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G√ľnther Moewes:
Von der Megalomanie des Geldes zur Megalomanie der Architektur*
Dieser Beitrag stellt die erweiterte Fassung eines Vortrags dar, den der Verfasser am 29. Juni 2002 im Rahmen einer Tagung der "Initiative f√ľr Nat√ľrliche Wirtschaftsordnung" im Lebensgarten Steyerberg gehalten hat. Der Vortrag wurde anl√§sslich der Emeritierung von Frau Prof. Dr. Margrit Kennedy nochmals am 4. Juli 2002 im Fachbereich Architektur der Universit√§t Hannover gehalten.

√úbersicht

Das Drama der Geldentwicklung
Geldentwicklung und Arbeit
Arbeitsbeschaffung durch Arbeitsvernichtung
Geld f√ľr die einen, Arbeit f√ľr die anderen
Geldsystem und Architektur
Produktion von Leerständen zwecks Arbeitsplatzbeschaffung
Private √úbersch√ľsse und √∂ffentliche Schulden
Die Reduktion auf die Betriebswirtschaft und der Verlust des Raumes
Geldverh√§ltnisse und √Ąsthetik
Kapitalkonzentration und Gigantismus
Zusammenfassung
Anmerkungen

Das Drama der Geldentwicklung

Wirtschaft und Politik werden bekanntlich von Geldverh√§ltnissen gepr√§gt. Weniger bekannt ist offensichtlich die Dramatik, die die Entwicklung dieser Geldverh√§ltnisse derzeit annimmt, welche geradezu katastrophalen Auswirkungen sie auf unsere k√ľnftigen Lebensverh√§ltnisse haben wird. Die Politik stemmt sich dieser Entwicklung nicht nur nicht entgegen, sondern sucht sie nach Kr√§ften zu bedienen oder sogar als "Modernisierung" sch√∂nzureden.

Sowohl nationale als auch globale Wirtschaften werden heute beherrscht vom Gegensatz zwischen den privaten Verm√∂gens√ľbersch√ľssen und der von ihnen ausgel√∂sten √∂ffentlichen und globalen Verschuldung. Beide wachsen exponenziell. Was exponenziell hei√üt, scheinen nur wenige zu wissen: Die Geldverm√∂gen der privaten Haushalte sind in Deutschland in den 17 Jahren von 1983 bis 2000 von 2.221 auf 7.560 Milliarden Mark gestiegen [1], das hei√üt nominal im Mittel um 7,47 und real um etwa 5,97 % j√§hrlich. Die Kurve dieser 7,47 % ist au√üerordentlich stabil. Sie l√§sst sich bis zum Jahr 1950 zur√ľck verl√§ngern, ohne dass die realen Werte nennenswert von ihr abweichen. Auch Zins- und Konjunkturschwankungen bilden sich nicht ab, vor allem weil diese sich auf Verm√∂gen ab einer Million Dollar generell kaum noch auswirken. Dem gegen√ľber sind die Netto-Arbeitseinkommen von 1991 bis 2000 gerade einmal von 937 auf 1.115 Milliarden Mark gestiegen [2], das sind nominal im Mittel j√§hrlich 1,94 %, real etwa 0,44 %.

Das bedeutet: Wenn die Politik nichts Au√üergew√∂hnliches unternimmt, werden beide Kurven auch in den n√§chsten 50 Jahren in gleicher Weise ansteigen, die Verm√∂gen um 7,47 % und die Arbeitseinkommen um 1,94 %. 7,47 % bedeuten aber: Verdoppelung alle 9,97 Jahre. Bis zum Jahr 2050 w√ľrden sich die privaten Verm√∂gen demnach nominal auf 227 Billionen Mark versiebenunddrei√üigfachen ‚Äď eine kaum vorstellbare Zahl. In der gleichen Zeit w√ľrden sich die Arbeitseinkommen nominal gerade einmal auf 2,9 Billionen Mark verzweikommasechsfachen. Das Verh√§ltnis private Verm√∂gen/j√§hrliche Arbeitseinkommen w√ľrde nominal und real vom heute knapp Siebenfachen auf das 96fache steigen. Die Ungleichverteilung w√ľrde sich also vervierzehnfachen.

Schon heute sind bekanntlich die privaten Verm√∂gen extrem ungleich verteilt. In Deutschland haben die oberen zehn Prozent der Bev√∂lkerung so viel wie die √ľbrigen 90 Prozent zusammen. In den USA haben sogar schon die oberen ein Prozent so viel wie die unteren 92 Prozent. Man kann sich kaum noch vorstellen, wie sich da die oben beschriebene Vervierzehnfachung auswirkt.

In der gleichen Zeit werden sich auch die von diesen √úbersch√ľssen ausgel√∂sten Schulden eben falls nominal versiebenunddrei√üigfachen, weil Gesamtverm√∂gen und Gesamtschulden (Staat + Unternehmen + Private) stets parallel steigen, wenn auch leicht zeitversetzt. Daran w√ľrde auch ein Abbau der Staatsverschuldung nichts √§ndern, weil dadurch nur Staatsschulden auf private und Unternehmensschulden abgew√§lzt werden.

Nun wird man vielleicht sagen: Zumindest der exponenzielle Anstieg der Kapitalverm√∂gen ist doch positiv, denn wir haben ja auch erh√∂hten Bedarf: f√ľr den Aufbau in der dritten Welt, f√ľr den √∂kologischen Umbau und den strukturellen Wandel. Tats√§chlich flie√üt jedoch ein immer gr√∂√üerer Teil der steigenden √úbersch√ľsse vom tats√§chlichen Bedarf weg. Das liegt zum einen daran, dass Geld aufgrund der Zinsmechanik grunds√§tzlich dorthin flie√üt, wo ohnehin schon Geld ist, und dort weg, wo es nicht ist, also gebraucht wird. Auch B√∂rsengewinne flie√üen eher zu den Gro√üanlegern hin und von den Kleinanlegern weg, eine Tendenz, die derzeit geradezu Betrugsdimensionen annimmt. Zum anderen wird auch bei optimistischster Einsch√§tzung des vor√ľbergehenden Bedarfs f√ľr den sozialen, √∂kologischen und technischen Wandel der Geldbedarf niemals in dem exponenziellen Aus ma√ü ansteigen wie der beschriebene Anstieg der √úbersch√ľsse. Schon jetzt vollziehen sich 94 % der Geldbewegungen ausschlie√ülich im spekulativen Bereich und nur noch 6 % im Bereich des konkreten G√ľter- und Leistungsverkehrs. Da spekulative Anlagen unter dem Strich selbst noch in einer Baisse h√∂here Gewinne versprechen als konkrete Investitionen, entsteht ein weiterer Sog vom tats√§chlichen Bedarf weg. Und auch diese Tendenz wird von der Politik nicht kontrolliert, sondern allzu oft gest√ľtzt. W√§hrend die Bargeldmenge aus Angst vor Inflation penibel √ľberwacht wird, schie√üt die Kurve der privaten Verm√∂gen immer vertikaler in schwindelerregende H√∂hen.

Geldentwicklung und Arbeit    [√úbersicht]

Das exponenzielle Geldsystem erzeugt einen st√§ndigen, ebenfalls exponenziell steigenden Anlagedruck. Immer gr√∂√üere Milliardensummen jagen t√§glich um den Globus auf der Suche nach Anlage. Das hat auch dramatische Auswirkungen auf die Rolle der Arbeit. Der exponenziell steigende Anlagedruck kann immer weniger vom realen Bedarf kompensiert werden. Arbeit dient immer weniger der Deckung tats√§chlichen Bedarfs und immer st√§rker der blo√üen Bedienung der privaten √úbersch√ľsse. Da aber die materielle Existenzberechtigung der Bev√∂lkerungsmehrheit weiter an die verschwindende Arbeit gekoppelt bleibt, muss ein immer gr√∂√üer werdender Teil des zunehmenden Anlagedrucks durch st√§ndig neue Hinzuerfindung von Besch√§ftigung kompensiert werden, f√ľr die ein unmittelbarer Bedarf nicht mehr besteht. Dieser Zwang zur st√§ndigen Neuerfindung von Besch√§ftigung √ľber den realen Bedarf hinaus ist ein wesentliches Merkmal exponenziell orientierter Geld- und Wirtschaftssysteme.

