldviertler-Initiative ein neuer Verein gegründet, der den bereits existierenden „Waldviertler“ übernehmen und weiterentwickeln soll. Dabei fließen zwar nun umfangreiche personelle und finanzielle Mittel in diese Region; doch gleichzeitig wächst die Gefahr, dass sich aus Wien in die Region ‚eingeflogene’ Experten im Schnelldurchgang technische Aspekte einer Regionalwährung aneignen, ohne deren soziale Bedeutung und Funktionsweise zu durchdringen. So plädierte die Arbeiterkammer jüngst auf einem Kolloquium der Initiative strikt für die Abschaffung der Geldumlaufsicherung.

Einerseits besteht also die Chance, dass Regiogelder zukünftig aus ihrer bisherigen Nische geführt werden. Andererseits besteht die Gefahr, dass ihr Charakter dabei wesentlich verändert wird. Das Fachkompetenznetzwerk des Regiogeld-Verbandes beschäftigt sich mit dieser Frage und empfiehlt dem Verband tendenziell eine Öffnung in wirtschaftlicher und kommerzieller Richtung.
Eine mögliche Lösung dieses Konflikts könnte darin bestehen, dass Verbandsmitglieder selbst zwar weiterhin eindeutig gemeinwohl-, d.h. nicht-gewinnorientiert ausgerichtet bleiben könnten, mit dem Betrieb ihrer Regionalwährung jedoch auch gewinnorientierte Organisationen beauftragen könnten. Bisher konnten entsprechende Konflikte durch umsichtiges Verhalten der Konfliktpartner stets konstruktiv gelöst werden. So kooperieren inzwischen auch der Urstromtaler und die Dessau AG. Der Waldviertler-Verein ist dem Regiogeld-Verband beigetreten.

In der Frage der Umlaufsicherung ermöglicht der Regiogeld e.V. bisher auch Regiogeldern ohne strenge Umlaufsicherung mit folgender Formulierung seiner Qualitätskriterien eine Mitgliedschaft: „Neutralität im Austausch: Die Neutralität des Verrechnungsmittels ist über geeignete Instrumente, wie zum Beispiel einen Umlauf-Impuls oder eine Ablauffrist sicherzustellen. Instrumente im Spar- und Investitionsbereich dienen dazu, den Guthabenzins auf ein verteilungsneutrales Maß zu senken.“

Konkurrenz und Kooperation mit Bonuscard-Betreibern           [Übersicht ]

In vielen Regionen wurden in den letzten Jahren in Zusammenarbeit mit Zeitungsverlagen sog. Bonuscards eingeführt, die den beteiligten Verbrauchern (und Zeitungsabonnenten) Rabatte bei den teilnehmenden Händlern gewähren [12]. Gewinn bringt diese Aktion zumeist den kriselnden Zeitungen durch die damit verbundenen Inserate und die Bindung von Abonnenten sowie dem gewinnorientierten Bonuscard-Betreiber, der über die verspätete Auszahlung der Boni-Guthaben neben Gebühren zinslose Kredite in großer Höhe erhält [13]. Verlierer dieser mit großer Medienwirkung eingeführten Kartensysteme sind die beteiligten Händler, die teilweise bis zu 15 % Rabatte und Gebühren zahlen.

In der Grafschaft Bentheim und anderen Regionen wurde der Aufbau von Regiogeldern gestoppt, da die Einführung eines Regiogeldes den Beteiligten zusätzlich zu bestehenden Bonuscards nicht vermittelbar wäre. Im Emsland eruieren die Initiatoren des „Emstalers“ daher über die maßgeblichen Zeitungen die Möglichkeit einer Kooperation zwischen beiden Systemen. Theoretisch wäre eine Weiterentwicklung von vornehmlich gewinnorientierten Euro-Bonuscards zu vornehmlich gemeinwohlorientierten Regiogeldern denkbar – ob die Bonuscard-Betreiber diesen Weg mitgehen werden, bleibt abzuwarten.

Wissenschaftliche Begleitung der Praxis                                     [Übersicht ]

In der letzten Zeit sind bereits zahlreiche Diplomarbeiten und auch Dissertationen zum Thema Regiogeld geschrieben oder begonnen worden, deren Verfasser/innen sich im Netzwerk Monetäre Nachhaltigkeit www.mona-netz.de zusammen geschlossen haben. Dessen Verhältnis zum neuen Regiogeld-Verband bedarf noch der Klärung.

