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SOZIALÖKONOMIE.INFO

Claude Million:
Irving Fisher als Geldreformer

Übersicht
Einleitung
Die Bedeutung der Kaufkraftstabilität des Geldes
Vom „kompensierten Dollar“-Plan zur Offenmarktpolitik
Silvio Gesells Interesse an Fishers Geldlehre
Vom „Tanz des Dollars“ zum Börsenkrach
Präsident Hoovers „Kampagne gegen das Horten“
Schulden-Deflation, „Marken-Dollars“ und Reflation
Lobbyarbeit für Schwundgeld 1932-33 und die Abkehr vom Goldstandard
Literatur
Anmerkungen


Einleitung

Am 27. Februar 2007 wäre Irving Fisher (1867-1947) 140 Jahre alt geworden. Er gilt bis heute als der bedeutendste amerikanische Ökonom und zählt neben Keynes und Schumpeter zu den wichtigsten Wirtschaftstheoretikern des 20. Jahrhunderts.[1]  

Irving Fisher war auch ein leidenschaftlicher Reformer. Sein Reformeifer floss in Gesundheitsreform[2], in die eugenische Bewegung[3], in die Unterstützung der Prohibition (1920-1933) oder in sein Engagement für den Beitritt der Vereinigten Staaten zum Völkerbund nach dem Ersten Weltkrieg. Als Tüftler machte er zudem zahlreiche mechanische Erfindungen, von denen viele patentiert wurden.

Bereits in den frühen 1920er Jahren hatte Irving Fisher seine Lehrverpflichtungen an der Yale University auf ein Minimum reduziert, um sich seinen Reformvorhaben widmen zu können.[4] Dass sein wissenschaftliches Ansehen dadurch litt und er bei seinen Fachkollegen als überspannter Eiferer verschrien war, änderte nichts an der Tatsache, dass er bis ins hohe Alter hinein in regelmäßigen Abständen wichtige Beiträge zur Ökonomie lieferte. Und die Publikation eines neuen Buches von Fisher war stets ein öffentliches Ereignis, egal ob das Buch positiv oder negativ aufgenommen wurde.[5] 

Fishers wissenschaftlicher Antrieb war von der Motivation getragen, gesellschaftliche Verbesserungen zu bewirken.[6] In seinen Augen trug sein reformerisches Engagement genauso dazu bei wie seine wirtschaftswissenschaftlichen Arbeiten. Gerade in den geldtheoretischen Schriften ist der Reformer Fisher kaum vom Wirtschaftstheoretiker zu trennen. Bei seinem Einsatz für kaufkraftstabliles Geld war Analyse zugleich Programm. In diesem Beitrag soll Fishers Lobbytätigkeit als Geldreformer anhand des „kompensierten Dollar“-Plans von 1911 und seinem Einsatz für Schwundgeld[7] 1932/33 skizziert werden. Dabei geht es u.a. um die Frage, wie Irving Fisher dazu kam, 1932/33 die Ausgabe von Schwundgeld in den USA zu propagieren, nachdem frühere Versuche, ihn für Silvio Gesells Geldreform-Idee zu interessieren, fehlgeschlagen waren.

Die Bedeutung der Kaufkraftstabilität des Geldes                                             
[Übersicht]

In den 1920er und 1930er Jahren trug Fisher wie kaum ein anderer Ökonom zur Popularisierung der Idee kaufkraftstabilen Geldes bei. Die Geldpolitik sollte seiner Ansicht nach nicht dem Diktat der Wechselkurspolitik unterliegen, sondern die Stabilisierung des inländischen Preisniveaus zum Ziel haben. Sowohl mit theoretischen Arbeiten, als auch empirischen Studien, versuchte Fisher die „Festwährung“ auf wissenschaftlichem Gebiet voranzutreiben.[8] Seine Besessenheit von der Idee der Festwährung[9] ließ Fisher 1920/21 die „Stable Money Association“ ins Leben rufen – eine Vereinigung, die führende Vertreter von Wirtschaft und Politik aus dem In- und Ausland auf die Idee kaufkraftstabilen Geldes einschwor.[10] Mit der ihm eigentümlichen Mischung aus Pädagogik, Propaganda und Hartnäckigkeit versuchte Fisher auf die monetäre Gesetzgebung seines Landes einzuwirken. Bis 1934 hatte er zum Thema der Kaufkraftstabilisierung nach eigenen Angaben insgesamt 99 Vorträge gehalten, 13 Bücher und 161 Artikel publiziert, 37 Briefe an die Presse verfasst und 12 privat gedruckte Rundschreiben verschickt. Darüber hinaus erschien er vor neun Anhörungen des U.S. Kongresses zum selbigen Thema.[11] Warum war ihm die Kaufkraftstabilität des Geldes so wichtig?

Bei der Suche nach einer Antwort auf diese Frage fällt auf, dass Fisher stets bestrebt war, seine Argumente für kaufkraftstabiles Geld dem wirtschaftspolitischen Tagesgeschehen anzupassen. Während er in seinem geldtheoretischen Hauptwerk „Die Kaufkraft des Geldes“ (1911, dt. 1916) die Gründe für die gestiegenen Lebenshaltungskosten erklären wollte, unterstrich er in der Broschüre „Der schwankende Geldwert“ (1923, dt. 1924), dass die Stabilisierung des Geldwertes eng mit politischer Stabilisierung auf internationaler Ebene verknüpft sei. 1926 legte er in einer Anhörung vor dem Bankenausschuss des Repräsentantenhauses dar, dass sowohl Inflation als auch Deflation Verschwörungstheorien Vorschub leisten würden, wonach Großunternehmen oder Rockefeller und Morgan hinter diesen Preisschwankungen stehen würden.[12] So gesehen konnte ein stabiler Dollar als Beitrag zur inneren Sicherheit betrachtet werden, da er Misstrauen und falschen Schuldzuweisungen in der Gesellschaft entgegen wirkte. Nicht zuletzt war für Fisher die Stabilisierung der Kaufkraft aus konjunkturpolitischen Überlegungen von zentraler Bedeutung, ob in den boomenden 1920er Jahren oder in der Deflation der 1930er Jahre.