Das bildet sich zuerst einmal in drei Bereichen ab:

1. Staatlich subventionierte Überproduktion. Produktion von Leerständen und Wirtschaftsruinen (Beispiele: Kohlehalden, Butterberge, Weinseen, Atomkraftwerk Kalkar, Lausitzring, Main-Donau-Kanal)

2. B√ľrokratie, Regulierungswut, Gesetzesflut, Steuergesetzgebung, immer undurchschaubarer werdendes Gestr√ľpp von Transfereinkommen und zugeh√∂rigem Antragswesen.

3. Reparaturgesellschaft statt Vermeidungsgesellschaft. K√ľnstliche oder fahrl√§ssige Verk√ľrzung der Lebensdauer von Bauten, Computern, Kommunikationsmitteln, Gl√ľhbirnen usw. Naturzerst√∂rung erzeugt aufw√§ndige "Renaturierung". Lebensmittelchemie, Umweltgifte und unsinnige Ern√§hrungsgewohnheiten erzeugen eine immer aufw√§ndigere Reparaturmedizin. Die wachsende Ungleichverteilung erzeugt Sozialreparatur, Kontaminierung erzeugt Dekontaminierung. Verschmutzung erzeugt Reinigung, Verpackung erzeugt Recycling usw.

Das alles schafft Anlagemöglichkeiten und damit "Arbeitsplätze". Mittlerweile ist die ganze Wirtschaft des exponenziellen Geldsystems von solchen unsinnigen und vermeidbaren Verfahren geprägt, deren einziger Sinn es ist, "Arbeitsplätze zu schaffen". Man tut nicht das Nahe liegende, sondern stets das Abwegigere, weil Aufwändigere.

Ein immer größerer Teil unserer Wirtschaft provoziert von vornherein die spätere, gewinn- und arbeitsplatzträchtige Reparatur, lebt von der vorherigen Zerstörung. Der Beschäftigungsstaat mästet sich an seinen eigenen Fehlern. Unterlassene Vermeidungen, Schäden, Zerstörungen sind stets willkommen.

Das System paralysiert sich immer mehr selber, "es l√§uft sich langsam tot" [3] (Hazel Henderson) und "erstickt an seinen eigenen Widerspr√ľchen"[4] (Wolfgang Berger). Die exponenzielle Geldvermehrung schlie√üt eine Vermeidungsgesellschaft ebenso grunds√§tzlich aus, wie eine ertr√§umte Effizienzgesellschaft. Ohne √Ąnderung des exponenziellen Geldsystems bleibt alle √Ėkologie blo√üe Oberfl√§chenreparatur. Die Nichtvermeidung, die absichtsvolle Zerst√∂rung mit dem Ziel nachtr√§glicher Reparatur wird zum Politikprinzip.

Arbeitsbeschaffung durch Arbeitsvernichtung     [√úbersicht ]

Von der Inkaufnahme von Zerst√∂rung bis zu ihrer mutwilligen Herbeif√ľhrung ist es nur ein kleiner Schritt. Die Grenzen vom sogenannten "Wettbewerb" mit seinen Insolvenzen √ľber den Wirtschaftskrieg bis zum "modernen" kampf- und risikolosen Materialkrieg sind flie√üend geworden. Reichen alle Erfindungen neuer Anlagem√∂glichkeiten nicht mehr aus, kommt es zur explosionsartigen Entladung des Anlagedruckes, f√ľr den sich besonders Kriege eignen. Noch nie hat sich die Hochfinanz dieser vierten M√∂glichkeit der Beseitigung von Anlagedruck verweigert.

Beim "modernen" Materialkrieg wird der Wiederaufbau bereits vor Kriegsbeginn versprochen. Mit diesem Ziel werden noch vor Kriegsende Firmenpools in den High-Tech-L√§ndern gebildet. 60 Mrd. Kriegskosten erzeugen 60 Mrd. Wiederaufbaukosten. Das Kosten-Wirkungs-Verh√§ltnis ist ebenso unwichtig wie die v√∂lkerrechtliche oder moralische Rechtfertigung. "Was immer es auch kostet, wir m√ľssen siegen", sagte Tony Blair anl√§sslich des Jugoslawien-Krieges. Richtiger w√§re wohl gewesen: "Egal ob wir siegen oder verlieren, Hauptsache, es kostet was." Und im Kaschmir-Konflikt hat Gro√übritannien jahrzehntelang beide Seiten mit milliardenteurer R√ľstung beliefert, bis genau drei Tage vor ihrem Aufruf an die britischen Staatsangeh√∂rigen zum Verlassen der beiden L√§nder. Blairs anschlie√üende Reise in die Krisenregion wurde dann als "Friedensmission" deklariert. Kritik an den R√ľstungslieferungen bezeichnete er als "absolut bizarr". Die Verantwortung l√§ge "ausschlie√ülich bei den beiden L√§ndern selbst und ihrer Bereitschaft zum Frieden"[5].

Bei der Ausl√∂sung moderner Kriege spielt die fossile Energiewirtschaft eine Hauptrolle. Sie braucht R√ľstung und Kriege nicht nur zur Sicherung der gro√üen √Ėlvorkommen in Mittelasien und Nahost, sondern auch zur Absatzsteigerung. Die √Ėlindustrie hat im Handstreich fast alle Posten der US-Regierung sowie das Amt des afghanischen Pr√§sidenten mit ihren ehemaligen Angestellten besetzt. Und in Deutschland wird so getan, als sei die Wahl zwischen zwei Autokanzlern eine zeitgerechte und aufregende politische Alternative.

Immer mehr Politiker und Polizisten, Piloten und Arbeiter besorgen das Gesch√§ft der Geldanleger. Ob ferngesteuerte Finanzoperation per Mausklick oder ferngesteuerter Beschuss per Knopfdruck ‚Äď das Geld kann und will die Wirkungen, die es anrichtet, nicht sehen und erleben. Ein absehbarer H√∂hepunkt bei der Anlagebeschaffung wird erreicht sein, wenn zwei ebenb√ľrtige High-Tech-Nationen sich gegenseitig ihre Infrastrukturen zerst√∂ren.

Geld f√ľr die einen, Arbeit f√ľr die anderen    [√úbersicht]

Die zunehmend zerst√∂rerische Wirkung heutiger Arbeitsbeschaffung resultiert nicht nur aus dem exponenziellen Geldsystem. Sie resultiert vor allem auch aus der weiterbestehenden Koppe lung der materiellen Existenz der Arbeitenden und ihrer Familien an die verschwindende Arbeit. Damit wurde eine Art Schneeballsystem installiert, das den exponenziellen Effekt des Geldsystems aufnimmt, imitiert und bedient: Man l√§sst von Arbeitern die Maschinen bauen, durch die sie dann √ľberfl√ľssig werden. Dann entl√§sst man sie, nicht ohne vorher ihre Existenzberechtigung an eben jene Arbeit gekoppelt zu haben, die man ihnen wegnimmt. Anstatt Arbeit abzuschaffen, wird so ein fiktiver Arbeitsbedarf immer schneller exponenziell vermehrt: Je mehr Maschinen gebaut, desto mehr Arbeiter m√ľssen ersetzt, desto mehr Arbeit muss t√§glich neu hinzu erfunden werden. Aus Arbeitsabschaffung ist Arbeitsbeschaffung geworden.

