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SOZIALÖKONOMIE.INFO

Roland Geitmann:
"Sozialgestaltung" als Bildungsauftrag

Übersicht
1. Bedarf
1.1  Problemlage
1.2  Mitwirkungsbereitschaft
1.3  Geschulte Moderator/innen
1.4  Einsatzfelder
1.5  Lücken anderer Studiengänge
2. Konturen
2.1  Ziel
2.2  Inhalt
2.3  Umsetzung


"Entwicklung, der neue Name für Friede", formulierte Papst Paul VI. in seiner Sozialenzyklika "Populorum progressio" im Jahre 1966 programmatisch. Dieser Zusammenhang gilt auf allen Ebenen: Entwicklungshemmungen erzeugen Gewalt, Entwicklungsarbeit hilft Gewalt vermeiden. Die großen sozialen, ökonomischen und ökologischen Probleme der Menschheit sind Zeichen für mangelnde oder fehlerhafte Entwicklung, aber auch große Herausforderungen, das Notwendige nachzuholen.

In den folgenden erläuterten Thesen sollen Bedarf und Konturen eines Bildungsangebotes skizziert werden, das bei den notwendigen Veränderungen in unserer Gesellschaft hilfreiche Dienste leisten könnte. Für die bislang unzureichend wahrgenommene Aufgabe, das gesellschaftliche Zusammenleben zeitgemäß zu gestalten, gibt es bezeichnenderweise keinen gängigen Begriff. "Sozialgestaltung" ist denen, die sich damit befassen, jedoch seit längerem geläufig und meint gerade nicht sozialstaatliche Reparaturdienste, sondern die Schaffung von Bedingungen, damit sich das Soziale in den Menschen entwickeln kann. Das erfordert vielfältige Verständigungsprozesse sowohl im politischen als auch im wirtschaftlichen und im kulturellen Bereich. Lebendige Demokratie braucht Moderator/innen, die das in den Menschen Veranlagte erkennen und zur Entfaltung bringen, Ziele formulieren helfen und zu Veränderungsschritten ermutigen. Solche "soziale Hebammenkunst" gilt es zu erlernen.

1.  Bedarf
1.1  Problemlage                                                                            
[Übersicht]

These 1: Die sich verschärfenden ökologischen, ökonomischen und sozialen Probleme sind nur lösbar im breiten Verständigungsprozess über notwendige Veränderungen des westlichen Lebensstils und zukunftsweisende soziale Innovationen.
Die sozialen und ökologischen Ungleichgewichte auf dieser Erde sind hinlänglich bekannt. Elend und Unterdrückung in den Ländern des Südens und Ostens sind historisch und z.T. noch immer mitbedingt durch eigensüchtige Eingriffe der westlichen Industrienationen (Zinslasten, Kapitalabflüsse, unfaire Preise u.a.). Die Armen zerstören die Umwelt aus Not und Unwissenheit; wir Reichen durch Verschwendung und tragen deshalb doppelte Verantwortung dafür, dass die natürlichen Lebensgrundlagen künftiger Generationen schwinden durch Gifte und Atommüll, CO2 und Ozonloch, Verwüstung des Bodens, Verseuchung der Gewässer, Aussterben von Tier- und Pflanzenarten.

Diese Zusammenhänge zwischen sozialen, ökonomischen und ökologischen Problemen sind spätestens seit der UNO-Weltkonferenz von Rio 1992 Allgemeingut. Nachhaltige Entwicklung ist nicht durch technischen Umweltschutz allein, sondern nur durch Einbeziehung der sozialen und wirtschaftlichen Dimension möglich, so die zutreffende Erkenntnis dieser Konferenz. Die Auswirkungen unserer Lebensweise auf künftige Generationen und andere Regionen dieser Erde machen es notwendig, unsere Konsumgewohnheiten grundlegend zu verändern. Folgerichtig sah die Konferenz für nachhaltige Entwicklung nur dann Chancen, wenn diese Veränderungen von unten und auf breiter Front in Gang gebracht werden. Deswegen wurde u.a. den nichtstaatlichen Organisationen und den Kommunen eine entscheidende Verantwortung für die Umsetzung dieser Maßnahmen zugesprochen.