Angegliedert beim Regiogeld-Verband hat sich zudem ein Kompetenznetzwerk von Fachleuten verschiedener Berufsgruppen sowie aus Wissenschaft und Forschung gebildet, das theoretische und konzeptionelle Grundlagenarbeit betreibt, Forschungsarbeiten vernetzt und Regio-Initiativen berät. In diesem Netzwerk werden u.a. eine Buchveröffentlichung zum Thema Regiogeld und Wirtschaft, eine Dissertation zur Klassifikation von Komplementärwährungen und eine Übersicht zur Girokontenführung von Regiogeldern vorbereitet. Neben der Arbeitsgruppe Entwicklungspotential von Regiogeld ist eine Arbeitsgruppe Antisemitismus um Klarstellungen bemüht, dass die Geld- und Zinskritik keinen antisemitischen Hintergrund hat – vielmehr dem Antisemitismus die Grundlage entziehen soll. Regionalisierung der Wirtschaft bedeutet keine Wiederkehr des Nationalismus durch regionale Hintertüren, sondern gemäß der Devise „Regio ergänzt Euro“ eine Integration gestärkter regionaler Wirtschaftskreisläufe in eine offene europäische und globale Wirtschaft.

Das Fachkompetenznetzwerk diskutiert aktuell auch das Verhältnis von Regiogeldern zu bereits bestehenden anderen Nebengeld-Arten wie Miles-and-More. Neben dem bestehenden Euro-Geldsystem existieren bereits zahlreiche andere komplementäre Geld- oder geldähnliche Systeme. Diese könnten in ihrer Gesamtheit z.B. durch die Gründung eines Nebengeld-Verbandes oder –Instituts breiter in das Bewusstsein der Öffentlichkeit transportiert werden. Solch ein – bisher allerdings nur vage angedachtes - Institut könnte weitergehend auch als Kommunikationsplattform zu den Wirtschaftswissenschaften wie auch zur Deutschen Bundesbank und zur Europäischen Zentralbank fungieren. In dieser Hinsicht wird auch der Club-of-Rome-Bericht 2006 mit dem Titel „Money and Sustainability – The Missing Link“ wirken, der eine Vielfalt monetärer Instrumente zur Erreichung von Nachhaltigkeitszielen beschreibt und empfiehlt.

Vom Netzwerk zum Verband                                                        [Übersicht ]

Als im Sommer 2005 dem schleswig-holsteinischen „KannWas“ in Medienberichten eine Nähe zur NPD unterstellt wurde, kam es innerhalb des Regionetzwerks zu heftigen internen Auseinandersetzungen um die Frage, wie das Netzwerk mit solchen Vorwürfen gegen einzelne Mitgliedsinitiativen umgehen und wie es darauf nach innen und außen reagieren könnte. Dabei trat ein Mangel an demokratischen Entscheidungsstrukturen zu Tage, der Anlass zu Bestrebungen gab, das Netzwerk in einen Verband zu überführen. Zur Gründung eines solchen Verbandes kam es auf einem Treffen der Initiativen am 3. Februar 2006 in Traunstein. Zum 1. Vorsitzenden wurde der Rechtsanwalt und Initiator vom „Urstromtaler“ Frank Jansky gewählt, darüber hinaus leiten nun mit Franz Galler als Inititiator des „Sterntaler“ und Christian Gelleri als Gründer des „Chiemgauers“ die Geschicke der Regiogeld-Bewegung.

Der Verband versucht basisdemokratisch kreative mit effektiv hierarchischen Arbeitsstrukturen zu verbinden. Weitergehend als das bisherige Regionetzwerk, das im Sommer 2006 aufgelöst werden soll, wird der Verband eine öffentliche und politische Interessenvertretung der Regio-Initiativen übernehmen. Margrit Kennedy ist nun nicht mehr Koordinatorin des Netzwerks, sondern konzentriert sich zukünftig auf ihre Vermittlerrolle zu anderen internationalen Regiogeld-Initiativen.