Dieser Trick hat alle Industrialisierung praktisch auf den Kopf gestellt, alle √Ėkonomie in ihr Gegenteil verkehrt. Er beraubt uns prinzipiell der M√∂glichkeit der Unterlassung. Er l√§uft aus prinzipiellen Gr√ľnden aller Aufwandsminimierung, aller Rationalisierung, aller Sparsamkeit und aller Vermeidung zuwider. Alle punktuelle Rationalisierung m√ľndet in Arbeitsplatzabbau, und aller Arbeitsplatzabbau muss dann durch k√ľnstliche Besch√§ftigungserfindung an anderer Stelle wieder kompensiert werden. Vor allem aber: Managementfehler k√∂nnen die Existenzen ganzer Belegschaften und ihrer Familien vernichten, w√§hrend alle erfolgreichen Managemententscheidungen allenfalls den Shareholdern zugute kommen.

Wir haben uns ein Wirtschaftssystem geschaffen, in dem Arbeitslosigkeit zunehmend durch vern√ľnftiges Verhalten erh√∂ht und durch unvern√ľnftiges Verhalten vermindert wird. Sparsamkeit, Vermeidung, Unterlassung, Konsumverzicht und Beschr√§nkung auf das Sinnvolle bedeuten Abschwung. √úberproduktion, sinnlose Transporte, Reparaturanf√§lligkeit, Reparaturmedizin, Sozialreparatur, B√ľrokratie, Deregulierung, Verschwendung, Verdummung, Verpackung, Vergiftung, R√ľstung, Zerst√∂rung und Kriege bedeuten Aufschwung. Das w√ľrde auch durch eine verst√§rkte Konzentration auf sinnvolle und vern√ľnftige Arbeit, durch Aufbau in der dritten Welt, durch den √∂kologischen Umbau und sinnvolle technische Innovation nur vor√ľbergehend und nur zum Teil kompensiert werden.

Und das alles nur, um Vorw√§nde zu konstruieren, damit das von den Verm√∂gen und Maschinen "verdiente" Geld nicht in die Taschen der "freigesetzten" Arbeitenden flie√üt, sondern in die der nicht arbeitenden Kapitalbesitzer. Die einen ernten einseitig deren Fr√ľchte und die anderen tragen einseitig deren Folgen. Aus dem gro√üen, Jahrtausende alten Menschheitstraum von der Befreiung von Arbeit durch die Maschine ist nichts geworden. Geld ist mehr als genug da. Aber nicht diejenigen, die die Maschine von der Arbeit befreit hat, d√ľrfen das Geld einstecken, das diese f√ľr sie verdient, sondern die einen stecken das Geld ein und die anderen m√ľssen ihre Existenz weiter legitimieren, ausgerechnet durch die verschwindende Arbeit. Wer immer nur "Arbeit, Arbeit, Arbeit" fordert, ohne nach deren Gesellschaftsdienlichkeit und Verwertung zu fragen, tr√§gt zur weiteren Entwertung der Arbeit bei und bedient letztlich nur die Interessen des leistungslosen Kapitalbesitzes.

Wie konnte ein Profipolitiker wie der Bundeskanzler vor seiner Wahl 1998 die Halbierung der Arbeitslosigkeit versprechen und die W√§hler auch noch bitten, ihn bei der n√§chsten Wahl beim Wort zu nehmen? Sah er wirklich nicht, dass die Arbeitslosigkeit nie wieder nennenswert zur√ľckgehen kann, weil dies prinzipiell der Industrialisierung widerspricht? Und zwei Monate vor der n√§chsten Wahl versuchte er mit instrumentellen Mitteln nachzuholen, was er vier Jahre lang nicht geschafft hat: Teillegalisierung der Schwarzarbeit als "Ich-AG", Herausrechnen aller √ľber 55j√§hrigen, Erh√∂hung der Zumutung f√ľr die J√ľngeren.[6]  Dahinter steht die alte Vorstellung, die sich leistungslos aufopfernde Kapitalseite m√ľsse mit Erziehungsma√ünahmen gegen notorische Faulheit angehen. Statt Bek√§mpfung der Arbeitslosigkeit werden die Arbeitslosen bek√§mpft.

Ein Staatswesen, das leistungslosen Kapitalbesitz und Rendite immer st√§rker entlastet und belohnt, gesellschaftsdienliche Arbeit aber immer schlechter bezahlt und immer mehr belastet ‚Äď ein solches Staatswesen gibt sich selbst auf, verliert auf die Dauer seine Glaubw√ľrdigkeit und Existenzberechtigung. Die Grenze zwischen legaler und illegaler Aneignung der leistungslos erworbenen Verm√∂gen l√§sst sich kaum noch √ľberzeugend ziehen. Ein solcher Zustand endet zwangsl√§ufig in Korruption und Mafia. Und diese spielt sich wiederum haupts√§chlich in zwei Bereichen ab: im Geldwesen und im Bauwesen.

Geldsystem und Architektur    [√úbersicht ]

Nirgendwo bilden sich die Geld- und Arbeitsverh√§ltnisse deutlicher ab als beim Bauen. Zwar werden grunds√§tzlich alle Lebensbereiche vom System der √úbersch√ľsse und Schulden gepr√§gt. √úberall in den Industriel√§ndern finden wir die gleichen exponenziell ansteigenden Kurven: beim Landschaftsverbrauch, beim Verkaufsfl√§chenangebot, bei den Gesundheitsausgaben, bei den Zulassungszahlen der Anwaltskammern, bei den Personalkosten der Fu√üballbundesliga. Da weder Bev√∂lkerungsanstieg noch der Anstieg des Arbeitsvolumens die Ursache sein k√∂nnen, k√∂nnen es nur die exponenziell steigenden Geldverm√∂gen sein.

W√§hrend dieser Einfluss jedoch in den anderen Bereichen weitgehend abstrakt, diskret und unsichtbar bleibt, wird er durch das Gebaute visualisiert, im Positiven wie im Negativen, in den Hochhauspal√§sten von New York und Hongkong ebenso wie in den H√ľtten, Elendsvierteln und Slums von Lagos, Kalkutta und Mexico City und auf den M√ľllbergen von Manila und Sao Paolo.

Architektur ist immer Abbild und Nachvollzug der Wirtschafts- und Geldgesetzmäßigkeiten, nie mals verhält es sich umgekehrt. Gewiss, Architektur ist auch immer Abbild des Standes der Technik. Aber auch die Technik ist bei näherem Hinsehen abhängig von den Wirtschafts- und Geldgesetzmäßigkeiten: Ohne die ersten Kapitalzusammenballungen keine Flotten, kein Kolonialismus; ohne Kolonialismus nicht die noch größeren Kapitalanhäufungen und ohne diese keine Industrialisierung, und ohne diese wiederum kein Stahl, kein Auto, kein moderner Verkehr, keine Kräne, keine Hochhäuser. [7]

Produktion von Leerständen zwecks Arbeitsplatzbeschaffung [Übersicht]

Wie kaum ein anderer Bereich dient das Bauwesen heute immer weniger realer Bedarfsdeckung und immer mehr blo√üer Arbeitsplatzbeschaffung. √úber reine Ersatzbauten hinaus werden Neubauten praktisch nur noch gebaut, um Arbeitspl√§tze zu erhalten. Ein veritabler Bedarf besteht kaum noch. Seit 1990 wurden allein in Ostdeutschland 600.000 Wohnungen gebaut, obwohl 1990 schon 400.000 leerstanden. Heute stehen 1,3 Millionen leer. Das sind 15,8 % des Bestandes.[8] Gleichwohl wurden Wohnungsneubauten allein im Jahr 2001 noch mit 3,1 Milliarden Mark √∂ffentlich gef√∂rdert, die Altbausanierung dagegen nur mit 1,7 Mrd. Mark. Auch die Eigenheimzulage ist f√ľr Neubauten nach wie vor doppelt so hoch wie f√ľr Altbauten. Lediglich in westdeutschen Gro√üst√§dten besteht ein Fehlbedarf von insgesamt etwa 100.000 Wohnungen j√§hrlich einschlie√ülich Ersatzbedarf, w√§hrend zum Beispiel Kassel und Hannover Leerst√§nde von 13 und 8,2 % aufweisen.