Die Gefährdung der Erde und weitere Probleme, die wir der nächsten Generation z.B. durch Schulden und Rentenansprüche aufladen, erfordern breite und intensive Verständigungsprozesse, für die die vorhandenen Strukturen nicht ausreichen. Die Institutionen repräsentativer Demokratie fördern mehr das Abschieben von Verantwortung statt einen ständigen Lernprozess durch Auseinandersetzung mit Sachfragen. Die Parteien vermögen nur einen Bruchteil der Bevölkerung zu aktivieren und sind vornehmlich an Machtgewinn und -erhalt orientiert. Die herkömmlichen Verbände beschränken sich in der Regel auf Gruppeninteressen und vernachlässigen das Allgemeinwohl.

Weiterführend ist dagegen das immer breiter werdende Netz nichtstaatlicher, gemeinnütziger Organisationen für Gerechtigkeit, Demokratie, Umweltschutz und Frieden. Damit ihre hilfreiche Bildungsarbeit in politische Entscheidungen einmünden kann, brauchen wir neben den vielfältigen Formen der Bürgerbeteiligung als letzten Trumpf auf allen politischen Ebenen direktdemokratische Entscheidungsinstrumente. Auf diese Weise würde sich quer zu den organisierten Interessen und den Parteien eine Ebene sachbezogener Willensbildung legen, die viele Menschen motiviert und aktiviert und breite politische Lernprozesse initiiert.

1.2 Mitwirkungsbereitschaft                                                            [Übersicht]

These 2: Der technische Fortschritt entlastet Menschen von existenzsichernder Arbeit und eröffnet Freiräume für kulturelle Entfaltung und politische Selbstbestimmung.
Die Rationalisierungserfolge in der Wirtschaft erzeugen Probleme, bieten aber auch Chancen. Zwar werden sie angetrieben durch Gewinnstreben, erkauft durch unverantwortlichen Energie- und Ressourcenverbrauch, begünstigt durch ein verfehltes Steuersystem und sie verursachen bedrohliche Massenarbeitslosigkeit. Aber sie befreien uns auch von oft allzu eintöniger Arbeit und geben uns Gelegenheit, uns als kulturelle, soziale und politische Menschen zu entfalten.
Dieses Angebot nehmen wir bei weitem nicht wahr. Statt wie gewohnt auf Dauer- und Vollarbeitsplätzen zu beharren und teilnahmslos zuzusehen, wie Millionen Menschen aus diesem Arbeitsprozess ausgesondert werden, wäre die verbliebene Arbeit neu und flexibel zu verteilen, so dass möglichst alle eine ihnen bekömmliche Mischung aus Erwerbsarbeit, Bürger- und Eigenarbeit, Muße und Fortbildung finden.

Auch durch höhere Lebenserwartung und Bildung ist das Mitwirkungsangebot gestiegen. Die zahllosen Initiativen und nichtstaatlichen Organisationen signalisieren ein wachsendes Bedürfnis nach politischer Selbstbestimmung. Im großen Zeitrahmen gesehen kann man für Europa feststellen, dass die Menschen aus politischer Unmündigkeit heraustreten, erwachsen werden wollen und danach verlangen, an Entscheidungen beteiligt zu werden. Dies erfordert ein bislang noch ungeahntes Maß an öffentlicher Kommunikation.

1.3 Geschulte Moderator/innen                                                    [Übersicht]

These 3: Eine mündig werdende Gesellschaft braucht Moderator/innen für die Prozesse der Verständigung über sich wandelnde Formen des Zusammenlebens.
Was manche als Atomisierung der Gesellschaft beklagen, ist, positiv betrachtet, unausweichlich uns aufgegebene Individualisierung. Unsere gesellschaftliche Situation ist die des Erwachsenwerdens. Die bisherigen Regeln, Konsumgewohnheiten, Kenntnisse, Arbeitsplätze und sozialen Sicherungssysteme sind fragwürdig geworden. Strukturen sind überholt; das Neue ist noch nicht in Sicht und wird voraussichtlich weder von Experten noch von Politikern gefunden, sondern muss von den betroffenen Menschen selbst entwickelt werden.
Für diese Klärungsprozesse brauchen wir geschulte Moderator/innen, die ohne inhaltliche Vorgaben Kommunikation organisieren und doch ein Erkenntnisorgan für das haben, was sich in der Gesellschaft entwickeln will, was in den Menschen veranlagt ist, ansteht und in die Zukunft weist. Soweit die Ausbildung solcher Moderator/innen anhand der aktuellen gesellschaftlichen Fragen geschieht, kann bereits hierin ein Beitrag zur Lösung liegen und wird dringend notwendige Innovation gefördert.

