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SOZIAL√ĖKONOMIE.INFO

Gerhard Senft:
Aufstieg und Niedergang der Technokratie

"Handle stets so, dass die Anzahl der Möglichkeiten wächst."
Heinz von Foerster [1]

√úbersicht
Was ist Technokratie?
Saint-Simon als ein Wegbereiter der Technokratie
"Social Engineering" in einer "machbaren" Welt
Die technokratische Bewegung in den USA und in Europa
Technokratie, Nationalsozialismus und Kommunismus
Die Ideologie der Technokratie nach 1945
Kapitalkonzentration und Technokratie
Suche nach einer anderen Moderne
Libertäre Demokratie statt Technokratie
Anmerkungen

Was ist Technokratie?

In der Reihe der Auseinandersetzungen um die soziokulturelle Rolle des technischen Sachverstandes war die Technokratie-Debatte eine der wesentlichsten im 20. Jahrhundert. Eine F√ľlle von Literaturerzeugnissen liefert dazu die Best√§tigung. Trotz alledem ist es bis heute schwierig geblieben, zu einer einheitlichen Definition des Technokratiebegriffes zu finden. W√∂rtlich genommen bedeutet Technokratie Herrschaft bzw. Macht der Techniker oder Experten, wobei nicht die blo√üe Machtaus√ľbung im Industriebetrieb, sondern in Gesellschaft und Politik im Allgemeinen gemeint ist. Die verschiedenen Zug√§nge zum Technokratiebegriff ergaben sich in der Folge aus den Versuchen, die Zusammenh√§nge sch√§rfer zu fassen. Hans Lenk listete in den 1970er Jahren zw√∂lf unterschiedliche Deutungen auf, die "die Technokratie" oder "das Technokratische" kennzeichnen sollten.[2] F√ľr den kritischen Betrachter ist es nicht unerheblich, ob auf die Ebene der Ideologien, auf einen √ľberzogenen Planungsoptimismus (Andre Gorz) oder auf eine technizistische Verhaltenspr√§gung (Theodor W. Adorno, Max Horkheimer) Bezug genommen wird.

G√ľnter Ropohl geht allerdings davon aus ‚Äď und diese Sichtweise soll hier √ľbernommen werden ‚Äď, dass sich die verschiedenen Technokratiebegriffe als Varianten von zwei Hauptdefinitionen auffassen lassen; einmal meint "Technokratie" die politische Herrschaft bestimmter fachlich qualifizierter Personengruppen; diesem Technokratiezugang entsprechen die "industrielle Honoratiorenherrschaft", die "Ingenieurokratie" und die "Expertokratie". Zum zweiten kann "Technokratie" die Herrschaft einer autonom gewordenen Technik und eines davon induzierten technizistischen Denkens bedeuten; Erscheinungsformen dieses Technokratiebegriffes beziehen sich auf "technisch organisierte Herrschaft", auf die "Normativit√§t technologischer M√∂glichkeiten", auf eine "technizistische Hintergrundideologie", auf einen m√∂glichen "Totalzustand der Gesellschaft" und auf eine "Planungsideologie".[3]

Saint-Simon als ein Wegbereiter der Technokratie                      [√úbersicht]

Als ein wesentlicher Vorl√§ufer der technokratischen Ausrichtung taucht in der einschl√§gigen Literatur der Name Claude Henry de Rouvroy Saint-Simon auf (1760‚Äď1825). Saint-Simon war ein typischer Vertreter jener √úbergangsepoche, in der am Beginn des 19. Jahrhunderts die Aufl√∂sung eines normativ-teleologischen Weltbildes durch ein mechanistisch-kausalistisches Weltbild vollzogen wurde. Saint-Simon betonte in seiner Lehre besonders den sozialen Charakter des Fortschritts, er unterschied aufeinanderfolgende Gesellschaftssysteme und leitete aus der Erkenntnis verschiedenster Gesetzm√§√üigkeiten die M√∂glichkeit der Prognose ab ‚Äď auch hinsichtlich einer Gesellschaftsumgestaltung. Er sprach sich f√ľr eine rational organisierte, auf die Entwicklung der Produktivkr√§fte hin orientierte soziale Ordnung aus. In diesem Sinne empfahl er eine enge Verbindung von Wissenschaft und Industrie, wobei er die "Politik" als die Wissenschaft von der Produktion betrachtete. Als die entscheidende Kraft zur Umgestaltung der Verh√§ltnisse definierte er die Klasse der "Industriellen". Sie sah er in den Spitzenpositionen, sie sollten die Staatsfinanzen verwalten, sie sollten zugleich Gesetzgeber und Richter sein. Wesentlich ist bei Saint-Simon noch, dass er ein Gesellschaftsbild propagierte, in dem an die Stelle der Herrschaft von Menschen √ľber Menschen die Herrschaft von Sachgesetzlichkeiten und die Verwaltung von Sachen tritt. In dieser hierarchischen leistungselit√§ren Gesellschaft wird also Herrschaft durch den Sachzwang ersetzt. In den Ordnungsvorstellungen Saint-Simons ist die Gesellschaft zu einer einzigen gro√üen Unternehmung geworden, in der ein organisatorischer Determinismus hinsichtlich der Kooperationsgegebenheiten und ein naturalistischer Determinismus hinsichtlich der auf die Natur gerichteten Aktionen herrscht.

Die Honoratioren-Leitungsfunktion der Industriellen, die in so manche Interpretation des Saint-Simonismus einfloss, ist unverwirklicht geblieben. Eingetreten ist jedoch der ebenfalls von Saint-Simon prognostizierte rasante Aufstieg der Techniker und Ingenieure. Es dauerte zwar einige Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts, bis die Ingenieure im Ringen um eine angemessene Einordnung und Bewertung ihres Berufsstandes erste Erfolge erringen konnten; diese waren aber umso durchschlagender. Die zweite industrielle Revolution lie√ü den Bedarf an technischem Sachverstand ruckartig anwachsen, die Zahl der technischen Hochschulen und Fakult√§ten vervielfachte sich, der Zustrom von Studenten an die technischen Ausbildungsst√§tten erh√∂hte sich bedeutend. Das berufst√§ndische Emanzipationsbegehren hatte sich auch in entsprechenden Verbandsbildungen niedergeschlagen (1856: Gr√ľndung des Vereins Deutscher Ingenieure), mit zunehmender Festigung seiner Position in der modernen Industriegesellschaft erlebte der Ingenieurstand eine deutliche Steigerung seines Selbstbewusstseins. Techniker und Ingenieure begannen ihre Probleml√∂sungskapazit√§t nun auch auf Bereiche auszudehnen, die urspr√ľnglich dem technischen Gestaltungswillen entzogen waren.

"Social Engineering" in einer "machbaren" Welt                       [√úbersicht ]

Bezeichnend war so etwa der Titel einer 1901 vom Wiener Eisenbahningenieur Wenzel Schober herausgegebenen Schrift: "Die Mitwirkung der Techniker im neuen Jahrhundert bei der L√∂sung der national√∂konomischen Fragen." Die "Mach- und Gestaltbarkeit der Welt" mittels technisch reifer Anwendungen erschienen in dieser Zeit vielerorts unbegrenzt. Ingenieure eroberten sich neben juristisch vorgebildeten Beamten einen Anteil an der Verwaltung des Staates, im wissenschaftlichen Bereich war das Vordringen der Techniker ebenfalls un√ľbersehbar. Herbert Spencer, der Hauptvertreter der sogenannten organizistischen Soziologie, war gelernter Ingenieur. Von Haus aus studierter Ingenieur war auch der Italiener Vilfredo Pareto, National√∂konom und Soziologe, der eine Darstellung des gesellschaftlichen Gleichgewichts auf der Basis einiger weniger Konstanten und ihrer Zusammenh√§nge versuchte (Stichwort: Pareto-Optimum). Wie Spencer ging Pareto von einer "nat√ľrlichen Ungleichheit" zwischen den Menschen aus; nach seiner Lehre unterteilt sich die Gesellschaft in eine "parteeletta", also in eine Elite, und in die Masse, die entsprechend gelenkt zu werden hat.