B√ľrofl√§chenleerstand in Deutschland im Jahr 2002: 1,7 Millionen qm, Verkaufsfl√§chen√ľberhang nach Angaben des Einzelhandelsverbandes: ca. 40 Mio qm. Und das, obwohl Deutschland mit 105 Millionen Quadratmetern bereits 1,6 mal so viel Verkaufsfl√§che pro Kopf hat wie zum Beispiel Gro√übritannien, und obwohl allein im Jahr 2002 nach Sch√§tzungen des Einzelhandelsverbands etwa 15.000 Einzelhandelsbetriebe schlie√üen m√ľssen.

Trotz dieses √úberschusses an Verkaufsfl√§che rollt auf Deutschland eine Welle von Bahnhofsneubauten zu, die alle das Ziel haben, dort m√∂glichst viel neue Einzelhandelsfl√§che unterzubringen. Nat√ľrlich kaufen die Leute dadurch nicht mehr, sondern diese Einkaufsfl√§che wird aus den Innenst√§dten, vor allem aber aus den Kleinst√§dten der Umgebung abgezogen. Das Gro√ükapital vernichtet so mittelst√§ndische Existenzen und treibt bisher Selbstst√§ndige in eine unterbezahlte Verk√§uferexistenz in kunstbelichteten und klimatisierten Superm√§rkten. Und Politik und Kommunen sehen tatenlos zu oder dienern auch noch hinter den Investoren her, weil sie vermeintlich "Arbeitspl√§tze schaffen".

Die leergezogenen Altbauten weisen meist eine bessere und solidere Architektur auf als Neubauten, verwahrlosen aber dennoch nach und nach, bis Oberb√ľrgermeister und Lokalpresse sie irgendwann als "Schandfleck" brandmarken und niemand mehr wiedersprechen mag, wenn sie abgerissen werden. An die Stelle der gro√üangelegten und geplanten Abrisse der 1960er Jahre, etwa des Frankfurter Westends, ist heute so der schleichende, kaum mehr bemerkte Abriss getreten.

Wie Geldmechanismen, Architekteneitelkeit und die Subalternit√§t der Politik ineinander greifen, kann man sehr sch√∂n am Beispiel des derzeit in der Planung befindlichen Dortmunder Bahnhofs sehen. Aus einem beschr√§nkten Wettbewerb ging ein sogenanntes "Ufo" hervor. Weltraumarchitektur hat heute die gleiche Funktion wie in den 1920er Jahren die sogenannte "Streamline-Architektur": sie verhei√üt un√ľberbietbare Modernit√§t. Aus diesem Grunde finden die Million√§rs-Quiz-Shows im Fernsehen alle in so einer zusammengeschusterten Weltraumarchitektur statt. In manchen sitzen die Kandidaten sogar in Raumkapseln.

Die Stadtv√§ter tr√§umten nat√ľrlich davon, dass ein solches Weltraum-Ufo Dortmund endg√ľltig vom Kohlenpott- und Blumenk√ľbel-Image befreit. Die Nachteile stellten sich erst sp√§ter heraus: der hochliegende Gleisk√∂rper war sehr breit, und das Ufo wirkte nat√ľrlich nur, wenn es auch von beiden Seiten zu sehen war. Ein Kreis l√§sst sich aber nicht einfach in die L√§nge ziehen. Er wurde also immer gr√∂√üer. Und da eine nur eingeschossige Scheibe von 100 m Durchmesser auch nicht sehr eindrucksvoll war, wurde er auch immer h√∂her. Das Volumen stieg exponenziell.

Wie ein solches Volumen f√ľllen? Die dringend gebrauchten Parkpl√§tze lie√üen sich kaum in dieser H√∂he √ľber den Gleisen unterbringen. Also erfand man zu den 30.000 Quadratmetern Verkaufsfl√§che vor allem Freizeitaktivit√§ten. Ein tropisches Ozeanium sollte her usw. usw. Irgendwann starb das Projekt dann wie weiland die pal√§ontoligischen Riesenhirsche an Hypertrophie.

Man fragt sich nur, wie es sich so lange halten konnte und mehrere 100.000 Mark Planungskosten verschlingen konnte. Und das hat nat√ľrlich wieder mit der Logik der Geldmechanismen zu tun: je gr√∂√üer, desto mehr vermeintliche Arbeitspl√§tze, desto mehr Rendite f√ľr den Investor, desto mehr Honorar f√ľr die Architekten, desto mehr privates Kapital untergebracht, desto mehr Anlagedruck beseitigt. Das Risiko tragen ja die Anleger, allerdings vor allem die Kleinanleger.

Private √úbersch√ľsse und √∂ffentliche Schulden    [√úbersicht]

Nirgendwo bildet sich das Verh√§ltnis von privaten √úbersch√ľssen und √∂ffentlicher Verschuldung so deutlich ab wie in Architektur, St√§dtebau und Landschaft. Die privaten √úbersch√ľsse ergie√üen sich pausenlos in die Landschaft, wie in dem M√§rchen vom s√ľ√üen Brei. Seit 1960 ist die Siedlungsfl√§che vier Mal so schnell gestiegen wie die Bev√∂lkerung. In Deutschland werden t√§glich 130 Hektar Fl√§che zugebaut. In Nordrhein-Westfalen sind nach Angaben des BUND inzwischen 21 % der Fl√§che versiegelt, fast so viel wie die gesamte Waldfl√§che.[9] St√§dte und Gemeinden versuchen sich st√§ndig Firmenansiedlungen und Arbeitspl√§tze durch Angebote besonders guter Landschaftslagen abzujagen. Wie wir alle wissen, wird dadurch zwar st√§ndig Landschaft zerst√∂rt, aber in der Summe kein einziger Arbeitsplatz neu geschaffen.

Im gleichen Tempo ist die Ausnutzung der innerst√§dtischen Fl√§chen gesunken. In vielen Gro√üst√§dten (z.B. in Dortmund) stehen immer noch riesige innerst√§dtische Grundst√ľcke seit dem 2. Weltkrieg leer, weil die laufende Preissteigerung bei Hortung mehr abwirft als die bei Bebauung. Der Anteil der Brachfl√§chen und der notd√ľrftig begr√ľnten Brachfl√§chen steigt st√§ndig.

Die St√§dte kommen mit der Aufbereitung aufgegebener Grundst√ľcke nicht nach. Die Investoren rechnen ohnehin nur noch in Kreditlaufzeiten von maximal 40 Jahren. Oft legen sie aber schon nach 15 Jahren eine gezielte Pleite hin und hinterlassen der Stadt eine sogenannte "Konversionsfl√§che". Das √∂ffentliche Hinterherdienern hinter diesem St√§dtebauschrott mit Steuermitteln ist inzwischen Thema von Bauausstellungen und Hochschulwissenschaft. Richtiger w√§re es vermutlich, Grundst√ľcke grunds√§tzlich nur noch gegen Hinterlegung einer "Abrisskaution" an private Investoren abzugeben (Kunibert Wachten). Noch richtiger w√§re es, √ľberfl√ľssige Kulturfl√§chen zu renaturieren. Aber genau das findet nat√ľrlich nicht statt, weil es nicht nur mit Aufwand, sondern auch mit Wertverlust f√ľr den Eigent√ľmer verbunden w√§re. Nicht einmal die IBA-Emscherpark hat das geschafft.