1.4 Einsatzfelder                                                                              [Übersicht]

These 4: Sozialgestalter/innen finden vielfältige Einsatzfelder auf allen politischen Ebenen wie auch im Wirtschafts- und Kulturleben.
Zahlreiche schon bisher ausgeübte Tätigkeiten im öffentlichen Sektor, die Phantasie, konzeptionelles Denken und kommunikative Fähigkeiten verlangen, fänden in einer Zusatzausbildung "Sozialgestaltung" eine qualifizierte Grundlage, z.B.    
•  Bürgermeister/innen und Referent/innen für Öffentlichkeitsarbeit und Bürgerbeteiligung,
•  Abgeordnete und ihre Assistent/innen,
•  Mitarbeiter/innen für Grundsatz- und Zukunftsfragen in Ministerien und internationalen Organisationen,
•  Gleichstellungsbeauftragte,
•  Stellen für Kommunal-, Regional- und Landesentwicklungsplanung,
•  Bürgerbeteiligung in Bauleitplan- und Planfeststellungsverfahren sowie in der Stadterneuerung und bei der Aufstellung von Haushaltsplänen,
•  Wirtschafts- und Fremdenverkehrsförderung,
•  Gremien der internationalen, interregionalen und grenzüberschreitenden Zusammenarbeit,
•  Entwicklungsdienst und internationale Demokratisierungshilfe.
Entsprechendes gilt für gemeinnützige Organisationen, Parteien, Verbände, Kammern, Gewerkschaften und Unternehmensberatungen, aber auch Kirchen, Medien und Einrichtungen der Erwachsenenbildung, die alle an Fragen der Sozialgestaltung mitwirken, ohne dafür besonders geschult zu sein.

Andere Aufgaben und Formen der Verständigung werden erst allmählich aufgegriffen und benötigen externe Moderatoren, insbesondere wenn eine so umfassende Fragestellung wie die "Lokale Agenda 21" ansteht:
•  Bürgerforen und Runde Tische,
•  Arbeitskreise und Projektgruppen,
•  nach Zufallsprinzip ausgewählte Planungszellen, die Bürgergutachten erstellen,
•  Bürgerbüros und andere Formen zur Förderung bürgerschaftlichen Engagements,
•  Mediation,
•  Anwaltsplanung,
•  Ziviler Friedensdienst.

Ein erheblicher Bedarf an Öffentlichkeitsarbeit und Moderation ist im Entstehen durch direktdemokratische Entscheidungsverfahren, wie sie für die kommunale Ebene inzwischen in allen Bundesländern und in den meisten auch für die Landesebene, wenn auch noch sehr restriktiv, ermöglicht werden. Wie groß das Bedürfnis der Menschen ist, sich in Sachfragen zu engagieren und mitzuentscheiden, zeigt sich in den Ländern, die relativ anwenderfreundliche Verfahrensregelungen haben, insbesondere in Bayern und abgeschwächt auch in Hessen, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und Sachsen.

In mehreren Bundesländern gibt es Initiativen zur Verbesserung der Verfahrensvorschriften. Für die Bundesebene wird die Einführung direktdemokratischer Entscheidungsverfahren seit langem von der großen Mehrheit der Bevölkerung gefordert. Der Entwurf der rot-grünen Regierungskoalition zur entsprechenden Ergänzung des Grundgesetzes scheiterte im Jahr 2002 an der Ablehnung durch die CDU/CSU.