Wem konnte es n√§her liegen, gesellschaftliche und politische Bereiche nach Analogie einer Maschine aufzufassen, als dem Ingenieur? In dem Bestreben, aus dem Staat eine effizient f√∂rdernde Maschine zu machen, die eine ernsthafte Arbeit abseits vom Tummelfeld der "Interessen und Begierden einzelner St√§nde und Parteien" erm√∂glicht, war es nur naheliegend, den Elitebegriff derart radikal in den Mittelpunkt zu r√ľcken.[4] Eine Rationalisierung des menschlichen Lebens, das ausschlie√ülich von naturwissenschaftlichen und technischen Standpunkten aus betrachtet wurde, vertrug sich nicht mit politischen und sozialen K√§mpfen; die Funktionselite der Gesellschaft sollte ihren Verwaltungsaufgaben ungest√∂rt nachkommen k√∂nnen. Der Krieg erwies sich wieder einmal als der "Vater aller Dinge", als der erste gro√üe Weltenbrand des 20. Jahrhunderts den Durchbruch des "social engineering" brachte: "Da Technik zunehmend besser in die soziale Welt eingebracht werden muss, je weiter sie sich ausdehnt und je komplizierter und st√∂rungsanf√§lliger sie wird, haben Ingenieure ... damit begonnen, auch das Soziale St√ľck f√ľr St√ľck unter ihrer Perspektive zu behandeln: Zuerst in Taylorismus und Psychotechnik, dann in Ergonomie und modernen Arbeitswissenschaften wurden menschliche Arbeit und Kooperation unter dem isolierten Gesichtspunkt der K√∂rpertechnik und der Psychotechnik angegangen."[5] In seinem Buch "The Managerial Revolution" beschreibt James Burnham das Abhandenkommen der strukturellen Gegebenheiten des Hochkapitalismus, den Bedeutungsverlust des Eigent√ľmerunternehmers und den Aufstieg der Manager (Administratoren, Experten, leitende Ingenieure, Produktionsleiter, Propagandaspezialisten und Technokraten).[6] Die im Rahmen von Wirtschaft und Verwaltung angewandten sozialtechnischen Verfahren dieser Gruppe, die in einem durchg√§ngig mechanistischen Denken und in einem deterministisch gepr√§gten Weltmodell wurzeln, tragen das Bestreben in sich, menschliche Handlungs- und Beziehungsabl√§ufe zu standardisieren, und den vermeintlich technisch-√∂konomischen Erfordernissen nahtlos anzupassen. Die Gesellschaft wird dabei als etwas Konstruierbares behandelt, als eine von √ľbergeordneten Instanzen gelenkte, planorientierte zentralverwaltete Gemeinschaft von Maschinenelementen. Ohne genaue Hinterfragung der technisch-√∂konomischen Erfordernisse gelangen dabei immer nur jene Verfahren zur Anwendung, die dem Effizienzkriterium am meisten entsprechen, wobei das Feld potenzieller Nebeneffekte nicht oder nur unzureichend zum Gegenstand der Betrachtung gemacht wird.

Der Prototyp eines neuartigen "system builder", wie ihn der Erste Weltkrieg emporsp√ľlte, war der Industrieorganisator Walther Rathenau (1867- 1922). Rathenau leitete die Geschicke des gewichtigen Elektrokonzerns AEG, und er trat als Vork√§mpfer der Rationalisierung der deutschen Industrie hervor. Er war auch Direktor einer bedeutenden Investitionsbank und nebenbei machte er sich als Schriftsteller, der sich mit wirtschaftlichen und sozialen Problemen auseinander setzte, bereits vor dem Ersten Weltkrieg einen Namen.[7] F√ľr Rathenau war die zweite industrielle Revolution ein goldenes Zeitalter, auf dem H√∂hepunkt seines Schaffens sa√ü er bei 84 gro√üen Konzernen entweder im Aufsichtsrat oder im Vorstand. Rathenau z√§hlte zu jener Spezies, die den Denker und den Praktiker vereinte, die als Financier und Organisator an der Schnittstelle von Technik und Wissenschaft, Wirtschaft und Staat ihre Aktivit√§ten entfaltete. Vertraut mit den Prinzipien und der Funktion der damaligen Spitzentechnologie Stromwirtschaft und des modernen Managements, zeigte sich Rathenau √ľberzeugt, dass die Technik eine revolution√§re Ver√§nderung der Welt in Gang gesetzt hatte. Vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen als Ingenieur, Wissenschaftler und Manager dachte und argumentierte Rathenau sehr stark orientiert an Fluss-, Kreislauf- und Netzwerkmetaphern; er repr√§sentierte damit eine neue Form des kybernetischen Denkens. Die Mechanisierung, so war er √ľberzeugt, werde die Welt zu einer "einzigen untrennbaren Wirtschaftsgemeinschaft" zusammenf√ľhren. Er rief dazu auf, Rohstoffbeschaffung, Herstellung und Verbrauch in einem ununterbrochenen systematischen Fluss zu verbinden. "Dem Blutkreislauf vergleichbar, ergie√üt sich der G√ľterstrom durch das Netz seiner Arterien und Adern. In jedem Augenblick des Tages und der Nacht donnern die Schienen, rauschen die Schiff- schrauben, sausen die Schwungr√§der und dampfen die Retorten, um die Last dieses Umlaufs zu erneuern und zu bewegen."[8] Er √ľbernahm die Vision einer kontinentalen allelektrischen Energieversorgung auf der Grundlage nur weniger Riesenkraftwerke. Die Organisation der Elektrizit√§tsunternehmer sollte das belieferte Gebiet bedecken ‚Äď "wie ein Spinnennetz: Von jedem Punkt soll eine gerade und gangbare Verbindung zur Mitte f√ľhren."[9] Rathenau selbst versuchte seinen Vorgaben gem√§√ü zu handeln. Im Rahmen seiner unternehmerischen Aktivit√§ten forcierte er vertikale und horizontale Fusionen von Betrieben. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges befand sich die AEG im Zentrum eines vernetzten Systems von Produktions-, Versorgungs- und Finanzierungseinheiten wie zum Beispiel den Berliner Elektrizit√§tswerken, der Berliner Handelsgesellschaft und der Bank f√ľr Elektrische Unternehmen in Z√ľrich. Im Weltkrieg konnte Rathenau seine F√§higkeiten auf h√∂chster Ebene zur Verf√ľgung stellen. Im Jahr 1914 begann er mit dem Aufbau der Kriegsrohstoffabteilung im preu√üischen Kriegsministerium.

Die verschiedenen Grund√ľberzeugungen des technokratischen Denkens, die sich zu Rathenaus Zeiten in den F√ľhrungsetagen der modernen Industriezweige etablierten, vermochte Rathenau jedoch nicht aus vollem Herzen zu teilen. Dazu hatte er sich bereits zu sehr mit grundlegenden philosophischen und kulturkritischen Fragestellungen befasst. Er war √ľberzeugt, dass die menschliche Seele angesichts des wachsenden technologischen Determinismus, der technikbedingt zunehmenden Systematisierung und Kontrolle in den menschlichen Beziehungsabl√§ufen zu kurz kommen m√ľsse. Wie sehr er menschliche Beziehungen und Rituale durch die Mechanisierung gef√§hrdet sah, brachte er etwa in seiner Parodie auf das moderne Bestattungswesen zum Ausdruck. Ausgangspunkt der Erz√§hlung war die Vorstellung, alle Begr√§bnisanlagen in den Vereinigten Staaten w√ľrden von der gigantischen "Resurrection Company" beherrscht. "Sie hat Exklusivrechte zur Herstellung, Montage und Betrieb s√§mtlicher Bestattungsvorrichtungen im Land. Dieses Riesenmonopol erm√∂glicht es den Menschen, genau so begraben zu werden, wie sie gelebt haben, n√§mlich im Zeichen der Massenproduktion. Das ‚Äď patentierte ‚Äď Begr√§bnisverfahren ist voll mechanisiert. Elektrokarren transportieren die Leichen in gleichm√§√üigem Tempo, w√§hrend aus einem M√ľnzlautsprecher Worte des Trostes aus dem Munde der ber√ľhmtesten Redner englischer Zunge ert√∂nen. Jede Phase des Begr√§bnisses ist zeitlich optimiert. ..."[10]

Die technokratische Bewegung in den USA und in Europa           [√úbersicht ]

Die Grundelemente des "social engineering" finden sich sehr ersch√∂pfend dargestellt im klassischen Programm der Technokratie, das mit dem Namen des amerikanischen √Ėkonomen und Soziologen Thorstein Veblen verkn√ľpft ist. In seinem 1921 in New York erschienenen Buch "The Engineer and the Price System" vertrat Veblen die These, dass das industrielle System im Gro√üen (nun) wie ein in Betrieb befindlicher Konzern gedeutet werden m√ľsse. Dessen Hauptagenten ‚Äď im wesentlichen die technisch-wissenschaftliche Intelligenz und die Manager ‚Äď m√ľssten daraus folgend nicht nur eine h√∂here gesellschaftliche Anerkennung erlangen, sondern auch angemessene, ja, die gr√∂√üte politische Macht zuerteilt bekommen.[11]

Nicht zuf√§llig erfuhr die erste technokratische Programmschrift ihre Ausformulierung in den USA. Nicht zuf√§llig fand die aufstrebende Technokratiebewegung in den Vereinigten Staaten ihren Ausgangspunkt. Die nach dem Ersten Weltkrieg zur Wirtschaftsmacht Nummer 1 aufgestiegenen USA wirkten f√ľr die √ľbrige Welt sehr bald als riesiges Laboratorium und Zukunftsforum.