Aufgrund der Verschuldung der St√§dte sind die Stadtr√§te gezwungen, nicht mehr den Interessen ihrer W√§hler zu folgen, sondern den Investoren fremden Geldes hinterherzudienern. Seit 40 Jahren gibt es praktisch keinen Fachmann, keinen Politiker, kein Feuilleton und keine Fernsehsendung mehr, die Zersiedlung, Landschaftszerst√∂rung und die daraus resultierende Entdichtung der St√§dte guthei√üen. Man kann ganze Regale mit Abhilfevorschl√§gen f√ľllen (Gewerbesteuer nicht mehr an Kommunen, Strafsteuer auf Brachfl√§chen, keine Neuausweisung von Bauland in Au√üengebieten usw.). Ge√§ndert hat sich absolut nichts. Es kann sich nat√ľrlich auch nichts √§ndern, solange der Anlagedruck der privaten √úbersch√ľsse weiter ungebrochen exponenziell ansteigt.

All diese Abhilfemodelle setzen eben nicht bei den Geld√ľbersch√ľssen an und ersch√∂pfen sich deshalb zwangsl√§ufig darin, die vorgefundenen Negativentwicklungen einfach zu bedienen oder sie gar zur gro√üartigen theoretischen Forderung hochzustilisieren. Da wird ein neues Leitbild der "perforierten Stadt" proklamiert [10], in der die Brachfl√§chen einfach zur Tugend erhoben und begr√ľnt werden. Motto: "Schandflecken zu Oasen". Da wird der Abschied vom Leitbild der "Europ√§ischen Stadt", vom "heroischen Ganzheitsanspruch" und von der klaren Trennung von "Stadt und Land" gefordert. "Chaos-Stadt", "Zwischenstadt", "fraktale R√§nder" und "Para-√Ąsthetik" hei√üen die neuen Schlagworte. Die achselzuckende Bedienung der exponenziellen Geldmechanismen wird so auch noch als "Modernisierung" ausgelegt ‚Äď wie √ľberall, wie bei der sogenannten Rentenreform, bei der Steuerreform, bei der Regelung von Firmen√ľbernahmen. √úberall die gleichen Handlungsmuster.

Die Reduktion auf die Betriebswirtschaft und der Verlust des Raumes
[
√úbersicht]

Der Gegensatz zwischen privaten √úbersch√ľssen und √∂ffentlicher Verschuldung verschlechtert nicht nur einfach die monet√§ren M√∂glichkeiten des St√§dtebaus. Er ist dem St√§dtebau prinzipiell entgegengerichtet. St√§dtebau w√§re seinem Wesen nach solidarische Gemeinschaftsanstrengung. Das Primat der privaten √úbersch√ľsse und die daraus resultierende √∂ffentliche Verschuldung stellen demgegen√ľber das private Einzelinteresse generell √ľber √∂ffentliches Gemeinschaftsinteresse. Es reduziert allen St√§dtebau auf die blo√üe Addition privater Einzelinteressen und deren Bedienung.

Diese Reduzierung auf Einzelinteressen und freistehende Einzelgeb√§ude durch den Funktionalismus des fr√ľhen 20. Jahrhunderts vollzieht auch wieder nur eine Entwicklung aus der √Ėkonomie nach: den √úbergang vom Primat der "National√∂konomie" zum Primat der Betriebswirtschaft: Wegstapeln von Menschen nach betriebswirtschaftlichem Kalk√ľl, Konkurrenzprinzip, abstraktes Funktionieren in fremdbestimmter Arbeit, Arbeitsteilung, Funktionstrennung, Einzelkiste. Aus St√§dtebau wurde Aufz√§hlung, Aufreihung, Lageristendenken.

Dieses rein betriebswirtschaftliche Verst√§ndnis wurde auch auf jene Lebensbereiche ausgedehnt, die bisher nicht unmittelbar den Geldmechanismen unterworfen waren. Selbst das Kochen zu Hause, bisher Bestandteil des t√§glichen Lebens, des Wohnens, der ger√§umigen Wohnk√ľche, wurde zum betriebswirtschaftlich durchrationalisierten Produktionsvorgang. Beispiel: Frankfurter K√ľche. Sie war eine reine Arbeitsk√ľche, im Grunde eine verkleinerte Betriebsk√ľche mit input, k√ľrzestem Weg und output an der sogenannten Durchreiche.

Diesem vordergr√ľndig betriebswirtschaftlichen Verst√§ndnis, diesem Primat des Einzelinteresses √ľber das Gesamtinteresse entsprach auch die Reduktion des St√§dtebaus auf die blo√üe Addition freistehender Einzelgeb√§ude. Diese wiederum hatte eine v√∂llige Ver√§nderung des Raumverst√§ndnisses zur Folge: Das hatte es in der gesamten Baugeschichte noch nie gegeben. St√§dte bau war immer die komplexe Organisation von Geb√§udemehrzahlen unter gegenseitiger Einfluss- und R√ľcksichtnahme. Diese gegenseitige Einfluss- und R√ľcksichtnahme manifestierte sich unter anderem in der Organisation des Raumes. Der Raum war Ausdruck des kollektiven Gesamtinteresses. Er war deshalb prim√§r. Die Einzelgeb√§ude waren Ausdruck des Einzelinteresses und deshalb sekund√§r. Sie waren lediglich die Modelliermasse, mit der der prim√§re √∂ffentliche Raum geformt wurde. Dieser √∂ffentliche Raum war genau definiert: man konnte immer sehen, wo er zu Ende war, wann man einen Raum verlie√ü und den n√§chsten betrat (Campo in Siena, Altst√§dte von Florenz, Rothenburg und Prag, Champs-Elysees, Ramblas und Piazza Navona). Diese Raumbildung war Inszenierung (z.B. von Prozessionswegen) und genau durchdacht. Die alten Schwarz pl√§ne zeigen das.

Der heutige St√§dtebau ist das genaue Gegenteil dieses vorindustriellen Konzepts. Egal, ob man die zusammenhanglosen Geldspargel der Citys, die stumpfsinnigen Aufz√§hlungen der Plattenbauten oder das Schrottgewucher der Gewerbegebiete nimmt ‚Äď der Stadtraum ist nur noch blo√üer undefinierter Geb√§udeabfall. Er interessiert niemanden mehr. Es interessiert nur noch das Einzelgeb√§ude. Die Aufl√∂sung des Stadtraumes ist visueller Indikator der Aufl√∂sung von Zusammenh√§ngen, Gesamtinteresse und Gemeinschaft. In der "City of Bits" (William J. Mitchell [11]) wird er nicht mehr ben√∂tigt.

In der vorindustriellen Architektur war das Einzelgeb√§ude dem Wahrzeichen vorbehalten, dem Logo. Und davon vertrug jede Stadt blo√ü ein oder zwei. Heute dagegen sind zumindest die Citys regelrechte Wahrzeichensalate. Highlightopolis statt solidarischer Einordnung. St√§dte bau w√§re seinem Wesen nach solidarische Gemeinschaftsanstrengung, unauff√§llige Einordnung, gegenseitige R√ľcksichtnahme.Beispiel Champs Elys√©es. An deren Stelle tritt heute die punktuelle Konkurrenz, die m√∂glichst bezugslose Selbstdarstellung von Eigent√ľmer oder Architekten, der Eigenerfolg auf Fremdkosten bis hin zur m√∂glichst wirksamen Besch√§digung des jeweils anderen. Das Logo im St√§dtebau hat nat√ľrlich etwas zu tun mit dem Logo der globalen Markenartikel. Es ist der Versuch, √ľber die reine Bedarfs- und Funktionserf√ľllung hinaus Aufmerksamkeit und letztlich Konsumbereitschaft zu erzielen.