Vom „kompensierten Dollar“-Plan zur Offenmarktpolitik                            
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Obwohl Fisher spätestens seit seiner Neuformulierung der Quantitätstheorie im Werk „Die Kaufkraft des Geldes“ ins Lager der Goldstandardkritiker gewechselt war, schien ihm die Zeit noch nicht reif, die Abschaffung des Goldstandards zu fordern. Die Vorstellung, Kaufkraftstabilität einer Währung ergebe sich automatisch aus einer festen Goldparität, war zu dieser Zeit noch zu stark verbreitet. Als Konzession an die Goldstandardmentalität schlug Fisher deshalb einen modifizierten Golddevisenstandard vor, den sogenannten „kompensierten Dollar“.[13]

Der „kompensierte Dollar“-Plan zielte darauf ab, Kaufkraftschwankungen des in Gold definierten Dollars zu kompensieren, die von Schwankungen des Goldpreises herrührten. Der Goldgehalt des Dollars würde laufend den Goldpreisschwankungen angepasst werden, um so das Preisniveau stabil zu halten. In Fishers Worten: „Wir haben jetzt einen Dollar mit festem Gewicht (25.8 Gran), aber veränderlicher Kaufkraft; nach dem von mir vorgeschlagenen Plan erhielten wir einen solchen von veränderlichem Gewicht, aber von feststehender Kaufkraft.“[14]

Fishers Vorschlag, vorgebracht vor der Gründung der U.S. Zentralbank (Federal Reserve System) 1913, bereitete den Boden für die amerikanische Debatte über die Einführung einer „Indexwährung“ als Alternative zum Golddevisenstandard in den 1920er und 1930er Jahren. Diese Debatte war keineswegs rein akademischer Natur[15], sondern wurde zum Großteil auf dem Parkett des U.S. Kongresses ausgefochten. Politischer Zankapfel dabei war die maßgeblich von Fisher ausformulierte „Goldsborough bill“ – einer Gesetzesvorlage, mit der das Federal Reserve System gesetzlich zur Stabilisierung des Preisniveaus verpflichtet worden wäre. Die „Goldsborough bill“, vom Abgeordneten Alan Goldsborough 1922 erstmals im Kongress eingebracht, wurde bis in die 1930er Jahre hinein in wechselnden Versionen im Kongress behandelt, ohne je angenommen zu werden.[16] 

Mit der seit Anfang der 1920er Jahre angewandten Offenmarktpolitik stand dem Federal Reserve System ein neues Instrument zur Geldmengensteuerung zur Verfügung. Während in den ersten beiden Versionen des „Goldsborough bill“ (1922 und 1924) die Geldmengensteuerung über die Manipulation des Goldgehalts des Dollars erfolgt wäre, ließ Fisher in den späteren Fassungen den „kompensierten Dollar“ fallen; stattdessen forderte er die konsequente Anwendung der Offenmarktpolitik zur Stabilisierung des Preisniveaus.[17]

Irving Fisher bereute in späteren Jahren, dass er sich nicht vehementer gegen den Goldstandard eingesetzt hatte: „Ich schäme mich ein bisschen dafür, dass ich nicht richtig gegen die Erhaltung des Goldstandards oder seiner Wiedereinführung nach dem Weltkrieg gekämpft habe. Cassel meldete sich zu Wort, wie auch Keynes. Ich machte einige Anläufe, hatte aber das Gefühl, mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen und ließ bald davon ab.“[18]

Silvio Gesells Interesse an Fishers Geldlehre                                                      
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Irving Fishers geldreformerische Aktivitäten wurden auch außerhalb der Vereinigten Staaten von Kritikern des Goldstandards aufmerksam verfolgt, so zum Beispiel von den Geld- und Bodenreformbewegungen in der Schweiz und Deutschland. Einerseits wurde Fisher als willkommener Mitstreiter gewürdigt, andererseits bestand die Hoffnung, ihn für die eigenen Reformbestrebungen zu gewinnen. Der Versuch, Irving Fisher die Idee des Freigeldes nahe zu bringen, ist – als Andeutung zumindest – bis 1915 zurück dokumentiert.[19]

Der „kompensierte Dollar“-Plan war von Silvio Gesell 1912 als das erkannt worden, was Fisher damit beabsichtigte, nämlich: den Schein des Goldstandards aufrecht zu erhalten, faktisch aber die Geldpolitik neu auf die Stabilisierung des amerikanischen Preisniveaus auszurichten. Die Implikationen von Fishers Plan für die internationalen währungspolitischen Arrangements der Zeit lagen für Gesell auf der Hand. Sollte der „kompensierte Dollar“ von den USA in die Praxis umgesetzt werden, müssten sie zu flexiblen Wechselkursen übergehen, was aber, wie Gesell betonte, „als ein großes Hindernis für den internationalen Handel“ empfunden werden würde.[20] Nur unter einem internationalen Papiergeldstandard, so Gesell, wäre eine Entschärfung des Zielkonflikts zwischen Preisniveaustabilisierung und festen Wechselkursen denkbar: „Wir begrüßen diesen Vorschlag als einen weiteren Schritt auf dem Wege zur reinen Papierwährung und als gutes Propagandamaterial für unsere Zwecke. Die Zeit wird dann kommen, wo man einsehen wird, dass sich feste Warenpreise und feste Wechselkurse nur auf Grund einer Papierwährung vereinigen lassen, deren nationale Verwaltung von international gültigen Grundsätzen geleitet wird.“ [21] 

Mehr als Irving Fishers Geldreformvorschlag interessierte aber Gesell die Neuformulierung der Quantitätstheorie, wie sie Fisher in seiner „Kaufkraft des Geldes“ veröffentlicht hatte.[22] Gesell betrachtete nämlich sein Freigeld als die institutionelle Voraussetzung für das Funktionieren sowohl von Fishers Neuformulierung wie auch der ursprünglichen – rohen – Quantitätstheorie[23], wie er 1916 in einem Brief an den Ökonomieprofessor Stephan Bauer von der Universität Basel deutlich machte: „Das große Interesse, das Sie an der Arbeit Irving Fishers ... bewiesen haben, veranlasst mich Ihnen ein Muster eines neuen, eigenartigen Geldes zu übersenden, dessen Betrachtung Ihnen als Theoretiker der Währungsfrage ganz gewiss mancherlei Anregungen geben wird. Sehen Sie sich dieses Geld doch einmal vom Standpunkt der Quantitätstheorie Fishers an! Hier werden Sie, vielleicht mit Verblüffung, wahrnehmen, dass die ursprüngliche, sogen. rohe oder naive Quantitätstheorie diesem besonderen Geld gegenüber merkwürdigerweise wieder vollkommen richtig ist. Dieses Geld mit geschlossenem Kreislauf verwandelt die Umlaufgeschwindigkeit, die beim gewöhnlichen Geld äußerst variabel ist, in eine absolut konstante Größe, so dass Veränderungen im Angebot dieses Geldes nur allein noch von der Quantität herrühren können. Erhält dann die Emissionsbank zum Auftrag alle sonstigen, auf die Warenpreise wirkenden Einflüsse (variabler Gebrauch bei [?] Kredit Geldsurrogaten, variables Warenangebot) durch Quantitätsänderungen des Geldes auszugleichen, so wird damit die rohe Quantitätstheorie nicht nur rehabilitiert, sondern direkt zum Drehpunkt der Währungspolitik erhoben.“ [24]