Mit der Ver√∂ffentlichung seines Manifests war Veblen auch zum entscheidenden Impulsgeber des "technocratic movement" geworden. Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg hatte Veblen begonnen, der zu diesem Zeitpunkt als Professor an der New School for Social Research in New York wirkte, einen Kreis von Naturwissenschaftlern und Technikern um sich zu scharen. Ziel dieser Gruppe war es, gesellschaftliche Institutionen zu analysieren und das Modell einer rational organisierten Gesellschaft zu entwerfen. Einer der Mitdiskutanten in dieser Gruppe war der junge Howard Scott, der in der Folge zur Zentralfigur der amerikanischen Technokratiebewegung werden sollte. Mit der Gr√ľndung der "Technical Alliance" Anfang der 1920er Jahre ging Scott organisatorisch sehr bald eigene Wege. Scott und die "Technocrats" sahen ihre Aktivit√§ten in den Traditionslinien von Comte, der den Positivismus entscheidend gepr√§gt hatte, und von Leibnitz, der die Weltordnung als ein System von Differenzialgleichungen zu erfassen versucht hatte. "Die Technokratie ist eine Forschungsorganisation", sollte Howard Scott sp√§ter schreiben, "die 1920 gegr√ľndet wurde und aus Naturwissenschaftlern, Technikern, Physikern und Biochemikern besteht. Sie wurde in der Absicht gegr√ľndet, Daten √ľber das physikalische Funktionieren des sozialen Mechanismus in Nordamerika zu sammeln und in quantitativem Vergleich zu anderen Kontinenten die Verh√§ltnisse unseres Weltteils und die Gro√üartigkeit seiner Betriebsamkeit darzustellen. Ihre Methoden sind das Resultat einer synthetischen Zusammenfassung der physikalischen Wissenschaften, soweit sie sich auf die Bestimmung aller funktionellen Folgerungen aus sozialen Ph√§nomenen erstrecken."[12]

Die Technokraten der 20er und 30er Jahre interpretierten ihren Ansatz als eine "Wissenschaft vom sozialen K√∂rper", dessen Bewegungen auf Beziehungen me√übarer Gr√∂√üen zur√ľckgef√ľhrt werden sollten. Als konkrete Anliegen der Technokratiebewegung waren formuliert:
1. Schlechte Wirkungsgrade und Ressourcenverschwendung im bestehenden Wirtschaftssystem aufzudecken,
2. den Bedarf an Rohstoffen und Arbeitskraft abzuschätzen, der zur Sicherung eines bestimmten Lebensstandards erforderlich ist,
3. das bestehende Produktions- und Distributionssystem auf seine Funktionsweise zu untersuchen,
4. ein vollständiges Modell der Koordination von Produktion und Distribution auszuarbeiten.[13]

Im Verlaufe der Zwischenkriegszeit entstanden weitere technokratische Gesellschaften, die sich √ľber ganz Amerika verteilten. Die meisten schlossen sich der F√ľhrung der zwei rivalisierenden nationalen Organisationen in New York an, dem "Continental Comittee on Technocracy" (CCT) oder der "Technocracy Inc.". Sehr bald schwappte die technokratische Welle auch √ľber den Gro√üen Teich nach Europa. Die in Leipzig, Wien, Br√ľnn und Prag erscheinende Zeitschrift "Technokratie" trug im Untertitel ‚Äď analog zu Marx¬ī politischer Vorgabe "Proletarier aller L√§nder vereinigt euch!" ‚Äď die Worte: "Wissenschaftler, Techniker aller L√§nder, vereinigt euch!". Die Weltwirtschaftskrise, die von den Technokraten vorausgesagt worden war, verschaffte der Bewegung zu Beginn der 1930er Jahre einen zus√§tzlichen Aufwind. In Deutschland wurde 1932 die "Technokratische Union" ins Leben gerufen. An der technischen Abteilung der Columbia University in New York durfte Howard Scott mit einem Stab von drei Dutzend Technikern an Krisenbew√§ltigungsprogrammen und neuen Gesellschaftsverwaltungsmodellen Hand anlegen. Die Resonanz auf die technokratischen Konzepte war bereits so gro√ü, dass der "√Ėsterreichische Volkswirt", eine der damals f√ľhrenden Fachzeitschriften im deutschen Sprachraum, bereits von einer "Massenpsychose" sprach, die in den USA ausgel√∂st worden sei.[14] 

Eine der dr√§ngendsten Fragen, die von den Technokraten in den Vordergrund ger√ľckt wurde, war die der Bev√∂lkerungsentwicklung und ihrer Regulierung. Um den wachsenden Versorgungsanspr√ľchen gerecht werden zu k√∂nnen, pl√§dierten die Technokraten f√ľr eine "industrialisierte Landwirtschaft": "Landwirtschaft ist heute nichts mehr und nichts weniger, als angewandte Chemie, Physik und Biologie, eine enge Verbindung von Technik und Soziotechnik, eine spezifische Industrie, deren Aus√ľbung ... gro√üe praktische Vorbereitung und Erfahrung voraussetzt."[15] Nicht nur f√ľr den landwirtschaftlichen Bereich versuchten die Technokraten einen Zusammenhang zwischen Bev√∂lkerungstheorie und Energiehaushalt herzustellen. Sie suchten insgesamt nach einer "Symptomatologie" der Gesellschaft, die die "Formeln und kausalen Gesetzm√§√üigkeiten der Populationsbewegung und der Energiewirtschaft" erkennbar werden l√§sst, um so die "Struktur der Gesellschaft der Energiewirtschaft anzupassen." In der "Hochenergiewirtschaft" der Technokraten sollte die Nutzung der Atomkraft eine prominente Rolle spielen.[16] Als eine eindeutige Zielvorstellung war auch der Aufbau einer Planwirtschaft formuliert: "Die h√∂chste Aufgabe im modernen Forschen ist ..., die Grundlagen einer wissenschaftlichen Wirtschafts- und Bev√∂lkerungspolitik zu schaffen, also die Planwirtschaft und das Planleben zu erm√∂glichen."[17]

Die technokratisch organisierte Gesellschaft sollte auf zwei Funktionseinheiten basieren, n√§mlich auf den beiden Komplexen Industrie (s√§mtliche Industriezweige, Transport und Nachrichtenwesen) und Sozialaufgaben (Ausbildung, Gesundheit usw.). Dazu waren f√ľnf Spezialeinheiten geplant: Forschung, Social Relations, Armee, Luftkontrolle und Auslandsbeziehungen. Die Direktoren aller Einheiten sollten die "Continental Control" bilden, die auch den "Continental Director" zu bestimmen gehabt h√§tte.[18] An die Stelle des konventionellen Geldes sollten "Energie-Zertifikate" treten, die ‚Äď f√ľr eine Zwei-Jahres-Periode ausgegeben ‚Äď eine ann√§hernde Planung des Produktionszyklus erm√∂glichen sollten. Das verf√ľgbare Einkommen ‚Äď das f√ľr alle Gesellschaftsmitglieder eine einheitliche Gr√∂√üenordnung aufzuweisen gehabt h√§tte ‚Äď w√§re nach Abzug der Ausgaben f√ľr das Gemeinwesen zentral festgelegt worden. Ein zentrales Registriersystem sollte ferner alle Transaktionen festhalten, der Warenverkehr sollte so best√§ndig optimiert werden.[19] Als Basis der projektierten Energiew√§hrung waren allerdings nicht mehr Edelmetallbest√§nde, sondern die "Erzeugung eines Wirtschaftsgebietes" vorgesehen.[20]

Das menschliche Individuum kam in der Vorstellungswelt der Technokraten nur mehr als eine "Kraftmaschine" vor. Wesentlich waren die Begriffe der "Menschen√∂konomie", die sich mit der Einf√ľgung des Einzelwesens in die Gemeinschaft besch√§ftigte, und der "Soziotechnik", die als eine Technik des organisierten Menschenlebens aufgefasst wurde.[21] W√§hrend die Technokraten in den 1930er Jahren vielerorts noch von einer "Verbesserung der Rasseeigenschaften" mittels "eugenischer Beeinflussung" und von einer Verhinderung der Fortpflanzung "Minderwertiger" tr√§umten, machte sich der Verr√ľckte aus dem ober√∂sterreichischen Braunau bereits an die praktische Umsetzung der Vorschl√§ge, die ‚Äď nota bene ‚Äď den Kern "technokratischer Lebensplanung" bilden sollten. Eine perfekt organisierte Gesellschaft ist immer auch auf das perfekte Material "Mensch" angewiesen.[22] In der sicheren Gewissheit, dass die anstehenden Probleme weder demokratisch, noch von einer "Theokratie" noch von einer "technikfreien Juristokratie" gel√∂st werden k√∂nnten, pl√§dierten die Technokraten f√ľr eine "neue F√ľhrerrasse", die im Interesse des Bestandes der Zivilisation sich aus den "f√ľhrungsbef√§higten Wissenschaftlern und Technikern heranbilden" muss, und die sich rein an Verwaltungserfordernissen orientiert.[23]

Technokratie, Nationalsozialismus und Kommunismus                 [√úbersicht]

Die Kritik an den technokratischen Konzepten fiel dort, wo sie ge√ľbt wurde, heftig aus. Der "√Ėsterreichische Volkswirt" vermisste fundierte √∂konomische Kenntnisse bei den Technokraten; sie seien "trotz mehrmaliger Anmeldung ihrer diesbez√ľglichen Anspr√ľche noch immer nicht Lenker des amerikanischen Wirtschaftslebens geworden, sondern in sozialer Hinsicht v√∂llig verantwortungslose Naturwissenschaftler und Stubengelehrte geblieben ..., die mit der Gesellschaft hemmungslos experimentieren zu k√∂nnen glauben."[24] Die Zweifel am Gelingen einer gesamtgesellschaftlichen Steuerung waren sicher mehrfach begr√ľndet. Thematisiert wurden bei der Kritik an den Technokraten vor allem deren Demokratiefeindlichkeit oder die irrige Annahme, mit einer blo√üen verbalen Betonung des Gemeinwohls jede Sozialpolitik bereits ersetzen zu k√∂nnen. Es bleibt schwer vorstellbar, umfassende gesellschaftliche Probleme modellhaft so abzubilden, dass man alle M√∂glichkeiten ihrer Bew√§ltigung durchzuspielen vermag. "The best one way", den die Technokraten in ihren Konzepten postulierten, wird daher im Normalfall im Bereich der Illusionen bleiben.