Offen ist für entsprechende Initiativen die Frage der Finanzierung der Öffentlichkeitsarbeit und externer Moderator/innen. Während sich Parteien, orientiert an ihrem Wahlerfolg, aus öffentlichen Mitteln bedienen, ist dies für Volksentscheidsinitiativen bislang noch nicht oder unzureichend gewährleistet. Zumindest für die Landes- und Bundesebene ist eine solche Kostenerstattung erforderlich, weil andernfalls nur bereits organisierte Interessenverbände sich dieses Instruments bedienen können. Gerade die Keime des Neuen brauchen Förderung, wenn wir nicht erstarren wollen. Diese Mittel werden künftigen Sozialgestalter/innen zugute kommen.

Um bedürfnisgerechter, ressourcenschonender und innovativer zu sein, braucht auch das Wirtschaftsleben neuartige Verständigungsformen, in denen Produzenten, Händler und Konsument/ innen sich branchen- und regionalbezogen abstimmen. Statt Objekt aggressiver Werbung zu bleiben, sollten sich Konsument/innen als Mitsubjekt der Willensbildung organisieren. Weit über das hinaus, was Verbraucherberatung heute schon tut, wird hier ein Bedarf an Vermittlung entstehen, die aufwändige Werbung weitgehend ersetzen kann.

Für alle drei Bereiche, Politik, Wirtschaft und Kultur, wird es Sozialgestalter/innen sowohl im Angestelltenverhältnis als auch zunehmend als freiberuflich tätige Berater und Moderatorinnen geben können, die projektbezogen hinzugezogen werden.

1.5 Lücken anderer Studiengänge                                                  [Übersicht]

These 5: Bisherige Studiengänge bereiten auf soziale Gestaltung nur unzureichend vor.
Zu einem erheblichen Anteil wird die Aufgabe sozialer Zukunftsgestaltung noch gar nicht wahrgenommen, zu einem weiteren Teil nur unzureichend. Entsprechend groß sind Reformstau und Probleme.

Wesentlichen Anteil an der Verholzung unserer gesellschaftlichen Strukturen haben Juristen. So hilfreich ihre Fähigkeiten in der Problemanalyse, der Verfahrensleitung und im Formulieren und Anwenden von Regeln sind, so unkreativ und wenig geeignet sind sie oft für die Suchbewegungen und fließenden Vorgänge bei der Schaffung von Neuem.

Die rechtlichen und ökonomischen Kenntnisse der Verwaltungswissenschaftler und Diplomverwaltungswirte fänden in einem Zusatzstudium "Sozialgestaltung" eine gute Ergänzung.

In der Fragestellung kommen Politologen und Soziologen nahe an das, was mit "Sozialgestaltung" gemeint ist. Doch Ergebnis dieser sehr theoriegeprägten Studiengänge sind Stärken eher im Beschreiben und Analysieren einzelner Segmente des Ist-Zustandes und weniger darin, aus der Erkenntnis langfristiger Grundströmungen Neues zur Entfaltung zu bringen. Erst recht zu kurz kommt das Einüben der Kommunikations- und Moderationstechniken.

Wirtschaftswissenschaftliche Grundkenntnisse wird man sich für "Sozialgestalter/innen" zweifellos wünschen. Doch lässt sich mit diesem Instrumentarium nicht die gesamte soziale Wirklichkeit erfassen und gestalten. Das ökonomische Menschenbild des kühl rechnenden Egoisten ist ein Homunkulus der Theorie, der das Denken beherrscht und den Blick dafür verstellt, dass arbeitsteiliges Wirtschaften auf Verständigung und Solidarität angelegt ist, wie es Tauschringe neu buchstabieren.

Ethik liefert ein reiches Ensemble von Fragestellungen, Argumenten und möglichen Antworten für die Suche nach Formen des guten und gelingenden Lebens. Philosophen und Theologen würden durch eine Zusatzausbildung als Sozialgestalter/innen breitere Betätigungsfelder finden.

Die Psychologie liefert wichtige Verständnisgrundlagen für Probleme und Verbesserungsmöglichkeiten menschlicher Kommunikation, aber keine (gesamt-) gesellschaftlichen Konzepte. Ähnliches gilt für den Studiengang "Erwachsenenbildung".