1927 unternahmen in die USA ausgewanderte deutsche Gesellianer einen erneuten Versuch, Irving Fisher für die Ideen Gesells zu interessieren. Gesells „Natürliche Wirtschaftsordnung“ war ins Englische übersetzt worden und erste Verhandlungen mit einem amerikanischen Verlag in New York hatten stattgefunden. Irving Fisher sollte für das Vorwort der amerikanischen Ausgabe gewonnen werden. Gesell selbst zeigte sich skeptisch: „Es wäre schon gut, wenn Prof. Fisher sich der NWO annähme, und ich glaube auch, dass er es gerne täte, wenn er die Sache begreifen könnte. Ich fürchte jedoch, dass er bereits zu alt und in seine eigene Sache zu verliebt sein wird, um das Manuskript mit Verständnis zu lesen. Immerhin, der Versuch kann nichts schaden.“ [25]

Zum Vorwort kam es nicht, auch nicht zur geplanten Publikation in dem New Yorker Verlagshaus. Fisher soll die Anfrage mit folgenden Worten abgelehnt haben: „Gesell hat einige erstklassige Ideen, aber seine Zinstheorie ist ein Trugschluss“.[26] Dennoch nahm Irving Fisher die „Natürliche Wirtschaftsordnung“ in die Bibliographie seines gerade fertig gestellten Buches „Die Illusion des Geldes“ (1928) auf; eine Geste, die Gesell „für das Maximum“ hielt, „was von Fisher erreicht werden konnte.“[27] Gegenüber seinem jungen Anhänger Walter Camp in New York, der sich um Fishers Vorwort bemüht hatte, brachte Gesell seine Enttäuschung mit einem Mahnwort zum Ausdruck: „Es ist sehr schade, dass Fisher kein Vorwort schreiben konnte. Es war ja zu erwarten. Er wehrt sich dagegen, in politische Kämpfe einbezogen zu werden. Vielleicht aber wird er eines Tages seine Haltung bereuen.“[28]

Vom „Tanz des Dollars“ zum Börsenkrach                                                           
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Durch eine patentierte Erfindung, die er an die Remington-Rand Corporation verkaufen konnte, und durch Börsenspekulation war Irving Fisher Mitte der 1920er Jahre Multi-Millionär geworden. Ein Großteil dieses Vermögens setzte er zur Finanzierung seiner zahlreichen Reformvorhaben ein, den anderen Teil belieh er, um an der boomenden amerikanischen Börse zu spekulieren.

Für Fisher widerspiegelten Konjunkturzyklen zunächst nichts weiter als den „Tanz des Dollars“ [29], d.h. das Auf und Ab der Konjunktur war die unmittelbare Folge von Kaufkraftschwankungen. Sein auf die Kaufkraft des Dollars fixierter Blick machte ihn aber blind für die Risse in der Wall Street im Herbst 1929. Von einer Überhitzung des Aktienmarktes war auf seinem Dollar-Barometer nichts zu sehen. Im Gegenteil, die Schönwetterfront strahlte bis weit über den Horizont hinaus und inspirierte Irving Fisher zwei Wochen vor dem großen Börsenkrach zu seiner legendären Fehlprognose: „Die Aktienkurse haben offenbar ein dauerhaft hohes Plateau erreicht.“[30]

Mit dem Sturz der Börsenwerte an der Wall Street sank auch die Reputation Fishers als Geldexperte der „Neuen Ära“. Aus der Überzeugung, der Börsensturz entbehre jeglicher realwirtschaftlicher Grundlage und die wirtschaftliche Erholung stünde kurz bevor[31], kaufte Fisher demonstrativ Aktien im fallenden Markt und rief in seiner bis anhin weit beachteten wöchentlichen Wirtschaftskolumne Investoren dazu auf, seinem Beispiel zu folgen. Fisher verlor auf diese Weise nicht nur sein gesamtes Vermögen und verhalf seiner treuen Leserschaft zu Verlusten, sondern häufte sich einen astronomischen Schuldenberg an, da er, wie viele Börsenjobber der Zeit, „auf Marge“ – d.h. kreditfinanziert – spekuliert hatte. Nur dank jahrelanger kräftiger Finanzspritzen seiner vermögenden Schwägerin blieb ihm die Schmach des Privatkonkurses erspart.[32]

Präsident Hoovers „Kampagne gegen das Horten“                                            
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Im Februar 1932 appellierte der amerikanische Präsident Hoover an seine Landsleute, am „Krieg gegen die Wirtschaftskrise“ teilzunehmen und zwar mit der selben patriotischen Hingabe, wie sie es während des Weltkrieges getan hatten. Er forderte sie auf, seine „Kampagne gegen das Horten“ von Bargeld zu unterstützen, denn „jeder gehortete Dollar bedeutet die Zerstörung von $5 bis $10 Kredit.“[33] 

Bankenzusammenbrüche und die Einfrierung von Kundenguthaben hatten das Vertrauen der amerikanischen Bevölkerung in die Finanzinstitute ihres Landes zerrüttet. Viele bevorzugten es, ihr Geld zu Hause aufzubewahren. Hoover legte aber der amerikanischen Bevölkerung nahe, dass das Horten von Bargeld dem Gemeinwohl schade und es deshalb ein „patriotischer Dienst am ganzen Land“ wäre, wenn jeder seine Bargeldbestände zur Bank zurück bringen würde, damit diese es in Form von Krediten der Wirtschaft wieder zuführen könnten. Der Aufruf des Präsidenten zeigte Wirkung: innerhalb der ersten 10 Wochen der „Kampagne gegen das Horten“ flossen rund $250 Mio. von den geschätzten $1,3 Mrd. gehorteten Bargeldbeständen zurück an die Banken.

Der Wunsch, einen Beitrag im Kampf gegen die Krise zu leisten, veranlasste zahlreiche Amerikanerinnen und Amerikaner dem Aufruf ihres Präsidenten Folge zu leisten. Was jedoch vielversprechend begann, endete in einem Fiasko, sowohl für Präsident Hoover als auch für all jene, die seinem Appell gutgläubig gefolgt waren. Hoover hatte nämlich nicht voraus gesehen, dass die Finanzinstitute auf die ihnen zugeflossenen Mittel sitzen bleiben würden anstatt sie als Kredite wieder in Umlauf zu bringen. Auch die expansive Geldpolitik der U.S. Notenbank blieb wirkungslos, da die durch Offenmarktpolitik geschaffene Liquidität bei den Geschäftsbanken hängen blieb anstatt in die Wirtschaft zu fließen. Trotz des Appells des Präsidenten riefen Banken nämlich weiterhin Kredite zurück und kündigten Kreditlinien. Darüber hinaus floss Gold an das Ausland ab und schmälerte dadurch die inländische Geldmenge und gefährdete dadurch die Goldeinlösbarkeit des Dollars. Das durch Hoovers Kampagne wieder gewonnene Vertrauen der Bevölkerung war bald verspielt: Banken machten dicht, Kunden verloren ihre Guthaben und fühlten sich von Hoover und seiner „Kampagne gegen das Horten“ betrogen.[34]