"Als Gesellschaftsmodell war das Konzept der Technokraten unbrauchbar", urteilt Gisela Klein in ihrer differenzierten Einsch√§tzung, "auf die Produktions- und Distributionsindustrie hat es jedoch nachhaltig eingewirkt."[25] Aber nicht nur das: Obwohl die Technokratie in den Augen ihrer Proponenten weder eine N√§he zum Faschismus noch zum Kommunismus aufweisen sollte, waren die Ausstrahlungseffekte auf beide Systeme beachtlich. Burnham zeigt sich √ľberzeugt, dass das Konzept der totalen Gesellschaftsverwaltung in den totalit√§r regierten Staaten seine "Gehschule" gefunden hat, bevor es im Zuge des Geschehens des Zweiten Weltkrieges auch die demokratisch regierten L√§nder zu erfassen begann.[26] Karl Heinz Ludwig beschreibt in seiner Studie "Techniker und Ingenieure im Dritten Reich" die problematische Gesinnungslage der technischen Intelligenz in Deutschland, die eindeutige Parallelen zwischen soziotechnischen und faschistischen Denkmustern offenbart (z. B. Elitenkonzeption). Der Existenzialist Martin Heidegger war jener deutsche Philosoph, der in der NS-Zeit die gesellschaftliche Bedeutung der technologischen Entwicklung zu thematisieren begann. Dass er in der Epoche des Faschismus auf die Technologie stie√ü, war keineswegs zuf√§llig. Der historische Prozess verlief so, dass die gesellschaftlich formierende Kraft des Technologischen mit dem und im Faschistischen erstmals richtig sp√ľrbar wurde.[27] So h√§ufig sich das NS-Regime auf √ľberkommene Werthaltungen im Zusammenhang mit einer "Blut und Boden"-Gesinnung berief, so sehr setzte es in der Realit√§t auf die Errungenschaften eines modernen Technosystems. Die auf der Basis einer aggressiven Au√üenpolitik gedeihende Kriegsindustrie und die aus dem nationalen Autarkiestreben resultierende Ersatzstoffbewirtschaftung h√§tten auch gar keinen anderen Weg offen gelassen. Das Regime schaffte es, mit einer Perfektionierung der Arbeitswissenschaften und der Sozialplanung die betriebliche und gesamtgesellschaftliche Rationalisierung voranzutreiben. Zum Einsatz kamen dabei die neuesten Methoden der Menschenf√ľhrung und der Massenmanipulation. Der "Volksempf√§nger" sollte auch den entferntesten Winkel des Reiches f√ľr die Propagandatrommel des totalit√§ren Regimes erreichbar machen.[28]

In der Sowjetunion war die Durchdringung der Gesellschaft mit technokratischen Strukturelementen nicht weniger stark gegeben. Die UdSSR war in den Prozess der Industrialisierung hineingegangen, ohne auch nur ann√§hernd √ľber ausreichendes F√ľhrungspersonal zu verf√ľgen. In personeller Hinsicht begann sie den Aufbau der Industrie gleichsam vom Nullpunkt aus, als 1928 der erste F√ľnfjahresplan anlief. Die Ausbildung von Technikern hatte in der Phase von Stalins Industrialisierungsprogramm klaren Vorrang gegen√ľber der Herausbildung von Wirtschaftsfachleuten oder Juristen. Zahlenm√§√üig stieg die Diplomierung fertiger Ingenieure von 11.000 im Jahr 1928 auf 54.000 im Jahre 1954 an. Bereits Mitte der 1950er Jahre war die UdSSR mit der Zahl ihrer technischen Fachleute an den Technikerbestand in den USA herangekommen. Der technokratische Funktion√§rstyp, der die Sowjetgesellschaft so nachhaltig pr√§gen sollte, war somit ein eindeutiges Produkt der Politik Stalins.[29]

Die Ideologie der Technokratie nach 1945                                  [√úbersicht]

Die urspr√ľngliche technokratische Intention kann heute mit Sicherheit als gescheitert angesehen werden. Aber, und hier ist J√ľrgen Habermas zuzustimmen, sie dient noch immer als Ideologie f√ľr die an technischen Aufgaben ausgerichtete Politik. Und diese Ideologie tr√§gt "gewisse Entwicklungstendenzen, die zu einer schleichenden Erosion dessen, was wir institutioneller Rahmen genannt haben, f√ľhren k√∂nnen. Die manifeste Herrschaft des autoritativen Staates weicht den manipulativen Zw√§ngen der technisch-operativen Verwaltung."[30] Der Prozess einer "Rationalisierung von oben" l√§sst sich nach Habermas bis zu jenem Punkt verfolgen, "an dem Technik und Wissenschaft selber in der Gestalt eines positivistischen Gemeinbewusstseins ‚Äď und als technokratisches Bewusstsein artikuliert ‚Äď den Stellenwert einer Ersatzideologie f√ľr die abgebauten b√ľrgerlichen Ideologien zu √ľbernehmen beginnen."[31] Eine Immunisierung der technokratischen Hintergrundideologie gegen etwaige Infragestellungen l√§sst sich aber nur um den Preis einer Entpolitisierung der Masse der Bev√∂lkerung aufrecht erhalten.[32] Dort, wo die technischen Sachzw√§nge und die Vorgaben der Verwaltung √ľberwiegen, muss Politik sinnlos erscheinen.

Ideologien beziehen sich einerseits auf den Versuch, objektiven Tatsachen eine ganz bestimmte Deutung zu geben, andererseits auf Zielsetzungen, die sowohl die gesamte Gesellschaft als auch ihre Teilbereiche erfassen. Kurz zusammengefasst können Ideologien als Gedankengebilde bezeichnet werden, "die neben echten wissenschaftlichen Einsichten ... Bewertungen, Normen, Handlungsappelle und Zukunftsprophezeiungen enthalten, denen das Mäntelchen theoretischer Einsicht umgehängt wird."[33] Dieser Aspekt wird deshalb so hervorzuheben sein, da die Technokratie in der gegenwärtigen westlichen Kultur unzweifelhaft noch immer als Ideologie verankert ist. Typologisch lässt sich dieses Technokratentum anhand folgender Behauptungen charakterisieren:
1. Es gibt keine originären gesellschaftlichen Entscheidungen und Handlungen, sondern nur den Nachvollzug von Sachgesetzlichkeiten.
2. √úber die wechselseitige Internalisierung von Rollenerwartungen hinausgehend sind Subjekte aus der Selbstdeutung moderner Gesellschaften verbannt.
3. Ethik und Politik lassen sich auf "Technik" reduzieren.
4. Die effektive Technik hat die reflexive und deshalb "langsame" Aufkl√§rung √ľberholt.