Einzelinteresse hei√üt auch "Funktionstrennung": Die Wohnungsbaugesellschaft will sich nicht mit Kinderg√§rten abgeben, die Lebensmittelkette nicht mit Wohnungen und die Stadt nicht mit Lebensmittell√§den. Und so stehen dann die Parkpl√§tze im Gewerbegebiet nachts und im Wohngebiet am Tage leer. Im Gewerbegebiet werden riesige, energieverschwendende Flachd√§cher nicht als gro√üz√ľgige Freisitze genutzt, und im Wohngebiet hocken die Nutzer auf winzigen, angeklebten Balkonen. Im Mansarddach des neobarocken Landgerichts lagern die Akten in S√ľdlage mit Fernblick, im Mietshaus nebenan wohnt der Rentner auf der Nordseite im dunklen Erdgeschoss an der lauten Stra√üe. Und √ľber dem Flachdach des eingeschossigen Supermarkts werden vier Geschosse verschenkt, die wir dann in der Landschaft vor der Stadt wiederfinden. Ist das etwa St√§dtebau?

Wieder dominiert das Systemerhaltungsinteresse √ľber das Interesse an tats√§chlicher Bedarfsdeckung. Wieder f√ľhrt betriebswirtschaftliches Denken keineswegs in die Reduktion von Kosten und Aufwand ‚Äď alles bereits weiter oben beim verursachenden Geldsystem diagnostiziert.

Geldverh√§ltnisse und √Ąsthetik     [√úbersicht]

Auch die √Ąsthetik von Architektur (ebenso wie das Design) war und ist immer in erster Linie von den Geldverh√§ltnissen gepr√§gt. Sie folgte stets dem Prinzip der zwei √Ąsthetiken: einer √Ąsthetik des Offiziellen und einer √Ąsthetik des Privaten. In der vorindustriellen Zeit spiegelte sich das in dem Gegensatz zwischen h√∂fischsakraler und profaner Architektur ‚Äď un√ľbersehbar ein Gegensatz der Geldverh√§ltnisse. Heute stellt sich diese Dualit√§t dar als der erbitterte Gegensatz zwischen der offizi√∂sen Investitions√§sthetik des Funktionalismus und seiner postfunktionalistischen Folge√§sthetiken einerseits und der 'privaten' Konsum- und Waren√§sthetik andererseits.

Konsum- und Waren√§sthetik ‚Äď das ist die √Ąsthetik der Baum√§rkte, des Gelsenkirchener Barocks und der Einfamilienh√§user. Die Wahlm√∂glichkeiten zwischen 48 Farben von Klobrillen oder 400 Arten von Haust√ľren wird als "Freiheit" deklariert. An die Stelle von Ehrlichkeit, Reinheit, Werkgerechtheit und Materialgerechtheit tritt die Sehnsucht nach alten, vorindustriellen Verh√§ltnissen, tritt das "mehr Schein als Sein", das Abziehbild feudalistischen Glanzes, die "Goldenen Betten im Gr√ľnen", die Billigattrappen eines ersehnten Luxus. Auf der anderen Seite die akademische, funktionalistisch√∂ffentliche √Ąsthetik des Bauhauses, des fr√ľheren Deutschen Werkbundes, der Hochschulen und Fachzeitschriften, die puristische √Ąsthetik des Ehrlichen, Reinen, Werk- und Materialgerechten. Sie versteht sich als Fach√§sthetik, erkennt externe Anforderungen an, n√§mlich funktionale, technische und wirtschaftliche, lehnt aber alle Konzessionen an sinnliche oder √§sthetische Erwartungen, Grundbed√ľrfnisse und Potenziale des Publikums, der breiten Bev√∂lkerung erbittert ab. Von der Mitscherlich-Schule wurde sie deshalb in den 1960er Jahren als "sinnlich reduzierte" Investitions- und Oberschichten√§sthetik beschrieben, als √Ąsthetik einer vermeintlichen funktionalen Elite, als √Ąsthetik der "Kolonialisierung" durch den "wei√üen Mann". Bei besonderen Gelegenheiten, etwa bei der Diskussion um Denkmalschutz, Dresdner Frauenkirche oder Berliner Schloss, prallen beide gnadenlos aufeinander.

Diese Beobachtungen lassen sich im √ľbrigen auch auf anderen Gebieten machen, etwa im Verh√§ltnis von E-Musik zu U-Musik, Hoch- und Vulg√§rliteratur, abstrakter Kunst und den r√∂hrenden Hirschen der Glasereischaufenster und im Internet. Selbst die sogenannte "Subkultur" kann sich nicht immer den realen Geldverh√§ltnissen entziehen.

Und noch zwei Eigenschaften haben die beiden gegens√§tzlichen √Ąsthetiken in Geschichte und Gegenwart gemeinsam:
1. Ihr Anteil am Bauvolumen war und ist äußerst unsymmetrisch.
2. Die offizielle Theorie blendete und blendet den quantitativ bei weitem größeren Teil zumindest in der jeweiligen Gegenwart geflissentlich aus.

Das braucht f√ľr die vorindustrielle Geschichte nicht besonders belegt zu werden. Theorie und Baugeschichte besch√§ftigten sich immer zuerst mit der h√∂fischsakralen Architektur, obwohl deren Anteil an Objektmenge und Gesamtvolumen weitaus geringer war. Die quantitativ √ľberwiegende Profanarchitektur der Fachwerkh√§user, D√∂rfer und Bauernh√∂fe wurde erst nach geh√∂rigem Zeitabstand gew√ľrdigt, meist zuerst als "Volksarchitektur" und folkloristische Besonderheit.

Heute ist dieser Unterschied noch drastischer geworden. Die offizi√∂se Fach-√Ąsthetik des Bauhauses und der "Folge-Ismen" macht noch nicht einmal f√ľnf Prozent des Gebauten aus, beherrscht aber ausschlie√ülich Theorie und Fachdiskussion. Die √ľbrigen 95 Prozent des Gebauten haben keinerlei Aussicht, jemals von Fachzeitschriften, Fachliteratur, Feuilletons, Hochschulbetrieb und gegenw√§rtiger Baugeschichte gew√ľrdigt zu werden ‚Äď ein erstaunliches Ph√§nomen.

Nat√ľrlich resultiert auch das aus den Geldverh√§ltnissen. Hatte es vor der Industrialisierung in der profanen Architektur noch so etwas wie eine Volks√§sthetik gegeben, so wurde von nun an fast alle Architektur von einer zinseinnehmenden Oberschicht f√ľr eine zinszahlende Unterschicht gebaut. Die Bev√∂lkerung hatte keine M√∂glichkeit mehr, aktiv eine eigene √Ąsthetik zu entwickeln au√üer einer rein konsumptiven. Schon der sogenannte "proletarische" Backsteinbau, etwa des Ruhrgebiets, war ja nicht mehr von Proletariern entwickelt worden, sondern von Nicht-Proletariern, die sich vorstellten, wie sich Proletarier wohl √Ąsthetik vorstellen. Die von Proletariern selbst geplanten H√§user sehen anders aus.

Diese Waren√§sthetik bildet heute am ungebrochensten die Entropie des Wirtschaftens visuell ab (Wir erinnern uns: Entropie ist der Zustand der auf ewig unumkehrbaren Vermischung, in die alle Material- und Energieressourcen dieser Erde durch den Vorgang des Wirtschaftens nach und nach √ľberf√ľhrt werden. Alle Arbeit, alle Wirtschaft, die Material oder Energie bewegt oder umsetzt, erzeugen Entropie, es sei denn, sie operieren auf externer Sonnenenergie). Kaufh√§user, Superm√§rkte, Baum√§rkte, Gewerbegebiete, factory-outlet-center, Einfamilienhausgeb√§ude, Hochhaus-Citys, Skylines, Landschaften ‚Äď alles ist heute nicht nur materielle, sondern auch visuelle, visualisierte Entropie.