Im Juli 1932, als der Staub von Hoovers fehlgeschlagener Initiative noch in der Luft hing, veröffentlichte die Nachrichtenagentur AP einen ungewöhnlichen Plan, mit dem das Problem des Hortens effektiver angegangen werden sollte. Der Plan war dem Präsidenten von einem Kongressabgeordneten unterbreitet worden, der ihn wiederum von einem Unternehmer aus Wisconsin, namens E.S. Barker, zugeschickt bekommen hatte. Der „Marken-Dollar“ Plan sah vor, vier Milliarden Dollar Notgeld zu emittieren, wobei die Scheine auf der Rückseite Felder für Briefmarken aufgedruckt hätten. Diese Felder müssten einmal pro Woche an einem bestimmten Stichtag mit einer 1-Cent-Briefmarke versehen werden, um ihren Nennwert zu behalten und als gesetzliches Zahlungsmittel zu kursieren. Mit dem periodischen Aufkleben einer Briefmarke sollte das Horten der Note verhindert werden. Nach zwei Jahren Umlaufszeit wären die Noten mit Marken im Gegenwert von 1.04 Dollar beklebt und könnten gegen einen gewöhnlichen Dollar eingetauscht werden, womit das Projekt „für sich selbst bezahlt“ hätte.[35] 

Hoover konnte mit dieser Idee wenig anfangen; ihm schien der Ausgleich des Staatshaushalts das Gebot der Stunde zu sein, um das in- und ausländische Vertrauen in das amerikanische Finanzsystem wieder herzustellen. Dann würde sich seiner Ansicht nach das Problem des Hortens von allein lösen. Irving Fisher hingegen, dem der Vorschlag zur Begutachtung vorgelegt worden war, zeigte sich von der potenziellen Wirksamkeit des „Marken-Dollar“ begeistert. Er schlug vor, die Bundesregierung solle jedem Bürger 100 Ein-Dollar-Noten schenken, um auf diese Weise die Wirtschaft von der Konsumentenseite her anzukurbeln: „Dieser einzigartige Plan würde unmittelbare Kaufkraft in die Hände jedes Konsumenten legen, Arbeitslose inbegriffen ... (er) würde als eine Markensteuer auf Horten funktionieren – dabei sowohl die Umlaufsgeschwindigkeit als auch die Menge des Geldes erhöhen.“ [36]

Schulden-Deflation, „Marken-Dollars“ und Reflation                                         
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Fishers Fehleinschätzung der Börsenlage im Herbst 1929 und der Folgen des Börsenkrachs veranlassten ihn zu einer eingehenden Analyse der Ursachen von Wirtschaftskrisen. Im Sommer 1932 präsentierte er im Buch „Booms and Depressions“ die ersten Ergebnisse seiner Forschung.

Bei seiner Analyse war er zur paradoxen Schlussfolgerung gelangt, dass – in einer Krise – mit jeder getilgten Schuld die reale Schuld aller ausstehenden Verbindlichkeiten einer Volkswirtschaft stieg. Mit anderen Worten: je mehr Schulden zurück bezahlt wurden, desto höher drückte die reale Schuldenlast auf die Wirtschaft und lähmte diese. Jede Rückzahlung einer Schuld kam nämlich einer Geldvernichtung gleich und perpetuierte auf diese Weise das Absinken des Preisniveaus. Fisher schätzte, dass rund ein Drittel der umlaufenden Geldmenge, d.h. $8 Mrd. von insgesamt $23 Mrd., auf diese Weise vernichtet worden war.[37] Verschlimmert wurde dieser Prozess durch die gesunkene Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes.

Gemäß Fishers Analyse bildete „Schulden-Deflation“, wie er seine Diagnose nannte, die Hauptursache der Krise.[38]  Ohne den unheilvollen Zusammenprall von Überschuldung und Deflation vermochten nach Fishers Krisentheorie weder Überproduktion, Unterkonsumtion, Überinvestition noch andere Krisenfaktoren eine Große Depression auszulösen. Nur durch eine kontrollierte Anhebung des Preisniveaus, einer sogenannten „Reflation“, konnte seiner Meinung nach das Problem der drückenden realen Schuldenlast entschärft und letztendlich behoben werden. Fisher betrachtete „Marken-Dollars“ als ein effektives Medium zur Erreichung dieses Ziels.

Der in New York lebende deutsche Gesellianer Hans Cohrssen (1905-1997) hatte aus der Presse von Professor Fishers Würdigung von Barkers „Marken-Dollar“ Plan erfahren und rief ihn an, um darauf aufmerksam zu machen, dass diese Idee von Silvio Gesell stammte, Schwundgeld genannt wurde und dass es in Europa bereits positive Erfahrungen aus Experimenten damit zu verzeichnen gab.[39] Hans Cohrssen zufolge soll Fisher verwundert darüber gewesen sein, dass die se Idee ursprünglich von Gesell kam.[40] Er scheint gewusst zu haben, dass Barker den Plan nicht selbst erdacht hatte, aber mit Silvio Gesell hatte er die Idee nicht in Verbindung gebracht. [41]

Lobbyarbeit für Schwundgeld 1932-33 und die Abkehr vom Goldstandard    
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Fisher, der schon mehrere U.S. Präsidenten in Wirtschaftsfragen beraten hatte, war sich im Präsidentschaftswahljahr 1932 bewusst, dass im Falle einer Wahl des Gouverneurs Franklin D. Roosevelt zum Präsidenten ein wirtschaftspolitischer Kurswechsel anstehen würde. Deshalb war es umso wichtiger, frühzeitig zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten Kontakt aufzubauen.

Fisher hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, die Präsidentschaftskandidaten jeweils auf ihr Wirtschaftsprogramm hin zu befragen und schaltete jetzt Roosevelts Onkel Frederic Delano ein, um dem Treffen eine verbindlichere Note zu geben. Frederic Delano war der Präsident von Fishers „Stable Money Association“ gewesen und konnte ihn bei seinem prominenten Neffen einführen. Auf dieses Treffen würde sich Fisher berufen, als es im Sommer 1933 darum ging, eine Privataudienz bei Präsident Roosevelt zu erhalten, um ihn von den Vorzügen einer landesweiten Ausgabe von Schwundgeld zu überzeugen.[42]

Im Sommer 1932 erhielt Fisher zahlreiche Anfragen von Gemeinden, Tauschorganisationen und kaufmännischen Vereinigungen, die wegen der desolaten Bankensituation eigenes Notgeld (scrip) emittieren wollten und Fisher um Rat baten. Sollten sie das von ihm gepriesene Markennotgeld (stamp scrip[43]) herausgeben? Und wenn ja, wie war dies zu bewerkstelligen?