So zugespitzt charakterisiert wird eine Theorie des Technokratentums nur ausnahmsweise vertreten, ist dieselbe doch dem latenten Verdacht der Selbstwiderspr√ľchlichkeit ausgesetzt, da eine unterstellte Richtigkeit des Technokratentums eine zugeh√∂rige Theorie in praktischer Hinsicht obsolet macht. Deshalb handelt es sich im Normalfall um eine Position, die von Personen der (sogenannten) Praxis in Politik und Wirtschaft einfach als wahr akzeptiert wird. Insofern hat die technokratische Ideologie f√ľr Praktiker und Praktikerinnen h√§ufig auch die Funktion, eingespielte Gewohnheiten als unab√§nderlich zu rechtfertigen.[34]

Die soziale Rolle und Wirksamkeit der Technokratie-Ideologie kann aber auch in Analogie zur "selffullfilling prophecy" beschrieben werden: "Als Darstellung einer nicht existierenden, aber von 'Technikern' gew√ľnschten Gesellschaft und als eine von Politikern, W√§hlern und Technokraten f√ľr wahr gehaltenen Beschreibung gegenw√§rtiger politischer Verh√§ltnisse ver√§ndert und beeinflusst sie die gegebenen Machtverh√§ltnisse zugunsten der Technokraten. Die Einf√ľhrung und Verbreitung der Technokratie-Hypothese tr√§gt entschieden zur Ausweitung der technokratischen Tendenzen bei. Ihr wirksamstes Instrument in der politischen Auseinandersetzung ist die Behauptung, politische Probleme ohne Ideologie zu behandeln und zu l√∂sen. Aber genau durch diese Unterstellung verr√§t sie sich als politische Ideologie: Wer vorgibt, politische Probleme ohne Ideologie zu behandeln, zeigt durch diesen Anspruch ... dass er selbst die herrschende, die technokratische Ideologie angenommen hat."[35]

In der Zeit nach 1945 hat der Technokratiebegriff eine weitere Qualit√§t hinzugewonnen. Mit dem Terminus der Technokratie kann der Gesamtzustand der Gesellschaft skizziert werden, der Zustand einer erstarrten, nach festgef√ľgten Regeln funktionierenden, auf maximale Effizienz angewiesenen Gesellschaft. Der Technokratiebegriff versucht das zu umschreiben, was Adorno als "verwaltete Welt" bezeichnet hat und was Habermas den Drang nach "Erweiterung unserer technischen Verf√ľgungsgewalt um jeden Preis" nennt.[36] Die in den 1960er Jahren einsetzende Technokratiedebatte versuchte den neuen strukturellen Gegebenheiten in Wirtschaft und Gesellschaft auf den Grund zu gehen. Ausl√∂ser dieser Diskussion war Helmut Schelkys 1961 erstmals ver√∂ffentlichte Apotheose des technologischen Determinismus "Der Mensch in der technischen Zivilisation".[37] Schelsky richtete seinen Blick auf die hochkomplizierten Sachgesetzlichkeiten des techno√∂konomischen Systems, die bei politischen Aufgaben angeblich alternativlose L√∂sungen vorschreiben: "Anstelle der politischen Normen und Gesetze (treten) Sachgesetzlichkeiten der wissenschaftlich technischen Zivilisation, die nicht als politische Entscheidungen setzbar und als Gesinnungs- oder Weltanschauungsnormen verstehbar sind. Damit verliert auch die Idee der Demokratie sozusagen ihre klassische Substanz: An die Stelle eines politischen Volkswillens tritt die Sachgesetzlichkeit, die der Mensch als Wissenschaft und Arbeit selbst produziert."[38] Analog zu dieser Hauptthese entwickelte Schelsky weitere Gedankeng√§nge, die sich wie folgt zusammenfassen lassen:
1. Staat und Technik durchdringen einander zum technischen Staat.
2. Weil im technischen Staat die Mittel die Ziele bestimmen, weil alleiniges Ziel die Perfektionierung der Mittel ist, wird Herrschaft durch Sachzwang ersetzt.
3. Wenn Sachgesetzlichkeiten die Herrschaft von Menschen √ľber Menschen ersetzen, bedeutet Technokratie nicht l√§nger die Herrschaft der Techniker, sondern Herrschaft des technischen Sachzwanges, dem auch die Experten unterliegen.
4. In der technischen Konstruktion k√ľnstlicher Realit√§t entwickelt der Mensch ein neues Verh√§ltnis zur Welt.
5. In dieser gemachten, artifiziellen, technischen Welt hat der Mensch keine M√∂glichkeit mehr, Ziele zu setzen, die √ľber die technischen Mittel hinausreichen, da er sich in der Produktion von Wissenschaft und Technik selbst als technischer Mensch reproduziert.[39]
6. Die Fundamente der Legitimität haben sich grundlegend gewandelt, da die moderne Technik keinerlei Legitimität bedarf. Die Technik allein leistet die entscheidenden Vorgaben, "wenn sie funktioniert und so lange sie optimal funktioniert".[40]

Auf Schelskys These von der Eigengesetzlichkeit des technischen Fortschritts folgten heftige Reaktionen. J√ľrgen Habermas warf Schelsky vor, mit der Betonung des immanenten Sachzwanges verf√ľgbarer Technologien die Interessenkonstellationen, die ja in der Gesellschaft nach wie vor gegeben seien, zu verschleiern. Und Otto Hortleder urteilte: "Die Faszination und die Gef√§hrlichkeit dieses Denkmodells liegt in seinen Irrt√ľmern. Schelskys resignativer Beitrag zur modernen Kulturkritik sagt uns nichts √ľber die gesellschaftliche Wirklichkeit, er ist mehr einer der konsequentesten Entw√ľrfe zur Flucht aus dieser Wirklichkeit. F√ľr den Einzelnen bleibt keine Einflusssph√§re, die M√∂glichkeiten individuellen Versagens werden geleugnet, Entscheidungen √ľberfl√ľssig ... . Schelsky gibt sich nicht mehr mit dem zweifellos bescheidenen Anspruch zufrieden, das zu beschreiben, was ohnehin geschieht; er liefert die Rechtfertigung, warum es nur so und gar nicht anders sein kann, gleich mit."[41] W√§hrend Schelsky also die Entwicklung so gedeutet hatte, als kapituliere die Politik vor dem technischen Sachzwang, reklamierten kritische Beobachter umgekehrt die demokratische Souver√§nit√§t der Forschungs- und Technologiepolitik und deren gezielte Anbindung an menschliche Bed√ľrfnisse und gesellschaftliche Werte.

Die soziale Realit√§t hat die Grenzen des Erkl√§rungsmodells Schelskys bereits gezeigt. Gegen die Erfassung und Durchdringung s√§mtlicher Lebensbereiche durch technische Gro√üsysteme, gegen die wachsenden Risken der Technologieentwicklung hat sich in den vergangenen Jahren ein zunehmend wachsender sozialer Widerstand formiert. Keineswegs ist es so, dass eine √ľber technische Vorgaben vermittelte "Tugend der Anpassung" rundweg gesellschaftliche Akzeptanz findet. Die Fernsehbilder zu den Auseinandersetzungen um die Atomm√ľlltransporte in Deutschland sind zweifellos in lebhafter Erinnerung. Die Kritik richtet sich heute vor allem gegen den Glauben, dass technische Machbarkeit und mathematische Berechenbarkeit Garanten f√ľr die Kontrollierbarkeit von Prozessen darstellen, und gegen die Annahme, dass von einer Zuverl√§ssigkeit von Modellen, und seien sie am Hochleistungscomputer erzeugt, ausgegangen werden kann.[42]

Die Technokratiedebatte ist aber noch keineswegs an ihrem Schlusspunkt angelangt. James Burnhams Prognose, nach der die Gesellschaft zunehmend von einer Managerelite in Wirtschaft und Politik verwaltet werden wird, hat sich als durchaus richtig herausgestellt. In dem Bestreben, die gesamte Gesellschaft auf Perfektion zu trimmen, auf "immer schneller, immer h√∂her, immer besser" auszurichten, um sie damit auf einen Hochleistungspfad zu bringen, wird heute allerdings nicht mehr auf die Rezepte der Technokraten der Zwischenkriegszeit zur√ľckgegriffen. Gegenw√§rtig soll das Wirken der Marktkr√§fte als impulsgebendes Moment auf allen Ebenen genutzt werden. Gesellschaftsverwalter ‚Äď  darunter Betriebswirte und Wirtschaftsingenieure in noch nie da gewesener Anzahl ‚Äď, etabliert in demokratisch nicht legitimierten Institutionen, sorgen in der globalisierten Welt daf√ľr, dass niemand und kein Bereich vom kalten Wasser des durch Monopole und Oligopole kapitalistisch verzerrten Wettbewerbs verschont wird. Aber allein die Schlagworte, die den "neoliberalen" Umbau der Welt zur Jahrtausendwende begleiten, verraten sie.

Auf der Suche nach den Wurzeln des heute so h√§ufig strapazierten Begriffs "Flexibilit√§t" etwa wird deutlich, dass diese Wortsch√∂pfung sich urspr√ľnglich auf Materialien bezog, die sich "flektieren", das hei√üt biegen oder beugen lassen bzw. geschmeidig sind. Erst im 20. Jahrhundert wurde der Begriff auf den Menschen √ľbertragen ‚Äď im Sinne von "anpassungsf√§hig" und "wendig". Es zeigt sich also, dass auf eigent√ľmliche sprachliche Weise die √úbertragung von Eigenschaften der Materie auf den Menschen stattgefunden hat.[43] "'Flexibilit√§t' ist das Zauberwort des globalen Kapitalismus. Nicht nur Unternehmer, auch der Arbeitnehmer muss st√§ndig bereit sein f√ľr Ver√§nderungen, muss immer aufs Neue wagen und gewinnen ... Wo nur das immer Neue gefragt ist und keine Routine entstehen darf, werden langfristige Bindungen unm√∂glich. Beruf, Wohnort, soziale Stellung, Familie, alles ist den zuf√§lligen Anforderungen des Wirtschaftslebens unterworfen, das eigene Leben wird zum ziellosen und undurchschaubaren St√ľckwerk. Nicht Freiheit ist also das Ergebnis, sondern ein tiefes Gef√ľhl der Ohnmacht, der Isolation und der Sinnlosigkeit."[44] "Flexibilit√§t" wird heute als normatives Produktionserfordernis durchgesetzt. Echte Individualit√§t und Authentizit√§t werden unter diesen Bedingungen zum Verschwinden gebracht: "Ein flexibles Individuum entscheidet nicht dar√ľber, was es sein oder nicht sein will. Ein flexibles Individuum flektiert ..." und sonst nichts![45]

Kapitalkonzentration und Technokratie                                       [√úbersicht]

Bei alledem sollte nicht au√üer Acht gelassen werden, dass die "technologische Formation" (Heinz H√ľlsmann) der Gesellschaft ‚Äď so wie sie in der Neuzeit erkennbar wird ‚Äď auch etwas mit √Ėkonomie, i. e. S. etwas mit den Kapitalverwertungsbedingungen zu tun hat. Sie hat damit mehr zu tun als in bisherigen Diskursen √ľber die Technokratie gesehen wurde.