Die offizielle, funktionalistische √Ąsthetik kann demgegen√ľber nur begriffen werden als der verzweifelte Versuch, dieser Lawine materieller und visueller Entropie idealistischen Widerstand entgegen zu setzen und aus dem realen Geldsystem auszubrechen. Der anspruchsvolle Architekt kann mit dem Gedanken nicht leben, blo√ües Vollzugsorgan von Geld- und Wirtschaftsmechanismen zu sein, blo√üer "Systemkavalier". Er klammert sich deshalb an die Illusion, es g√§be irgendwo eine √Ąsthetik, die autonom sei. Diese Illusion hat stellenweise zweifellos zu kostbaren Ergebnissen gef√ľhrt, die man nicht missen m√∂chte, zu kostbaren vereinzelten Solit√§ren. Das Aussehen von 95 Prozent unserer St√§dte und Landschaften hat sie kaum beeinflusst. √úber 95 Prozent zum Beispiel der Einfamilienh√§user werden nicht von Architekten gebaut.

Alle √Ąsthetik von Architektur und St√§dtebau ist also von den realen Geldverh√§ltnissen gepr√§gt: 95 Prozent von dem erfolgreichen Versuch, sie zu bedienen und f√ľnf Prozent von den erfolglosen, aber kostbaren Ausbruchsversuchen.

Wie treulich Architektur und St√§dtebau dem Wandel der Geldverh√§ltnisse folgen, erleben wir gerade zur Zeit: Bis weit in die 1960er Jahre hatte auch der √∂ffentliche Bereich Anteil an den √úbersch√ľssen. Das √∂ffentliche Bauen war deshalb von der funktionalistischen oder vulg√§rfunktionalistischen Investitions√§sthetik gepr√§gt. Die Konsum√§sthetik war die private, wenn auch nicht origin√§re √Ąsthetik der arbeitenden Bev√∂lkerung. Inzwischen haben sich die Geldverh√§ltnisse umgekehrt: Die √úbersch√ľsse befinden sich auf der privaten Seite und die Verschuldung auf der √∂ffentlichen. Folgerichtig erleben wir derzeit, wie die √Ąsthetik dies nachvollzieht. √úber die Gro√üinvestoren breitet sich die private Konsum√§sthetik in den √∂ffentlichen Investitionsbereich aus, sehr zum Verdruss des BDA, der Hochschulen und der Fachzeitschriften (Beispiele: CentrO Oberhausen, Dortmunder Bahnhof, Weltausstellung Hannover, Baum√§rkte, factory-outlet-center, Bauten im ehemaligen Ostblock).

Auch die Parlamentsentscheidung zugunsten der Rekonstruktion des Berliner Schlosses hat mit diesem neuen, geldbedingten Siegeszug der privaten Konsum√§sthetik zu tun. Ob Gelsenkirchener oder Berliner Barock ist ihr letztlich egal. Barocksehnsucht triumphiert √ľber Bankrottrealit√§t. Vor dem technokratischen Funktionsd√ľnkel der F√ľnf-Prozent-Moderne fl√ľchten die 95 Prozent auf der Woge des allgemeinen rollback ausgerechnet in die Arme feudalistischer Symbolik. Zwar hatten auch historische Stile sich von den Bev√∂lkerungen nicht hineinreden lassen, waren aber wenigstens auf deren Zustimmung bedacht. Ausgerechnet in den neuen Demokratien glaubte man, auf eine solche Best√§tigung trotzig verzichten zu k√∂nnen. Das ging nur solange gut, wie man das Geld auf seiner Seite hatte.

Nat√ľrlich sind Architektur und St√§dtebau nicht nur von Geldmechanismen abh√§ngig, sondern von vielen Parametern. Der Einfluss der fachlichen oder √§sthetischen Theorien wird aber offensichtlich stark √ľbersch√§tzt, der Einfluss der Geldmechanismen wird dagegen offensichtlich stark untersch√§tzt. Der Einfluss der Theorie auf den Charakter des Gebauten w√ľrde sich vermutlich vergr√∂√üern, wenn sie weniger eigenen, synthetischen und idealistischen Postulaten folgte und sich st√§rker bem√ľhte, den √∂konomischen Ursachen der gro√üen Masse des Gebauten auf den Grund zu gehen.

Kapitalkonzentration und Gigantismus    [√úbersicht]

Die ungeheuren Kapitalkonzentrationen erzeugen √ľberall eine Tendenz zum Gigantismus. Das gilt nicht nur f√ľr Gro√üstaud√§mme, Gro√üflugzeuge, Gro√üstadien, Gro√übauten, Firmenzusammenschl√ľsse und andere Gro√üprojekte, das gilt auch zum Beispiel f√ľr die Gr√∂√üenordnungen heutiger Futtermittelskandale (BSE, MKS, Nitrofen). Mit den Gr√∂√üenordnungen w√§chst auch das Katastrophenrisiko, w√§chst die Verwundbarkeit. Gleichzeitig w√§chst die Gefahr, dass wir uns langfristig an megalomane Technikformen binden, die bereits zum Zeitpunkt ihrer Realisation √ľberholt sind, etwa die Atomtechnik.

Gro√übauten hat es schon gegeben, lange bevor es Kapitalkonzentrationen der heutigen Gr√∂√üenordnung gab. Sie waren stets die gewollte Darstellung von Machtkonzentration: in der Sklavengesellschaft, im Kirchenstaat, in den gro√üen Diktaturen. Worin liegt der Unterschied zwischen den fr√ľheren Gro√übauten und den heutigen? Schon immer wurden sie als notwendige Arbeitsbeschaffungsma√ünahme dargestellt. Die Pal√§ste der Maharadschahs wurden stets w√§hrend der gro√üen Hungersn√∂te gebaut. "Ihr m√ľsst Pal√§ste bauen, damit ihr nicht verhungert", hie√ü es.[12] Und der britische Physiker Mendelsohn hat nachgewiesen, dass die Bauzeitplanung der Pyramiden der Besch√§ftigung eines stets gleichbleibenden Arbeitsheeres diente.[13] Auch damals entstanden ja Geld und Nahrungsmittel nicht erst durch den Palastbau. Sie waren bereits vorher vorhanden. Die Leute h√§tten auch nicht verhungern m√ľssen, wenn die Pyramiden und Pal√§ste nicht gebaut worden w√§ren. Insofern hat sich an der fiktiven Legitimationsrolle der Arbeit wenig ge√§ndert.

Ge√§ndert hat sich vor allem der unmittelbar sichtbare Zusammenhang zwischen dem erzeugten Glanz und dem dadurch verursachten Produktionselend. Er ist durch die globalen Geldstr√∂me zerrissen worden. Das Geld hat zunehmend eine Abstraktions- und Verschleierungsfunktion. Die Bauarbeiter sind durch die Maschinisierung von dem Produktionselend nicht mehr unmittelbar betroffen. Die √úbersch√ľsse erzeugen die ihnen ad√§quaten Schulden und das damit verbundene Elend nicht mehr unmittelbar an den Baustellen, sondern am anderen Ende der Welt, in den Slums und auf den M√ľllbergen von Manila und Sao Paolo. Das Prinzip der Sklavengesellschaft existiert zwar weiter, ist eher noch verst√§rkt, aber seine unmittelbare Lesbarkeit ist verloren gegangen. Sie ist verloren gegangen durch eine gewaltige, √ľber Jahrzehnte hinweg aufgebaute und schwer durchschaubare Konstruktion aus Banken, B√∂rsen, Weltbank, WTO und IWF, die mittlerweile als naturgegeben angesehen wird.