Irving Fisher lobbyierte mit Hilfe von Hans Cohrssen vom Sommer 1932 bis zum Sommer 1933 für die Ausgabe von Schwundgeld in den USA.[44] Bei der Beratung von lokalen Notgeld-Emittenten war ihnen nur wenig Erfolg beschieden. Und im Gegensatz zu seinem „kompensierten Dollar“-Plan und dem ab Mitte der 1930er Jahre vertretenen „100%-Geld“ blieb Fisher bei der Propagierung von Schwundgeld wissenschaftlich völlig isoliert. Dies führte u.a. dazu, dass er zur Popularisierung von Schwundgeld nicht davor zurück schreckte, sich ins agitatorische Abseits zu begeben. So versuchte er ausgerechnet den Radio-Prediger Father Coughlin für Schwundgeld zu begeistern, der in den 1930er Jahren eine der meistgehörten Radiosendungen hatte. Seine Predigten waren gespickt mit antisemitischen Hetzreden, in denen er die sog. „jüdische Hochfinanz“ für die Wirtschaftskrise verantwortlich machte. Fisher schickte sogar seinen (jüdischen) Assistenten Hans Cohrssen zu Father Coughlin nach Michigan, um diesen von Angesicht zu Angesicht von den Vorzügen des Schwundgeldes zu überzeugen. Coughlin wollte davon nichts wissen.[45]

Weit erfolgreicher und weniger anrüchig war Fishers Versuch, Parlamentarier und führende Mitglieder der frisch gewählten Roosevelt-Administration für eine landesweite Ausgabe von Schwundgeld zu interessieren. Hier kam seine 20-jährige Erfahrung in geldpolitischer Lobbyarbeit zum tragen. Besonders auffällig ist, wie Fisher es verstand, den Schwundgeldvorschlag den Bedürfnissen der neuen Administration anzupassen: Roosevelt hatte, im Gegensatz zu seinen engsten Finanzberatern, ein offenes Ohr für unkonventionelle Ideen im Bereich der Geld- und Währungspolitik. Gerade in der ersten Phase des „New Deal“ war er bestrebt, sein Wahlversprechen einzulösen, wonach er wie sein Vorgänger Hoover den Staatshaushalt ausgleichen würde. Zur Finanzierung von Öffentlichkeitsarbeiten wollte er zu diesem Zeitpunkt deshalb nicht zur Defizitfinanzierung greifen. Stattdessen war er auf der Suche nach budgetneutralen monetäre Maßnahmen.[46]

Mit der Zuspitzung der Bankenkrise im Frühjahr 1933 war das Problem des Hortens nach wie vor akut. Darüber hinaus bestand ein breiter Konsens innerhalb der Administration und in der Bevölkerung, dass etwas gegen den Preisabbau getan werden musste. Für Irving Fisher waren dies drei gute Gründe für Schwundgeld: 1. Das Horten würde besteuert werden. 2. Es könnte zur „Reflation“ des Preisniveaus beitragen. Und 3. wäre Schwundgeld als finanzpolitisches Instrument einsetzbar, um Öffentlichkeitsarbeiten zu finanzieren, ohne dabei den Staatshaushalt zu belasten.
Nach der Übernahme der Amtsgeschäfte durch die Roosevelt-Administration im März 1933 entspannten sich zwei der oben genannten Probleme. Zum einen kehrte mit der Wiedereröffnung der Banken nach dem Bankenfeiertag (vom 5.-13. März) das Vertrauen der Bevölkerung in das amerikanische Finanzsystem allmählich zurück. Zum anderen hatte Roosevelt im April 1933 den Export von Gold verboten und somit die USA bis auf weiteres vom Goldstandard genommen. Mit der verbesserten Bankensituation nahm das Problem des Hortens ab und dank der Loslösung vom Gold begann das Preisniveau langsam zu steigen. Dadurch waren zwei von Fishers Argumenten für Schwundgeld vorerst obsolet geworden.

Die parlamentarischen Vorstöße von Senator Bankhead und dem Kongressabgeordneten Pettengill zur Verwendung von Schwundgeld als Finanzierungsinstrument für Öffentlichkeitsarbeiten entfachten zwar lebhafte Diskussionen im U.S. Kongress, hatten aber keine Aussicht auf Erfolg.[47] Als Roosevelt im Juli 1933 an die Weltwirtschaftskonferenz in London mitteilte, dass sein Land einen Dollar anstrebe, der in Zukunft dieselbe Kaufkraft haben würde [48], sah sich Fisher am Ziel seiner langjährigen Bestrebungen für einen kaufkraftbeständigen Dollar. Fishers Euphorie über Roosevelts Wirtschaftspolitik hielt nicht lange und er schlug bald kritischere Töne gegenüber der neuen Administration an, aber 1933 war er noch voller Lob für den eingeschlagenen währungspolitischen Weg.

Obwohl Roosevelts geld- und währungspolitsche Vorstellungen weniger von Irving Fisher als von George F. Warren und Frank A. Pearson von der Cornell University geprägt wurden[49], glaubte Fisher, in diesen Fragen einen entscheidenden Einfluss auf den Präsidenten zu haben. Der Umstand, dass Roosevelt 1933 James Harvey Rogers zu seinem Chefberater in währungspolitischen Fragen machte, bestärkte Fisher in diesem Glauben. Denn Rogers war nicht nur ein Freund Fishers, sondern er war auch einer von Fishers wenigen Doktoranden gewesen und war seit 1930 Fakultätskollege an der Yale University.

Fisher überschätzte aber seinen Einfluss auf den Präsidenten und andere politische Entscheidungsträger innerhalb der Administration und er unterschätze vor allem die negative Wirkung seines Übereifers bei der Propagierung wirtschaftspolitischer Patentrezepte auf akademische Kollegen. Dennoch bleibt festzuhalten, dass Fisher mit seiner „Schulden-Deflationstheorie“ wie kaum ein anderer Ökonom seiner Zeit zum Verständnis der monetären und nicht-monetären Zusammenhänge der Großen Depression der 1930er Jahre beigetragen hat. Und obwohl Irving Fisher kein offizieller Berater von Roosevelt war, beteiligte er sich als Außenseiter intensiv an den Auseinandersetzungen über die zukünftige Gestaltung der amerikanischen Wirtschaft, auch wenn die ideologischen Fronten zwischen ihm und Roosevelts „Brains Trust“ klar gezogen waren.[50]

James Harvey Rogers teilte Fishers Analyse der Krise und verfolgte dieselbe geld- und währungspolitische Linie wie sein Lehrer. Den Schwundgeld-Vorschlag wollte er jedoch nicht unterstützen. Ironischerweise kam durch Rogers ein anderer Vorschlag Fishers auf den Tisch: der „kompensierte Dollar“-Plan von 1911. Roosevelts Goldkaufaktion, die im Herbst 1933 gestartet wurde und bis Anfang 1934 dauerte, beruhte auf der Idee des „kompensierten Dollar“ und hatte zum Ziel, durch eine Erhöhung des Goldpreises den Goldgehalt des Dollars zu reduzieren und dadurch die inländische Geldmenge auszuweiten, um so das Preisniveau der USA zu heben. Roosevelts „reflationistische“ Goldkaufaktion führte prompt zum ersten Bruch innerhalb der Administration: James Warburg und Professor Oliver Sprague, Roosevelts wichtigste Finanzberater, traten wegen ihrer scharfen Opposition zur Goldkaufaktion zurück.[51] Sprague war es auch gewesen, der dem letzten Schwundgeld-Vorstoß von Irving Fisher und Hans Cohrssen im Sommer 1933 eine Absage erteilt hatte.[52]