Im Laufe des Übergangs vom Regionetzwerk zum Regiogeld-Verband konnten bislang sowohl die Auseinandersetzungen mit den Vorwürfen des Rechtsextremismus als auch die durch unmittelbare Konkurrenz-Situationen entstandenen Interessenkonflikte mit Hilfe einer bewussten Anwendung von Methoden der gewaltfreien Kommunikation im Sinne von Marshall B. Rosenberg konstruktiv gelöst werden [14].

Perspektiven                                                                                      [Übersicht ]

Im Regiogeld-Verband selbst könnte sich zukünftig neben einer zunehmenden regionalen Vernetzung der Regio-Initiativen in ca. vier bis fünf deutschen sowie einem schweizerischen und österreichischem Netzwerk auch ein Ausbau zu einem Europäischen Regionalgeld-Verband ergeben.

Auf einem Regionalgeld-Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung in Sachsen-Anhalt im Frühjahr 2005 versprach der damalige parlamentarische Staatsekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Ulrich Kasparick MdB, den Regiogeld-Verband im Jahr 2006 bei der Vorbereitung einer Anhörung im Deutschen Bundestag zum Thema Regiogeld zu unterstützen. Damit eine Anhörung im Bundestag von allen Fraktionen unterstützt wird, werden nun die Namen von Bundestagsabgeordneten benötigt, die für das Regionalgeldthema offen sind oder es bereits explizit unterstützen (entsprechende Hinweise nimmt der Autor gern entgegen).

Nach Einschätzung von Dr. Rösl vom Zentralbereich Volkswirtschaft der Deutschen Bundesbank sind Regiogelder trotz ihres Aufdrucks „Gutschein“ Geld im ökonomischen Sinne, da sie die Geldfunktionen Zahlungsmittel, Recheneinheit und Wertaufbewahrungsmittel erfüllen. Da sie jedoch nicht alle Geldfunktionen uneingeschränkt erfüllten und relativ teuer seien, spielten sie derzeit aus gesamtwirtschaftlicher Sicht keine nennenswerte Rolle [15] – eine Einschätzung, die auch H. Creutz vertritt [16].

Rösl hatte im Frühjahr 2005 einen kritischen Artikel veröffentlicht, in dem er den Regiogeld-Initiativen vorwarf, sich persönlich bereichern zu wollen [17]. Diese Kritik äußert er inzwischen nicht mehr – auf Nachfrage attestiert er den Initiativen vielmehr einen hohen Grad an Transparenz und Vertrauenswürdigkeit [18]. Positiv einzuschätzen sei auch die Werbewirksamkeit der Gelder für die jeweilige Region.

Erstaunlich ist, dass Rösl leistungsgedeckte Regionalwährungen und regionale Barterringe als ökonomisch sinnvoll bezeichnet, da diese im Unterschied zu eurogedeckten Regiogeldern zusätzliche Liquidität in Regionen bringe, wo diese fehle [19]. Bislang wurde eher vermutet, dass die Bundesbank eurogedeckte Regiogelder bevorzuge, da sie diese über ihr Euro-Monopol zumindest mittelbar steuern kann.

Da Regiogelder derzeit und zukünftig nicht die Preisstabilität des Euros gefährden, scheinen zumindest von Seiten der Deutschen Bundesbank auf absehbare Zeit keine Aktivitäten in Richtung von Verboten von Regionalgeldern auszugehen. Mit exakt 0,00002 % der umlaufenden Bar- und Girogeldmenge seien Regionalgelder derzeit volks- wirtschaftlich mehr als unbedeutend [20].

Während einer Diskussion zum Thema Regionalgeld im Geldmuseum der Deutschen Bundesbank im April 2006 stimmte Rösl zwar zu, dass eine u.a. von den Ökonomen Fisher und Keynes befürwortete Zinssenkung die Arbeitslosigkeit reduzieren könne; doch auf deren Gedankengebäude gebe heute in der Bundesbank niemand mehr etwas. Die Bundesbank orientiere sich strikt an ihrer Aufgabe, für Preisstabilität zu sorgen, so Rösl.