Otto Ullrich weist auf den Zusammenhang von "√∂konomischer Vernunft" (Logik des Kapitals) und "instrumenteller Vernunft" (naturwissenschaftliche Logik) hin und bezeichnet ihn als "strukturelle Affinit√§t", womit gemeint ist, "dass beide Bereiche zur vollen Entfaltung ihrer eigenen Logik den jeweils anderen Bereich ben√∂tigen und suchen."[46] Der technologische Sektor alleine kann also nie f√ľr einen Modernisierungsschub ma√ügeblich sein. Eine Ideologie wie die des Technokratentums h√§ngt damit nicht in einem luftleeren Raum ‚Äď sie hat eine beinharte materielle Grundlage. Es ist davon auszugehen, dass die Anspr√ľche des Kapitals auf jedem neu erreichten Produktionsniveau nur mit Hilfe der Wissenschaft befriedigt werden k√∂nnen. "Dazu muss die Ingenieurwissenschaft nicht gezwungen werden, sie ist von sich aus daran interessiert, die Perfektion der Maschinen zu erh√∂hen und neu entdeckte Prozesse in Industrieapparaturen zu vergegenst√§ndlichen."[47] √Ėkonomische Akkumulationsorientiertheit, technologischer Fortschritt und Ideologie h√§ngen damit eng zusammen ‚Äď wobei entsprechend den Bedingungen des modernen Finanzkapitalismus dem Geld eine Schl√ľsselrolle zuf√§llt.

Die Realit√§t der Wirtschaft entspricht nicht nur deshalb nicht der klassischen Idee der "vollkommenen Konkurrenz", weil sie kein mechanisches Uhrwerk ist, als das die (neo-) klassischen √Ėkonomen sie f√§lschlicherweise ansahen. Hinzu kommt, dass das universal liquide und damit auch flexible Geld die strukturelle Macht hat, die Tausch- und Kreditbeziehungen zeitweise als "passive Nachfrage" zu blockieren oder sich durch den Zins und Zinseszins tendenziell bis ins Unendliche zu vermehren, so dass sich durch die Wiederanlage der wachsenden Geldverm√∂gen auch die Realkapitalien marktbeschr√§nkend in den H√§nden von Gro√üunternehmen konzentrieren. Aufgrund seiner (potenziell) zeitweisen Passivit√§t und seines Ausweichens in die Spekulation und auch aufgrund seiner Tendenz zur Geld- und Sachkapitalkonzentration erf√ľllt das Geld seine Aufgaben als Informations√ľbertragungsmittel der M√§rkte nur sehr unzureichend, so dass neben dem vermeintlichen "Preismechanismus" sowohl in der Privatwirtschaft als auch beim Staat ein gro√üer Bedarf an b√ľrokratischer Regelung entsteht, die sich auch mit Informations- und Kommunikationstechnologien nur unzureichend bew√§ltigen l√§sst. So erweist sich die Technokratie letztlich auch als ein von der strukturellen Macht des Geldes beg√ľnstigter Bestandteil eines marktwirtschaftlichen Prinzipien abholden Monopolkapitalismus. Dieser untergr√§bt sowohl die Freiheit als auch die Demokratie als die beiden Grundwerte der westlichen Moderne, was die Frage nach einer "anderen Moderne" aufwirft, in der sich Freiheit und Demokratie besser entfalten k√∂nnen.

Suche nach einer anderen Moderne                                              [√úbersicht]

Der √∂sterreichische National√∂konom Leopold Kohr [48] differenziert in seiner Analyse der Herausbildung des modernen Wirtschaftssystems zwischen drei unterschiedlichen historischen Entwicklungsstufen. Die erste Stufe, das vorindustrielle Zeitalter, war im Wesentlichen von landwirtschaftlichen Zyklen bestimmt. Die Probleme, die sich daraus ergaben, waren zwar vorhersehbar, aber schwer l√∂sbar. Die Bevorratung von Lebensmitteln reichte oft nicht, Hungersn√∂te zu verhindern. In der zweiten Stufe, in der Phase der sich ausbreitenden Industrialisierung, waren die Betriebseinheiten noch nicht besonders gro√ü, Schwankungen der Wirtschaft hielten sich in Grenzen. In dieser Phase kam das Motto auf: Die √∂konomischen Abl√§ufe dem freien Spiel der Marktkr√§fte √ľberlassen! Die dritte Entwicklungsstufe war von der wachsenden Gr√∂√üe sozialer Einheiten gepr√§gt und von zunehmenden Ungleichgewichten im sozio√∂konomischen Geschehen. In dieser Phase ‚Äď von Wirtschaftshistorikern h√§ufig als "organisierter Kapitalismus" bezeichnet ‚Äď setzte ein verst√§rkter staatlicher Interventionismus ein. Die Lenkungsma√ünahmen f√ľhrten zu einer Entgrenzung des √∂konomischen Sektors, damit zu neuen Problemen (etwa vermehrten Steuerungsschwierigkeiten), hinter denen die staatliche Lenkung aber zusehends hinterher zu hinken begann. In dieser Situation befinden wir uns im Wesentlichen heute.

Die Bew√§ltigungsans√§tze, die diese Krisensituation zum Ausgangspunkt haben, sind sehr unterschiedlich gelagert. Der sogenannte Neoliberalismus pl√§diert f√ľr eine R√ľckbesinnung auf die Marktkr√§fte. Was mit √∂ffentlichem Zutun nicht gel√∂st werden kann, soll das freie Spiel von Angebot und Nachfrage erledigen ‚Äď lautet die verbreitete Hoffnung. Der Nachweis allerdings, dass mit der Hinwendung zu marktpopulistischen L√∂sungsmodellen tats√§chlich in irgendeinem Bereich etwas verbessert werden konnte, wurde bisher nicht erbracht. Die zunehmende Krisenhaftigkeit und Unsicherheit in allen Teilen der Welt, das sich verst√§rkende soziale Vakuum, die Einschr√§nkung der Handlungsm√∂glichkeiten des einzelnen usw. bergen nicht zuletzt die Gefahr in sich, einem neuen Irrationalismus Vorschub zu leisten.

Unter anderen hat Hans Jonas in seinem Buch "Das Prinzip Verantwortung" darauf hingewiesen, dass Krisenzeiten immer auch Zeiten sind, in denen sich Ersatzwissen und Aberglauben besonders rasch verbreiten.[49] Dem in den letzten Jahren immer erkennbarer gewordenen Zusammenhang von √Ėkologiedebatte einerseits und antirationalistischer, vermeintlich ganzheitlicher "New Age"-Szene andererseits bedarf daher einer uneingeschr√§nkten analytischen Aufmerksamkeit. Als besonders popul√§rer Theoretiker einer esoterisch angehauchten Alternativstr√∂mung gilt Fritjof Capra mit seinen "Bausteinen f√ľr ein neues Weltbild".[50] Capra sieht den Weg einer allgemeinen Erl√∂sung in der Hinwendung zu einem "ganzheitlich- √∂kologischen" Denken, wobei er Konzepte alter Mystiker den "mechanistischen" Vorstellungen Descartes‚Äė und Newtons gegen√ľberstellt. Die heutigen Krisenerscheinungen, von der Arbeitslosenentwicklung √ľber die zunehmende Knappheit von Energieressourcen bis zur Umweltzerst√∂rung sind f√ľr Capra ausschlie√ülich die Folgen der mechanistischen Begrifflichkeit, die durch ein neues Weltbild zu ersetzen sei. Capras Welterl√∂sungsmodell ist ein √§u√üerst gelungenes Beispiel f√ľr den extremen Ausdruck eines subjektivistischen "New Age"-Bewusstseins, das in der √Ąnderung der privaten Gesinnung vor allem der Wert- und Funktionseliten der Gesellschaft automatisch eine L√∂sung der Weltprobleme sieht. Durch eine neue Sicht der Dinge soll sich angeblich die Wirklichkeit ver√§ndern. Die Beimessung eines solch hohen Stellenwertes, den das "Private" bei Capra erh√§lt, f√ľhrt zwangsl√§ufig dazu, dass differenzierte √úberlegungen zu einer Einzelfallbeurteilung oder zu einer Technikfolgenabsch√§tzung im √∂ffentlichen Raum in seinem Konzept keinen Platz erhalten.