Irving Fishers geldreformerisches Engagement endete keineswegs mit der Ablehnung des Schwundgeld-Vorschlags. 1933 kursierte ein Memorandum einer Gruppe von Ökonomen der University of Chicago über die Reform des amerikanischen Geld- und Bankensystems, woraus der sogenannte „Chicago Plan“ hervorgehen würde.[53] Wie bei all seinen Reformvorhaben stürzte sich Fisher mit missionarischem Eifer in die Werbetätigkeit für diesen Plan und modifizierte ihn nach seinen Vorstellungen zum „100%-Geld“ Vorschlag. Wie beim „kompensierten Dollar“ und beim Schwundgeld-Vorschlag ging es bei seinem letzten großen Geldreformprojekt um die optimale Steuerung der Geldmenge zur Stabilisierung der Kaufkraft der Geldes.

Als Person war und bleibt Irving Fisher kontrovers. Zum Verständnis der amerikanischen geld- und währungspolitischen Debatten der 1920er und 1930er Jahre führt aber kein Weg an ihm vorbei.

Literatur                                                                                                                       
[Übersicht]

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- Fisher I., mit Cohrssen H., Feste Währung – Zur Entwicklungsgeschichte der Idee. Aus dem Englischen übersetzt von S. Speyerer. Uchtdorf 1937 [EA 1934]. 
- Fusfeld D.R., The Economic Thought of Franklin D. Roosevelt and the Origins of the New Deal. New York 1956.
- Galbraith J.K., The Great Crash 1929, New York 1980 [EA 1954].
- Galbraith J.K., Die Tyrannei der Umstände. Aus dem Englischen übersetzt von H. Drube und W. Schwarz. Bern/München 1978 [EA 1977].
- Gesell S., Gesammelte Werke 1891-1930, 18 Bde., Hg. Stiftung für Reform der Geld- und Bodenordnung, Lütjenburg 1988-2000.
- Harper J., Scrip and other Forms of Local Money. Unveröffentlichte PhD Dissertation, University of Chicago, 1948. Ann Arbor 1995.
- Hofstadter R., Social Darwinism in American Thought. Boston 1962 [EA 1944].
- Kühl S., Die Internationale der Rassisten – Aufstieg und Niedergang der internationalen Bewegung für Eugenik und Rassenhygiene im 20. Jahrhundert. Frankfurt a.M./New York 1997.
- Küsel B., Die Darstellung und Kritik des wirtschaftswissenschaftlichen Werks Irving Fishers (1867-1947). Unveröffentlichte Dissertation, Humboldt-Universität Berlin, 1992.
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- Patinkin D., Irving Fisher and His Compensated Dollar Plan, in: Federal Reserve Bank of Richmond Economic Quarterly 79/3, 1993, S. 1-33.
- Pavanelli G., The Great Depression in Irving Fisher's Thought, Manuskript unter: http://web.econ.unito.it/prato/papers/qd57.pdf,  December 2001.
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- Suhr D., The Capitalistic Cost-Benefit Structure of Money. AnAnalysis of Money's Structural Nonneutrality and its Effects on the Economy. Berlin 1989.
- Tobin J., Irving Fisher, in: J. Eatwell, M. Milgate, P. Newman (Hg.): The New Palgrave. Capital Theory. New York/London, 1990, S. 161-177. [EA 1987]
- Vogt A., Irving Fisher (1867-1947) – Zum 50. Todestag eines großen amerikanischen Ökonomen, in: Mitteilungsblatt für Konjunkturfragen 1/97, 1997, S. 3-8.
- Vogt A., Irving Fisher und Silvio Gesell, in: Evolution, 27. Jg., No. 4, April 1997, S. 1-3.
- “Wie schwer die Werbearbeit für Freigeld ist“, in: Freiwirtschaftliche Zeitung (Bern), XI. Jg., Nr. 2, Januar 1933, S. 4.

Anmerkungen                                                                                                               [Übersicht]