Mancherlei Gemeinsamkeiten gibt es mit der Sozialpädagogik und -arbeit; dies gilt insbesondere für den gemeinwesenorientierten Ansatz (GWA). Doch ist deren Arbeitsfeld mehr die Mikroebene und geht es weniger um Gestaltungsvorschläge für die Politik.

Verwandt sind den Sozialgestalter/innen politische Journalist/innen. Die wünschenswerten Grundlagenkenntnisse sind ähnlich; doch in der praktischen Ausbildung stellen Berichterstattung und Mitgestaltung verschiedene Anforderungen.

Berührungspunkte gibt es auch mit dem Ausbildungsgang "Kommunikationswirt/in", der jedoch recht eingeengt ist auf Öffentlichkeitsarbeit, also das Vermitteln von Vorgegebenem, und die moderierende Funktion sowie die inhaltlich-politische Seite vernachlässigt.

Bürgerbeteiligung in Planungsverfahren wird auch von Stadt- und Landschaftsplaner/innen sowie von Geograph/innen moderiert, obwohl dies in ihrer Ausbildung allenfalls am Rande berührt wird.

2.  Konturen
2.1  Ziel                                                                                               
[Übersicht]

These 6: "Sozialgestaltung" ist eine soziale Hebammenkunst auf der Meso- und Makroebene.
Sozialgestaltung zielt nicht auf die Mikroebene der Familie, der Nachbarschaft oder des einzelnen Betriebes, sondern auf die Mesoebene der Bürgerinitiativen, nichtstaatlichen Organisationen, Verbände, Kammern, Gewerkschaften und Parteien und vor allem die politischen Ebenen der Gemeinden, Landkreise, Regionen und Bundesländer sowie mit gewissen Einschränkungen auch Bund, Europäische Union und internationale Politik.

Großorganisationen und Politik werden von den meisten Menschen nicht als etwas wahrgenommen, was sie mitgestalten können. Mit der Beschränkung auf Wahlen und gelegentliche Meinungsäußerungen stehen wir noch am Anfang der Demokratie. Diesen Zustand politischer Unmündigkeit gilt es zu überwinden. Weil politisches Erwachsenwerden etwas Neues hervorbringt und wie eine zweite Geburt ist, kann man die begleitende, vorantreibende und unterstützende Moderatorenfunktion der Sozialgestaltung als "soziale Hebammenkunst" bezeichnen.

Wie Hebammen können Sozialgestalter/innen das Neue nicht selbst produzieren, aber seine Hervorbringung entscheidend unterstützen, weil sie Entwicklungsgesetze kennen und wissen, wann etwas "an der Zeit" ist. Ohne das Ergebnis genau vorauszusehen, können sie die Richtung der Anstrengungen präzise angeben. Sie werden Verkrampfungen lösen, ängstliches Zurückhalten, etwa den Rückfall in vordemokratische Zustände, vermeiden, alle Kräfte nach vorne richten und ermutigen, sich für das Neue zu öffnen.

Unsere im Reformstau verharrende Gesellschaft ist im Zustand einer Gebärenden, die sich verkrampft und angstvoll verweigert. Deshalb bedarf es der Sozialgestalter/innen, welche die hervorzubringende Gesellschaft schon vor Augen haben, Mut machen und es fertig bringen, alle Kräfte der Gesellschaft auf den anstehenden Geburtsvorgang zu lenken. Erkenntnis und kommunikative Fähigkeiten, Wahrnehmung und Zuspruch sind jetzt vonnöten und alles getragen von liebevoller Zuwendung. Diese Fähigkeiten gilt es zu entwickeln.

2.2 Inhalt                                                                                           [Übersicht]

These 7: Grundlagenwissen über gesellschaftliche Entwicklungen sowie Projektstudien und Übungen können die Studierenden befähigen, sowohl mit allen Schichten der Bevölkerung als auch mit Wissenschaftlern und Fachexperten zu kommunizieren, deren Beiträge einzuschätzen und Bedingungen zu schaffen, die im Zusammenwirken der Menschen Neues entstehen lassen.
Sozialgestaltung ist in einer demokratischen Gesellschaft kein Formen nach willkürlich vorgefasster Vorstellung, sondern ein Hervorbringen dessen, was sich verwirklichen will. Das erfordert solide Kenntnisse über tiefere Zusammenhänge der bisherigen gesellschaftlichen Entwicklung sowie sorgfältige Wahrnehmung des gegenwärtigen Zustands, der zukunftsweisenden Ideen und vorhandenen Kräfte. Wer die Grundrichtung der langfristigen Entwicklung erkennt und damit das Künftige erahnt, kann klarer unterscheiden, was nach vorne weist und was ein Rückfall wäre, auch wenn es ohne solche Entwicklungsschlaufen manchmal nicht abgeht.