Capras Werk zeigt auch exemplarisch, wie stark heute die Termini "√∂kologisch", "ganzheitlich" und "neu" miteinander in Verbindung gebracht werden. Das zu schaffende "ganzheitliche Naturverst√§ndnis" stellt Capra als ein neues Paradigma vor, das als "antireduktionistisch" zu begreifen sei. In diesem Punkt ist Capra inhaltlich ebenfalls nicht √ľberzeugend: Nicht nur, dass er den Paradigmenbegriff leichtfertig verwendet, auffallend bleibt, dass ein Autor, der gegen den naturwissenschaftlichen Reduktionismus angetreten war, mit seiner Kombination von fern√∂stlicher Religion und Quantenphysik beliebig verf√§hrt und damit selbst auf abenteuerliche Abwege ger√§t, die letztlich nur in eine andere Form des Reduktionismus hineinf√ľhren k√∂nnen.

Gegen√ľber allen Mystifizierungsversuchen und gegen√ľber allen Ans√§tzen einer Verbindung von √Ėkologie und Ganzheitlichkeit muss festgestellt werden, dass die √Ėkologie eine ganz normale wissenschaftliche Unterdisziplin der Biologie darstellt, welche die Beziehungen zwischen Lebewesen und ihrer jeweiligen Umwelt untersucht. Ob die √Ėkologie √ľberhaupt sinnvollerweise mit dem Terminus der Ganzheitlichkeit konnotiert werden kann, muss bei n√ľchterner Betrachtung als sehr fragw√ľrdig angesehen werden. Als wissenschaftliche Disziplin arbeitet der Bereich der √Ėkologie mit dem Versuch, Umweltverh√§ltnisse zu operationalisieren, genau so wie andere Wissenschaften mit theoretischen Ans√§tzen, Modellen und begrifflich abgeleiteten Erschlie√üungen der Wirklichkeit. Mit ganzheitlichem "New Age"-Gemurmel hat die √Ėkologie als Wissenschaft in keiner Weise etwas zu tun.[51]

Capras Werk ist nicht zuletzt ein herausragendes Beispiel f√ľr eine Grundhaltung, in der die Kritik an der technischen Zivilisation eine r√ľckw√§rts gewandte Schlagseite bekommt. Aus den Inhalten zahlreicher popul√§rer und halbpopul√§rer Darstellungen, in denen die Umweltver√§nderungen, die kulturelle √úberformung der Lebenswelt durch die kapitalistische Rationalit√§t und durch die Formen moderner Technik beklagt werden, l√§sst sich sehr h√§ufig eine ganz bestimmte Tendenz herauslesen: Das Heil sei nur in einer R√ľckkehr zu einer historischen Wegscheide zu sehen, an der die Wiederherstellung geschlossener, identischer sozialer Strukturen m√∂glich wird. Man braucht nicht lange herumzur√§tseln, ob damit etwas anderes als die vormoderne Epoche gemeint ist, in der angeblich noch eine "organische" Einheit von Natur und Mensch, von Individuum und Gemeinschaft bestanden habe.

Herbert Gruhl war einer der ersten innerhalb des "umweltengagierten" Spektrums, der die Effekte der Modernisierung unter dem Blickwinkel eines konservativen Zivilisationskritikers beschrieb. Das Hauptmerkmal des neoromantisch-konservativen Denkens ‚Äď wie ich es hier bezeichnen m√∂chte ‚Äď ergibt sich daraus, dass nicht nur die Sorge um den Weiterbestand der Umwelt und ihrer Ressourcen formuliert wird, sondern dass mehr oder minder nahtlos in "kulturkritische" Argumentationsmuster √ľbergegangen wird. Hauptangriffsziel dabei ist auffallend h√§ufig die "Masse". Als Konsequenzen der zunehmenden "Vermassung" seien die Chancen zur Entfaltung der Pers√∂nlichkeit gesunken. Die Individuen w√ľrden zu unselbst√§ndigen Gliedern des Industriesystems, zu au√üengeleiteten und eindimensional ausgerichteten Spezialisten, wobei zudem die Lebenswelt des Menschen einem rapiden √§sthetischen Verfall ausgesetzt sei.

Entscheidend ist in dieser Argumentation, dass "Masse" immer nur die anderen sein k√∂nnen. Nur wer dem Glauben anh√§ngt, dass er der Masse nicht zugeh√∂rig ist, kann Kritik an ihr √ľben. Doch gerade diese Position wird durch den Prozess der Fortentwicklung der Massengesellschaft zunehmend unglaubw√ľrdiger, absurder. Sp√§testens wenn der Zivilisationskritiker zur Kenntnis nehmen muss, dass er selbst auch nur ein Teil der Masse ist, muss er seine Einw√§nde aufgeben oder zu einer ausweglosen Selbstkritik √ľbergehen.[52] Da eine solche Selbstreflexion im Normalfall unterbleibt, ist der √úbergang in autorit√§re Denkgebilde zumeist eine logische Konsequenz. Die von "falschen Bed√ľrfnissen" geplagte Masse soll wieder "regierbar" gemacht werden. Es ist auff√§llig, wie viele Propheten einer "Wendezeit" das Heil nicht von der Lernf√§higkeit und der Einsicht der Gesellschaft, sondern wieder vom Handeln einer Elite abh√§ngig machen wollen. Der ins √∂koautorit√§re Lager abgedriftete Philosoph Rudolf Bahro pl√§dierte in seiner Schrift "Logik der Rettung" f√ľr ein "anderes, neues 1933" und f√ľr ein charismatisches "F√ľhrertum"! "N√∂tig w√§re ein Mann", schreibt er, "der Gerechtigkeitsempfinden, N√§chstenliebe und Mut besitzt. Er m√ľsste Diktator sein, um Reformen durchzusetzen, die demokratischen Systeme bieten keinerlei Hoffnung mehr."[53] In einem "Spiegel"-Interview wurde Fritjof Capra im Jahre 1984 von seinen Gespr√§chspartnern gefragt: "In s√§mtlichen modernen Gesellschaftsentw√ľrfen steht der handelnde Mensch im Mittelpunkt. Die Geschichte wird von den Menschen gemacht ... . Bei ihnen aber soll sich der Mensch unterordnen unter die m√§chtigen Gesetzesstrukturen der Natur und des Kosmos." Capras kurze Antwort: "Da haben sie mich richtig verstanden."[54] 

Auf dem ersten internationalen Kongress zum Thema "Ganzheitliches Management" in Salzburg 1990 lie√ü einer der Hauptvortragenden, ein √∂sterreichischer Spitzenmanager, die Katze aus dem Sack: "Eine ganzheitliche Lebensf√ľhrung," so meinte er, "setzt die Akzeptanz einer h√∂chsten Autorit√§t voraus. Vor dieser muss alles verantwortet werden k√∂nnen."[55] Nicht immer sind die Bekenntnisse derartig offenherzig. Die Methoden der Menschenf√ľhrung und der Psychotechnik sind heute weit genug entwickelt, dass Herrschafts- und Machtanspr√ľche s√§uberlich verschleiert werden k√∂nnen. Die Esoterik-P√§pstin Marilyn Ferguson bringt es in ihrem Bestseller "Die sanfte Verschw√∂rung" so auf den Punkt: "Der beste F√ľhrer ist der, der das Verhalten der Menschen ver√§ndert, ohne dass sie es merken."[56]

Libert√§re Demokratie [57] statt Technokratie                               [ √úbersicht]

Kommen wir zum Abschluss der Diskussion zur Darstellung einiger Denkans√§tze, die sich sowohl jenseits eines vom technokratischen Fortschrittsglauben vorgegebenen Weges als auch jenseits einer Elitenbildung unter √∂ko-autorit√§rem Vorzeichen befinden. Das Problem liegt heute nicht darin, wie eine mit mehr oder weniger Zukunftsverantwortung ausgestattete Elite hervorgebracht werden kann, sondern darin, welche M√∂glichkeiten echten Lernens und Partizipierens in der Gesellschaft durchgesetzt werden k√∂nnen. Jede demokratische Entwicklung hat zur Voraussetzung, dass die Mitglieder der Gesellschaft uneingeschr√§nkt die Chance erhalten, nach und nach ihre Einsichten zu sammeln und gestalterisch in das soziale/√∂konomische Leben einzugreifen. Es hat zweifellos etwas mit der Zur√ľckeroberung des Primats der Politik zu tun, wenn die √∂konomische und politische Macht aus der Konzentration in den H√§nden einer Minderheit auf alle umverteilt wird. Die Ausweitung und breite Streuung der politischen Kompetenzen sowie der Einflussm√∂glichkeiten auf alle Gesellschaftsmitglieder verhindert das Entstehen einer oligarchischen Herrschaftsform und schr√§nkt technokratische Tendenzen ein. Eine Politik der Teilhaberechte setzt an die Stelle von Machtkonzentration Organisationsformen der Selbstverwaltung, gepr√§gt von Pluralismus und Respekt gegen√ľber der Opposition. Bestehen als Hauptzielsetzungen dabei die demokratische Kontrolle des technischen Systems und ein allm√§hlicher √úbergang von lebensfeindlichen (Gro√ü-)Technologien zu "sanfteren" angepassten Technologien, so werden auch wohlstandsmindernde Effekte zu vermeiden sein. Das Konzept einer "Anderen Moderne" folgt nicht einer Technikfeindschaft, sondern der Hoffnung auf eine durchaus "moderne" herrschaftsfreie, demokratievertr√§gliche Technik.