01 Bezeichnend für die umfassende Wertschätzung die Fishers Werk bis heute erfährt ist, dass Uneinigkeit darüber herrscht, welches Werk von ihm nun als sein Hauptwerk zu betrachten ist. Fishers herausragende Beiträge erstrecken sich nämlich über die Geld- und Zinstheorie, Marginalanalyse, Gleichgewichtstheorie und die Konstruktion von Indexzahlen. Fisher gilt auch als einer der Begründer der Ökonometrie. (Vgl. Monissen 1989 und Küsel 1992)
02 Das meistverkaufte Werk Fishers war sein Gesundheitsratgeber „How to Live“ (EA 1915, dt. 1939).
03 Bei Fishers Engagement für Eugenik kommt der intellektuelle Einfluss seines Mentors William Graham Sumner (1840-1910) besonders stark zum Ausdruck. Sumner, ein protestantischer Theologe, war ab 1872 Professor für Politik- und Sozialwissenschaft am Yale College und war der einflussreichste Sozialdarwinist der USA (Hofstadter, S. 53/51). Für Sumner war der tüchtige, sparsame Idealmensch des Protestantismus der Inbegriff des „Stärkeren“ im Kampf ums Dasein. Im Denken William Sumners diente die laissez-faire Doktrin der klassischen Politischen Ökonomie als Vehikel für die „natürliche Auslese“ in Wirtschaft und  Gesellschaft (Ebd., S. 51). Fisher, der durch Sumner von der Mathematik zur Ökonomie gekommen war, lehnte Sumners laissez-faire Postulat ab, vertrat aber denselben sozialdarwinistischen Determinusmus wie sein Lehrer (vgl. Cot 2005, S. 795). Im Gegensatz zu Sumner war Fisher der Meinung, staatliche Interventionen seien gerade deshalb nötig, um die gesellschaftlichen Vorzüge der „natürlichen Auslese“ zur Geltung zu bringen. So war es auch die „kontraselektive Wirkung des Krieges“, die Fisher zum Anhänger eugenischer Friedenspolitik werden ließ (vgl. Kühl 1997, S. 40 ff.); Fishers Lobbyarbeit für einen Beitritt der USA zum Völkerbund war demnach ebenfalls eugenisch motiviert (vgl. Barber 1997, Bd. 13, S. 206). Ihm schwebte die Eugenik als Meta-Theorie aller Sozialwissenschaften vor (vgl. Cot 2005, S. 814). Obwohl Fishers Arbeit als Ökonom und Apostel der Eugenik sich gegenseitig beeinflussten, lassen sich wie Annie Cot zeigt, seine Arbeiten über Allgemeine Gleichgewichtstheorie, Geldtheorie und Indexzahlen nicht durch einen biologischen oder eugenischen Bezugsrahmen erschließen (Ebd., S. 814). Ich danke Herrn Prof. Jakob Tanner (Universität Zürich) für den Hinweis auf Kühl 1997 und für seinen Anstoß, den Verbindungen zwischen Fishers Engagement in der Eugenischen Bewegung und seinem ökonomischen Denken nachzugehen.
04 Tobin 1987, S. 164-165.
05 Allais 1968, S. 483.
06 Tobin 1987, S. 162.
07 Hier wird bewusst der Begriff „Schwundgeld“ verwendet und nicht „Freigeld“. „Freigeld“ bezeichnet m.E. nur ein unter Annahmezwang stehendes „Schwundgeld“, wie Silvio Gesell es in seiner „Natürlichen Wirtschaftsordnung“ (1916) vorgeschlagen hatte. Nach dieser Lesart deckt der Begriff des Schwundgeldes sowohl die Emissionen von „Wära“ (1929-1931) und die in Wörgl (1932-1933) ausgegeben „Arbeitswertscheine“ ab. Ferner gehört auch das in den 1930er Jahren in den USA ausgegebene „datierte Stempelscrip“ (dated stamp scrip) zur Kategorie des Schwundgeldes (vgl. Fisher/Cohrssen 1933 und Harper 1948).
08 Dazu sind auch Fishers Arbeiten zu Indexzahlen zu zählen (vgl. Vogt 1997). Fisher erstellte den ersten Großhandelsindex der USA; ab 1923 verkaufte das von ihm gegründete „Index-Number Institut“ Indices an die amerikanische und internationale Presse. Robert Allen weißt darauf hin, dass die weite Verbreitung von Fishers Indexzahlen Menschen, wie auch Regierungen, für Preisschwankungen sensibilisierte und das Konzept kaufkraftstabilen Geldes erst fassbar machte (vgl. Allen, S. 173). Fisher erklärte die Tatsache, dass die Stabilisierung des Dollars bis dahin unterlassen worden war, mit dem Fehlen eines geeigneten Instruments. Seit der Entwicklung von Indexzahlen aber, „liegt (es) nun in der Macht der menschlichen Gesellschaft, ein stabilisiertes Einheitsmaß des Geldes, einen stabilen Dollar, zu schaffen.“ (Fisher 1916, S. 424)
09 Allais 1968, S. 480.
10 Vgl. Allen 1993, S. 164 ff. Die „Stable Money Association“ hieß zu Beginn „Stable Money League“.
11 Fisher/Cohrssen 1937, S. 318.
12 Vgl. Barber 1988, S. 203, Fn 48.
13 Vgl. Fisher 1916, S. 416 ff. und Patinkin 1993.
14 Fisher 1916, S. 417.
15 Für die wissenschaftliche Rezeption des „kompensierten Dollar“-Plans vgl. Patinkin 1993, S. 9-15.
16 Barber 1988, S. 24.
17 Verkörpert wurde die stabilitätsorientierte Offenmarktpolitik, in den Augen Fishers, durch den damaligen Gouverneur der Federal Reserve Bank of New York, Benjamin Strong (1872-1928), vgl. Cargill 1992.
18 Brief an Edwin Kemmerer vom 17. April 1936, Nachlass Kemmerer, Princeton University. Abgedruckt in: The Works of Irving Fisher, 1997, Bd. 14, S. 146. Übersetzung des Verfassers.
19 In einer Notiz Silvio Gesells an Fritz Trefzer vom 21. Oktober 1915 ist zu lesen: „Die Christensche Broschüre ist nun erschienen. Würden Sie so freundlich sein, ein Exemplar an Prof. Irving Fisher ... zu senden. Er spricht deutsch und schreibt über Zins und Geld. Ich würde es tun, aber er kennt mich und würde darum nicht so unbefangen an das Studium der Christenschen Schrift gehen.“ (Abgedruckt in: Silvio Gesell, Gesammelte Werke, Bd. 18, S. 103). Mit der „Christenschen Broschüre“ meint Gesell möglicherweise „Die Kaufkraft des Geldes und ihre Bedeutung für die Volkswirtschaft“ von Theophil Christen, 1915 als Sonderdruck aus den „Annalen des Deutschen Reichs“ (Heft 7, 1915) erschienen.
20 Silvio Gesell, Gesammelte Werke, Bd. 7, S. 198.
21 Vgl. Silvio Gesell, Gesammelte Werke, Bd. 7, S. 196-199. Ferner: „Ob sich Fisher Beschränkung aus Taktik- oder Tiktakgründen auferlegte, weiß ich nicht. Möglich, dass er nicht alles sagen wollte, um dem Wenigen nicht den Weg zu versperren. In meiner zitierten Schrift [S. Gesell, El sistema monetario argentino, sus ventajas y su perfeccionamiento, Buenos Aires 1893] habe ich aus dem gleichen Grunde auch nicht alles gesagt, aber doch vielleicht zu viel.“ (S. Gesell, Was bietet die Freiwirtschaftslehre eigentlich Neues an volkswirtschaftlichen Erkenntnissen? [EA 1925] Abgedruckt in: Gesammelte Werke, Bd. 15, S. 336).
22 Fishers Transaktionsgleichung P=(MV+M'V'):T mit einer Erläuterung von  John Kenneth Galbraith: „P steht für Preise. M ist der Betrag an ... Bargeld im Umlauf. M' ist jener weit größere Betrag, der den Bankdepositen entspricht. V und V' beziehen sich auf die Geschwindigkeit, mit der diese beiden Arten von Geld ausgegeben werden. ... Die Preise steigen, wenn die Geldmenge (M) zunimmt. Aber neben dem Geld, das direkt von Hand zu Hand geht, muss der bargeldlose Zahlungsverkehr mittels Schecks (M') berücksichtigt werden. ... In jedem Fall (muss man) die Geldmenge mit der entsprechenden Umlaufsgeschwindigkeit (V) multiplizieren... Das Ganze (muss man) durch die Anzahl der Transaktionen (T) dividieren, um das Handelsvolumen mit zu berücksichtigen.“ (Galbraith 1977, S. 205-206)