Hütet die Bundesbank entsprechend ihrem gesetzlichem Auftrag in erster Linie die Preisstabilität des Euro und sieht sie diese tatsachengemäß durch Regionalgelder nicht gefährdet, so könnte der Weg frei sein, über parlamentarische Initiativen eine Anerkennung von Regiogeld als innovativem Instrument nachhaltiger Politik zu erlangen, wie dies im Bericht 2006 an den Club of Rome der Fall sein wird [21]. Parlamentarier/ innen vertreten ihrem Auftrag gemäß sehr viel weiter gespannte Interessen als die Deutsche Bundesbank. Es wäre wünschenswert, dass zukünftig ein Regionalgeld-Verband mit gemeinwohlorientierten Qualitätskriterien gegenüber Regiogeld herausgebenden Banken ähnlich wie die Deutsche Bundesbank gegenüber Euros verwaltenden Banken als Hüter allgemeiner Interessen anerkannt würde.

Anmerkungen                                                                                                                
[Übersicht ]

[1] Chiemgauer Jahresstatistik 2005 vom 23.02.2006, www.chiemgauer.info
[2] Steinbach, M., Institut für Soziale Ökologie: Der Roland-Gutschein – eine (verfassungs)rechtliche Beurteilung, Bremen 2002, www.roland-regional.de
[3] Pressemeldung der Bundesdruckerei GmbH v. 7.2.2005, www.bundesdruckerei.de
[4] dokumentiert in der Galerie des www.berliner-regional.de
[5] Der Sterntaler veröffentlicht besonders umfangreiche Informationen auf seiner Homepage www.star-mach-mit.com
[6] www.ozb-stuttgart.de
[7] Siehe entsprechende Entwürfe eines Gesetzes zur Einführung der Europäischen Genossenschaft und zur Änderung des Genossenschaftsrechts in Deutschland unter www.bmj.bund.de/media/archive/1115.pdf und in Österreich: Genossenschaftsrechtsänderungsgesetz 2006 sowie dessen Erläuterungen unter www.bmj.gv.at/gesetzesentwuerfe
[8] Gründler, E.: Klein Geld – Geld macht erfinderisch. Vor allem, wenn es fehlt. Da kommt man auf die besten Ideen. Und erfindet neues Geld, in: Brand Eins 05/04, S. 104-108.
[9] ‚Ausgabe- und Nutzungsmöglichkeiten der Regionalwährung „Urstromtaler“’ unter
www.urstromtaler.de
[10] „Startkontingent für Unternehmen“ unter www.havelblueten.de
[11] P.T. Magazin für Wirtschaft, Politik und Kultur vom 02.04.2006: „Mit Tauschgeschäften und Regiogeld gegen die Wirtschaftskrise“.
[12] Siehe u.a.
www.payback.de, www.loyaltypartner.com, www.bonuscard.ch und www.bonuscards.at
[13] Vgl. Rösl, G.: Regionalwährungen in Deutschland, in: Wirtschaftsdienst 3/2005, S. 190.
[14] Siehe u.a.
www.gewaltfrei-kommunizieren.de
[15] Rösl, G.: Regionalwährungen in Deutschland, in: Wirtschaftsdienst 3/2005, S. 184 ff.
[16] Creutz, H.: Möglichkeiten und Grenzen praktischer Geldexperimente, in: Zeitschrift für Sozialökonomie Nr. 144, März 2005, S. 29 ff.
[17] Rösl, G.: Regionalgeld in Deutschland – Lokale Konkurrenz für den Euro?, in: Bundesbankmagazin 2/2005, S. 16-18; vgl. dazu auch den Kommentar von Hugo Godschalk in diesem Heft.
[18] Rösl, G.: Regionalwährungen in Deutschland, in: Wirtschaftsdienst 3/2005, S. 182-190.
[19] So Rösl auf seinem Vortrag „Regionalwährungen: Ein Beitrag zur lokalen Wirtschaftsförderung?" am 19.04.2006 im Geldmuseum der Deutschen Bundesbank. Diese Meinung gilt jedoch bisher nicht als Meinung der Bundesbank, die sich offiziell zu Regionalwährungen noch nicht geäußert hat.
[20] So Rösl auf seinem Vortrag „Regionalwährungen: Ein Beitrag zur lokalen Wirtschaftsförderung?" am 19.04.2006 im Geldmuseum der Deutschen Bundesbank.
[21] Der wesentlich von B. Lietaer und S. Brunnhuber verfasste Bericht mit dem Titel „Money and Sustainability – The Missing Link“ wird im Sommer 2006 veröffentlicht werden
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