Sozialgestalter/innen können Wissenschaftler und Fachexperten nicht ersetzen, müssen aber als Moderatoren mit allen kommunizieren können. Deswegen wird die Ausbildung einen breiten Kranz von Gesellschaftswissenschaften berühren: Sozialethik, Anthropologie und Erwachsenenpädagogik, Geschichte, Kultur- und Sozialwissenschaften, Politikwissenschaften und Recht, Volkswirtschafts- und Betriebswirtschaftslehre, Ökologie, Stadt- und Raumplanung. Entsprechend ihrer unterschiedlichen Vorbildung werden sich die Studierenden vorwiegend den Disziplinen zuwenden, die sie bis dahin noch nicht kennen gelernt haben. Dabei kann es lediglich darum gehen, deren Denkweise, Sprache und Methodik zu erfassen. Statt die Studierenden mit allzu vielen scheinobjektiven Fakten voll zu stopfen, sollten sie eher die Relativität aller wissenschaftlichen Aussagen erkennen, Wissenschaftsgläubigkeit überwinden und ihren Blick schulen für "Außenseiter" und den in ihnen sich möglicherweise ankündigenden Paradigmenwechsel.

Das notwendige Grundlagenwissen wird sich durchweg auf Entwicklungen beziehen, also auf sich Verwandelndes, damit sich daran die Fähigkeit entfaltet, in die Zukunft zu denken und diese schöpferisch mitzugestalten. Beispiele sozialer Metamorphosen sollten Gegenstand vertiefender Projektstudien werden, z.B. Aussöhnungsprozesse, Entwicklung des Umweltbewusstseins, neue soziale Bewegungen, Entstehen einer weltweiten Zivilgesellschaft, Chancen des Internet usw.

Ein wesentlicher Teil des Zusatzstudiums wird das Üben von Kreativitäts-, Kommunikations- und Moderationstechniken sowie von Organisationsaufbau und -abläufen sein. Sozialgestaltung fußt zwar auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, ist selbst jedoch nicht Wissenschaft, sondern eine Kunst, die man letztlich nur durch praktisches Vormachen, Erproben und Üben lernen kann.

2.3 Umsetzung                                                                                  [Übersicht]

These 8: Im Sinne eines Studium Generale sollten vorhandene Ausbildungs- und Studiengänge verstärkt sozialgestalterische Fähigkeiten entwickeln. Neben Weiterbildungsmaßnahmen wäre das Angebot eines Zusatzstudiums "Sozialgestaltung" anzustreben.
Sozialgestaltung als eigenständigen Studiengang einzurichten wird (zumindest vorerst) kaum gelingen. Widerstände hiergegen sind sowohl aus benachbarten Studiengängen wie Politikwissenschaft und Sozialpädagogik zu erwarten als auch von Bildungspolitikern. Denn so lauthals Politiker Umdenken und Wandel in der Gesellschaft fordern, so kritisch werden sie, wenn bei solchem Wandel bestehende Machtstrukturen ins Schwanken kommen. Schon die Einführung und Verbesserung direktdemokratischer Verfahrensregeln stoßen bei etablierten Parteien auf Abwehr, erst recht das Ansinnen, die Rahmenordnung unserer Wirtschaft durch ein ökologisches Steuersystem zu verändern, das allen Menschen gleiche Zugangschancen zu Gemeinschaftsgütern wie Boden, Energie und auch Geld gewährt.