23 Mit der naiven Quantitätstheorie ist jene des 16. Jahrhunderts gemeint, wie sie zum Beispiel von Nikolaus Kopernikus, Bernardo Davanzati oder Jean Bodin vertreten wurde. Als naiv wird sie deshalb bezeichnet, weil sie behauptet, es bestünde eine direkte Proportionalität zwischen Geldmengenveränderungen und Veränderungen des Preisniveaus. Die Geldumlaufsgeschwindigkeit wird als Einflussfaktor vernachlässigt.
24 Silvio Gesell an Prof. Stephan Bauer vom 12. Juli 1916. Hervorhebungen im Original. Nachlass  Stephan Bauer, Schweizerisches Wirtschaftsarchiv [CH SWA HS 417 E15], Universitätsbibliothek Basel. Mit geringfügigen Abweichungen vom Original als Entwurf abgedruckt in: Silvio Gesell, Gesammelte Werke, Bd. 18, S. 129. Prof. Stephan Bauer (1865-1934) war der erste Vertreter von Fishers Version der Quantitätstheorie im deutschsprachigen Raum. Er hat auch die deutsche Übersetzung von Fishers „Kaufkraft des Geldes“ (1911, dt. 1916) revidiert.
25 Silvio Gesell an Hugo Fack vom 7. Dezember 1927, abgedruckt in: Silvio Gesell, Gesammelte Werke, Bd. 18, S. 344.
26 Silvio Gesell an Philip Pye vom 11. Juli 1928. Abgedruckt in: Silvio Gesell, Gesammelte Werke, Bd. 18, S. 364.
27 Silvio Gesell an Hugo Fack vom 24. Juni 1928. Abgedruckt in: Silvio Gesell, Gesammelte Werke, Bd. 18, S. 362.
28 Silvio Gesell an Walter Camp vom 20. Juli 1928. Abgedruckt in: Silvio Gesell, Gesammelte Werke, Bd. 18, S. 370.
29 Vgl. Fishers Aufsatz “The Business Cycle Largely a 'Dance of the Dollar'“, in: Journal of the American Statistical Association, Vol. 18, S. 1024-1028.
30 “Stock prices have reached what looks like a permanently high plateau.“ Zitiert nach Galbraith 1954, S. 95. Übers. d. Verf.
31 Ellen McGrattan und Edward Prescott von der Federal Reserve Bank of Minneapolis bestätigen in einer neueren Untersuchung Fishers empirische Erhebung der wirtschaftlichen Fundamentaldaten vor dem Börsenkrach 1929 und stützen somit seine berüchtigte und heute noch belächelte These, wonach der U.S. Aktienmarkt im Herbst 1929 nicht überbewertet, sondern unter bewertet gewesen sei. (Vgl. McGrattan/Prescott 2004)
32 Vgl. Allen 1993, S. 213 ff.
33 “Hoover asks Public to Cease Hoarding“, in: The New York Times, February 4, 1932, S. 1.
34 Für diesen Abschnitt vgl. Barber 1988, S. 140/141.
35 Vgl. Barber 1988, S. 161-162 und H. Cohrssen, Professor Irving Fisher und Schwundgeld, in: Letzte Politik, 20.-26. Aug. 1932.
36 Fisher 1932, S. 227.
37 Pavanelli, S. 10.
38 Vgl. I. Fisher, The Debt-Deflation Theory of Great Depressions, in: Econometrica, Vol. 1, No. 4, October 1933, S. 337-357.
39 Hans Cohrssen hatte im Juli 1932 gerade einen Artikel über den Versuch mit Wära bei der amerikanischen Wochenzeitschrift „The New Republic“ in Druck gegeben (vgl. H. Cohrssen, Wara, in: The New Republic, August 10, 1932).
40 „Das ist also Gesells Idee. Sind Sie (sich) dessen auch ganz sicher? Gesell hat mir verschiedentlich geschrieben, doch ich lese deutsch nicht fließend, so habe ich mich nie in seine Ideen vertiefen können und wusste nicht, was er wollte. Wenn das Schwundgeld wirklich Gesells Erfindung ist, dann muss ich Ihnen sagen, ich schäme mich, dass ich Gesell nicht studiert habe, denn damit habe ich sicher etwas sehr Wichtiges versäumt.“
Zitiert nach H. Cohrssen, Professor Irving Fisher und Schwundgeld, in: Letzte Politik, 20.-26. Aug. 1932. Diese Aussage Fishers veranlasste Hans Timm in Gesells Archiv in Eden bei Oranienburg die Korrespondenz zwischen ihm und Fisher zu überprüfen. In einem Brief an die Redaktion der Freiwirtschaftlichen Zeitung (Bern) schreibt er, dass „Gesell mehrfach, auch englisch, an Prof. Fisher geschrieben hatte, und zwar ausführlicher ...“ Vgl. „Wie schwer die Werbearbeit für Freigeld ist“, in: Freiwirtschaftliche Zeitung (Bern), XI. Jg., Nr. 2, Januar 1933, S. 4. Hervorhebung im Original.
41 Mit Bezug auf den Markengeld-Plan schreibt Fisher auf S. 226 seines Buches „Booms and Depressions“: „Um Kaufen anzuregen ist ein genialer Plan vorgeschlagen worden ... obwohl ich nicht herausfinden konnte von wem.“ Die kurz vor der Drucklegung beigefügte Fußnote nennt dann, gemäß Cohrssens Hinweis, Gesell als Urheber der Idee.
42 Vgl. Allen 1977.
43 In den USA wurden während der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre zwei Varianten von stamp scrip emittiert: transaction stamp scrip – eine Art Tobin-Tax-Währung, bei der jede Transaktion besteuert wurde, und das dated stamp scrip, welches nach dem Schwundgeld-Prinzip funktionierte (vgl. Fisher/Cohrssen 1933, Harper 1948 und Cohrssen 1989).
44 Hans Cohrssen blieb nachher 10 Jahre lang Fishers Assistent und unterstützte ihn auch bei seinem letzten großen Geldreformprojekt, „100%-Geld“ (vgl. H. Cohrssen in: Suhr 1989, S. 113-116 und Cohrssen 1996, S. 67-97).
45 Diese Begegnung entbehrte nicht grotesker Komik, wie sich Hans Cohrssen erinnerte: „Fisher wollte versuchen, Coughlins populären Einfluss in positive Bahnen zu lenken, d.h. ihn für das Schwundgeldprojekt einzuspannen. So arrangierte Fisher meinen Besuch bei Father Coughlin. Dieser empfing mich in seinem bescheidenen Büro hinter seiner prächtigen, mit Spenden seiner Zuhörer erbauten Kathedrale. Er war ein mächtiger, wortgewandter Ire, misstrauisch gegen alle, die seinen Erfolg für ihre Zwecke auszunutzen versuchten und zu denen er mich zweifellos zählte. Ich erinnere mich, mit Engelszungen auf ihn eingeredet zu haben, und hatte dabei das Gefühl, die Mauer von Vorurteilen nicht durchbrechen zu können.“ (Cohrssen 1996, S. 68/69)
46 Vgl. Dorfman 1959, S. 654.
47 Vgl. Fisher/Cohrssen 1933, S. 79 ff.
48 “The United States of America seeks the kind of a dollar which a generation hence will have the same purchasing power and debt-paying power as the dollar we hope to attain in the near future.“ Franklin D. Roosevelt, radiogram to the London Economic Conference, July 3, 1933. Zitiert nach Fisher 1956, S. 259.
49 Vgl. Fusfeld 1956, S. 193.
50 Vlg. Barber 1996.
51 Leuchtenberg 1963, S. 80.
52 Vgl. Cohrssen 1989, S. 116.
53 Vgl. Phillips 1995.
                                                                                                                                       [
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