Diese gewaltige Konstruktion √§ndert aber nichts an einer Elementartatsache unseres Geldsystems: Alle √úbersch√ľsse, die nicht durch Akkumulation von Arbeit erzielt werden, k√∂nnen nur durch Schulden und Schuldendienste der jeweils anderen erzielt werden. Das sollten sich auch all die genialen Entwerfer von futuristischen Megakonstruktionen vor Augen f√ľhren. Wenn es noch stimmt, dass man mit 75 Euro ein Kind in der dritten Welt ein Jahr lang vor dem Hungertod bewahren kann, dann kann sich jeder Gro√üarchitekt und jeder Gro√üinvestor ausrechnen, mit wieviel hungertoten Kindern sein Geb√§ude erkauft wurde. Alle Gro√übauten wurden zu allen Zeiten stets mit dem Elend der jeweils anderen erkauft.

Die Negativentwicklung der Geldverh√§ltnisse wird jedoch von der Politik zunehmend nicht nur nicht bek√§mpft, sondern einfach zum Positivziel umgedichtet. Alles Staatsversagen, alle Flucht aus der Verantwortung wird auch noch als "Modernisierung" und Privatisierungsgesetz ausgelegt: Ausstieg aus dem Arbeitgeberanteil bei den Renten, Steuerentlastung f√ľr Spitzenverdiener und Konzerne, die Aufl√∂sung der St√§dte und Landschaften ‚Äď f√ľr alles erfindet eine hinterherdienernde Anpassungswissenschaft und -politik Positivbegriffe.

Der Begriff "totalit√§r" wird von den Lexika definiert als "alles sich unterwerfend". Nicht nur deshalb ist das exponenzielle Geldsystem totalit√§r, sondern auch vor allem, weil es alle Versuche des Widerstands, der Notwehr und der Gegenmacht bek√§mpft mit drastischen Einschr√§nkungen der B√ľrgerrechte und Menschenrechte, wie wir das im Augenblick erleben.

Auch diese Auseinandersetzung zwischen Macht und Gegenmacht ist nicht neu. Das lehrt das Gesetz vom Aufstieg und Niedergang der Imperien. Dabei war die Macht immer prim√§r und die Gegenmacht immer sekund√§r. Die Gegenmacht hat sich immer durch die vorgefundene Macht definiert. Gleichwohl hat die Macht auch immer versucht, die Gegenmacht wider besseres Wissen als prim√§r darzustellen und sie mit ihren √ľberlegeneren Mitteln zu bek√§mpfen, anstatt ihr durch Beseitigung der machtseitig erzeugten Ursachen den Boden zu entziehen.

Oft hat die Gegenmacht vor√ľbergehende Niederlagen hinnehmen m√ľssen, etwa beim Spartakus-Aufstand, bei den Bauernkriegen oder im Zweiten Weltkrieg. Langfristig hat sie aber immer gesiegt; das Christentum √ľber die R√∂mer, die franz√∂sische Revolution √ľber den Feudalismus und die Revolution von 1918 √ľber den Neofeudalismus. Und wo immer die siegreiche Gegenmacht sich als neue Macht etabliert hat, hat sie das "Ende der Geschichte" verk√ľndet, das hei√üt, die endg√ľltige √úberfl√ľssigkeit aller Gegen macht. Und genau deswegen hat sie immer die neue Gegenmacht erst heraufbeschworen.

Zusammenfassung     [√úbersicht]

Anstatt die Bev√∂lkerungen der Industriestaaten die Fr√ľchte der Industrialisierung in Ruhe und Gelassenheit genie√üen zu lassen und die Maschinisierungsgewinne f√ľr den Aufbau der Entwicklungsl√§nder zu nutzen, treiben uns die exponenziellen Kapital√ľbersch√ľsse in immer sinnlosere und zerst√∂rerische Aktivit√§ten und die "dritte" Welt gleichzeitig in immer hoffnungslosere Verschuldung. Die erste Welt nutzt die ihr leistungslos zuflie√üenden Geldstr√∂me r√ľcksichtslos zur Unterdr√ľckung auch der geringsten Widerst√§nde mit den Mitteln ihrer High-Tech-R√ľstung.

Es wird gerne so getan, als sei die wirtschaftliche und soziale Lage das Ergebnis vieler Parameter und Interessen, und das exponenzielle Geld system sei allenfalls eine Ursache unter vielen. Diese Vorstellung ist falsch. Das Geldsystem ist stets die eine, alles andere auslösende Ursache. Dieses Verhältnis ist unumkehrbar. Niemals lösen Wirtschaftswachstum, Armut, falsches Arbeitsverständnis oder Landschaftszerstörung das Geldwachstum aus, sondern immer umgekehrt.

Neu an der heutigen Auseinandersetzung ist nur ihr Gigantismus, die Dimension ihres Katastrophenrisikos. Man bekommt davon eine Ahnung, wenn man sich Großstaudämme und Großstadien einerseits ansieht und die extrem einfachen Produktionsmöglichkeiten verheerender Massenvernichtungsmittel andererseits. Dieses Gefahrenpotenzial wird sicherlich durch Irrationalismen und Fanatismen verschärft. Diese sind jedoch nicht die eigentliche Ursache dieses neuen Katastrophen-Gigantismus. Die letztendliche Ursache ist auch hier wieder die neue Dimension der Kapitalzusammenballungen. Und zwar in zweifacher Hinsicht: zum einen hinsichtlich der neuen Größenordnung der technischen Möglichkeiten und zum anderen hinsichtlich der neuen Größenordnung ihres Verschuldungszwangs und der dadurch ausgelösten Verelendung und Emotionalisierung.

Wie die bereits erw√§hnten pal√§ontologischen Riesenhirsche schaffen sich Sp√§tzeitensysteme ihre Untergangsger√§tschaften und ihre Untergangsautomatik selber. Diese Feststellung ist historisch gemeint und sollte keine Illusionen √ľber den Zeitrahmen aufkommen lassen. Der Untergang des r√∂mischen Reiches hat schlie√ülich auch dreihundert Jahre gedauert. Unabh√§ngig von dieser Zeitdimension gilt jedoch: Wenn es der Politik nicht gelingt, sich im letzten Moment ins R√§derwerk zu werfen, ist der monet√§re und soziale Crash mathematisch unausweichlich. Fragt sich nur, wann und in welcher Form er eintritt.

Anmerkungen    
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01 Quelle: Monatsbericht der Deutschen Bundesbank und Globus-Grafik, S√ľddeutsche Zeitung vom 10. Juni 1994.
02 Quelle: Grafik S√ľddeutsche Zeitung vom 4. Januar 2002.
03 Henderson, Hazel: Das Ende der √Ėkonomie, M√ľnchen 1985.
04 Berger, Wolfgang: Zehn Thesen, INWO-Symposium Steyerberg, 28. Juni 2002.
05 Frankfurter Rundschau vom 22. Juni 2002.
06 Vorschläge der "Hartz-Kommission" des VW-Personalvorstandes Hartz
07 Vgl. Zeitschrift f√ľr Sozial√∂konomie 130. Folge (2001), S. 19.
08 Angaben des Bundes deutscher Wohnungsunternehmer, in: Frankfurter Rundschau vom 4. Juli 2002.
09 S√ľddeutsche Zeitung vom 6. Juni 2002.
10 S√ľddeutsche Zeitung vom 6. Mai 2002.
11 Mitchell, William J.: City of bits, Berlin-Boston-Basel 1996.
12 Moewes, G√ľnther: Weder H√ľtten noch Pal√§ste, Berlin-Boston-Basel 1995, S. 88.
13 Mendelsohn, K.: Das R√§tsel der Pyramiden, Bergisch-Gladbach 1987.

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