Ein staatlich dirigiertes und von wirtschaftlichen Interessen geprägtes Bildungssystem ist schwerlich imstande, einen Systemwandel zu befördern, sondern dient der Reproduktion bestehender Strukturen wohl bis zum bitteren Zusammenbruch. Nichts wäre deshalb dringlicher als die Forderung des früheren Bundespräsidenten Herzog beim Bildungsforum 1997 umzusetzen: "Entlassen wir unser Bildungssystem in die Freiheit."

Gegen einen eigenständigen und damit auch sich von anderen abgrenzenden Studiengang "Sozialgestaltung" ist auch ein sachliches Argument zu berücksichtigen: Gerade weil gesellschaftlicher Wandel Angelegenheit eines jeden mündigen Menschen ist und das Bildungswesen wie auch die Wirtschaft sich selbst verwalten sollte, müssten sozialgestalterische Fähigkeiten in jedem Menschen gefördert werden, statt sie Spezialisten vorzubehalten. Deshalb wird für die Umsetzung ein anderer Weg vorgeschlagen:
•  Wenn sich die Erkenntnis verbreitet, dass die zeitgemäße Gestaltung des Zusammenlebens sich als unabdingbare Aufgabe einer erwachsen werdenden Gesellschaft stellt, wird die Schulung entsprechender Fähigkeiten in immer mehr Lehr- und Studienpläne als Schlüsselqualifikation einsickern.
•  Dieser Vorgang wäre sowohl durch punktuelle Weiterbildungsmaßnahmen als auch durch das Angebot eines Zusatzstudiums zu fördern. Da wir lebenslang lernen müssen, ist es kein Widerspruch, etwas, was man sich für jeden als Basis- und Schlüsselqualifikation wünscht, aber noch nicht vorhanden ist, zunächst als Zusatzqualifikation anzubieten.

Eine Zusatzausbildung würde zum einen die Aufgabe "Sozialgestaltung" deutlich ins Bewusstsein heben, andererseits die isolierende Wirkung eines eigenen Studienganges vermeiden und realisieren, dass sich Sozialgestaltung mit unterschiedlichen Vorausbildungen sinnvoll verknüpfen lässt und den Absolventen derselben zusätzliche Chancen eröffnet. Im Hinblick auf den großen Anteil der Projekte und praktischen Übungen bieten sich als Ausbildungsstätten für ein Zusatzstudium "Sozialgestaltung" neben Universitäten auch und gerade Fachhochschulen an, insbesondere die Fachbereiche Sozialwesen, aber auch die Fachhochschulen für öffentliche Verwaltung, sofern sie – zumindest insoweit – externalisiert werden. Schon bisher sind ihr Gegenstand die öffentlichen Angelegenheiten und sie verfügen über Juristen, Ökonomen (Volkswirte und Betriebswirte), Soziologen, Politologen, Psychologen und Informatiker.

Mit der Angliederung eines Zusatzstudiengangs "Sozialgestaltung" trügen diese Fachhochschulen der Entwicklung Rechnung, dass sich das Verhältnis zwischen Verwaltung und Bürgern verschiebt: Die dienstleistenden und erledigenden Funktionen werden schon aus finanziellen Gründen schrumpfen, während die moderierende Funktion zunehmen wird. In einer mündigen Gesellschaft, die ihre Rahmenbedingungen sachgemäßer und gerechter als heute gestaltet, werden soziale Reparaturdienste schrittweise durch günstige Voraussetzungen für Selbsthilfe ersetzt. Nach der polizeilich-militärisch geprägten Verwaltung des 19. Jahrhunderts und der sozialstaatlichen Erledigungsverwaltung im 20. Jahrhundert entsteht eine demokratische "Ermöglichungsverwaltung", die sich wieder zurücknimmt und die Bürgerinnen und Bürger nicht länger als Objekt, sondern als Partner und darüber hinaus als eigentliches Subjekt einbezieht.
Der Zusatzstudiengang "Sozialgestaltung" hätte deswegen befruchtende Rückwirkungen auf die bisherige Verwaltungsausbildung, die für Ordnungsverwaltung, Finanzen und Gewährleistung einer sozialen Grundsicherung zwar auch künftig gebraucht wird und doch den Übergang ins dritte Jahrtausend einer freiheitlichen, reiferen, selbstbewussten und innovativen Gesellschaft schafft.

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