Der Sozialwissenschaftler Gunter Gebauer f√ľhrt in seinem Beitrag zur Technokratie-Diskussion aus: "Es gibt nur eine bekannte politische Theorie, die konsequent und ohne theoretische Kompromisse die Idee des politischen Primats bei einer gleichzeitigen Anerkennung der "Techniker" verfolgt, und das ist ohne Zweifel nicht der Marxismus, der selbst mit einer eigenen Spielart der Technokratie zu k√§mpfen hat, sondern der Anarchismus oder 'libert√§re Sozialismus'. Seine Grundidee besteht darin, alle autorit√§ren Tendenzen aus den politischen und √∂konomischen Organisationsformen zu eliminieren; jede etatistische und technokratische Autorit√§t soll idealerweise ausgeschaltet werden. Politik und √Ėkonomie werden nach 'libert√§rer' Theorie vom Volk in eine Selbstverwaltung √ľbernommen; alle gesellschaftlichen Aufgaben, Funktionen, Pflichten werden an m√∂glichst alle B√ľrger delegiert. Die selbstverwaltete Gesellschaft wird vor einer neuerlichen Autorit√§tsbildung gesch√ľtzt, indem die Verwaltung sowie die politische und √∂konomische F√ľhrung durch Wahl eingesetzt wird und sp√§ter der M√∂glichkeit einer Abwahl ausgesetzt bleibt."[58]

Der libert√§re Sozialismus kann als ein "Befreiungsprogramm" begriffen werden, das dem Menschen eine entscheidende Grundlage daf√ľr liefert, sich aus seiner Verstrickung in Unterwerfungsideologien (z.B. Patriarchat) und Unterwerfungsordnungen (z.B. betriebliche Hierarchie) zu l√∂sen. In Anlehnung an Max Stirner w√§re so die Beziehung des Individuums zu seiner Lebenswelt als selbst bestimmbarer und eigenverantwortlich kreierbarer Bereich zu definieren.[59] Wird das "Ich" dem gem√§√ü als M√∂glichkeit ergriffen und entworfen, so kann die gefundene "eigene" Lebensform nicht mehr von anderen gestaltet oder als Maske f√ľr fremde Interessen missbraucht werden. Das libert√§re Programm setzt auf neue Interaktions- und Kommunikationsmuster, deren Grundlagen sich jenseits eines darwinistischen Gesellschaftsbildes befinden. Die Thesen vom "Kampf ums Dasein" und vom "survival of the fittest‚ÄĚ, die der Soziologe Herbert Spencer [60] popul√§r gemacht hatte, waren von Piotr A. Kropotkin in seinem Werk "Mutual Aid. A Factor of Evolution" bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts massiv relativiert worden.[61]  Nicht die "Gesetze des Dschungels‚ÄĚ sieht Kropotkin im Zentrum des gesellschaftlichen Zusammenlebens, sondern die "gegenseitige Hilfe". Die f√ľr alle lebendige Entwicklung notwendige Eigenschaft stellt die Soziabilit√§t dar. Sie tritt nach Kropotkin st√§rker in Erscheinung als der Selbsterhaltungstrieb. Die wesentliche Motivation f√ľr das menschliche Handeln liegt demnach in der Entfaltung der eigenen Individualit√§t, mehr aber noch im Streben nach gelungenen Beziehungen mit den Mitmenschen.

Hierbei stellt sich die naheliegende Frage nach dem Zusammenspiel der wirtschaftlichen Kr√§fte. Die wesentlichen √∂konomischen Theoretiker aus dem Spektrum des libert√§ren Sozialismus zeigen sich √ľberzeugt, dass es Alternativen innerhalb der Industriegesellschaft gibt, aber keine zu ihr. Das ist auch ein Punkt, der ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zu manchen Vertretern der liberalen Schule darstellt. Als ein Angeh√∂riger der ordoliberalen "Freiburger Schule" ging Alexander R√ľstow in den 1950er Jahren davon aus, dass eine "Dispersion wirtschaftlicher Macht" allein auf der Grundlage weitgestreuten Eigentums, ungehinderter Marktwirtschaft und Abwesenheit von Monopolen, Gro√übetrieben und staatlicher Kontrolle m√∂glich w√§re. Das Ideal, das R√ľstow vorschwebte, war eine dezentrale Republik von freien Kleinproduzenten. Im technischen Fortschritt sah er eine Gefahr f√ľr mittelst√§ndische Unternehmen, weil damit eine Beg√ľnstigung der industriellen Konzentration gegeben sei. R√ľstow trat daf√ľr ein, die Herausbildung von Gro√übetrieben grunds√§tzlich zu verhindern, alle Forschungsleistungen, die sich an den Bed√ľrfnissen einer kleinr√§umigen, kleinbetrieblichen Wirtschaftsstruktur ausrichten sollten, h√§tten sich ausschlie√ülich im Bereiche der √∂ffentlichen Hand zu vollziehen gehabt.[62]
 
Im libert√§ren Denken spielt die Idee des lokalen Wirtschaftens innerhalb dezentraler Strukturen ebenfalls eine wesentliche Rolle ‚Äď doch eben nicht nur. In der Programmatik des Syndikalismus aber auch bei anderen Theoretikern des libert√§ren Spektrums ist die Gestaltung eines herrschaftsfreien Raumes auch innerhalb des Rahmens einer industriell gepr√§gten √Ėkonomie vorstellbar. In seiner 1921 erstmals erschienenen Schrift "Die Neusch√∂pfung der Gesellschaft" pl√§dierte Pierre Ramus f√ľr den Aufbau eines Gildensozialismus.[63] Er meinte damit eine Wirtschaftsverfassung, innerhalb der der gesamte Produktionsmittelbestand einer Region von branchenm√§√üig gegliederten Selbstverwaltungsk√∂rpern √ľbernommen wird: Diese Selbstverwaltungsk√∂rper, Gilden genannt, stellen die Arbeitsmittel zur Verf√ľgung und sie sind "von unten" demokratisch kontrolliert. Als √∂konomische Hauptprinzipien sind in diesem Zusammenhang bei Ramus formuliert:
1. Innerhalb der Gesellschaft darf es keinerlei Monopolisierung von Arbeitsger√§ten, Grund und Boden, Rohmaterialien sowie allen, f√ľr jedes Individuum wichtigen Lebensmittel durch einzelne Personen geben.
2. Die Lebensbedingungen m√ľssen f√ľr s√§mtliche Gesellschaftsmitglieder so geartet sein, da√ü kein Individuum gen√∂tigt ist, sich einer anderen Person unter ausbeuterischen Bedingungen zur Verf√ľgung stellen zu m√ľssen.

Eine von Monopolen und Oligopolen befreite "Marktwirtschaft ohne Kapitalismus" mit Eigentumsanteilen f√ľr alle B√ľrgerinnen und B√ľrger setzt bei konsequenter Betrachtung auch eine Ver√§nderung der Geldordnung voraus, welche das bislang zinstragende Geld neutralisiert und die bisherige auf der Kapitalkonzentration beruhende "technologische Formation" der Gesellschaft dadurch in einem allm√§hlichen √úbergangsprozess zu einer st√§rker egalit√§ren Gesellschaft umformt.[64]

Da das Geld in der modernen Wirtschaftsgesellschaft das wichtigste Mittel der √∂konomischen Regulierung darstellt und zugleich alle Instrumente zur Abwicklung der Transaktionen einschlie√üt (M√ľnzen, Banknoten, Depots, Rechner, aber auch Verfahrensregeln, genormte Abl√§ufe und das zugeh√∂rige spezifische Wissen), ist der Zusammenhang von Technik und Gesellschaft in diesem Sektor evident wie sonst kaum irgendwo. Es ist das Geld, das den Austausch zwischen √∂konomisch handelnden Personen vermittelt, das die Informationsfindung und die Kommunikation erleichtert, das seiner √§u√üeren physischen Form nach alle Eigenschaften einer Technologie aufzuweisen hat. F√ľr den US-amerikanischen Gro√ütechnik-Kritiker Lewis Mumford ("The Myth of the Machine") ist eine Betrachtung der "Technologie Geld" ohne Bezugnahme auf seine Funktion als Herrschaftsmittel jedoch unvollst√§ndig. Er sieht im modernen Produktionsprozess die Umwandlung menschlicher Arbeit in abstrakte, gleichf√∂rmige Einheiten, "letztlich in Einheiten von Energie oder Geld ...". Geldkapital ist unendlich sammelbar, akkumulierbar, hortbar, es kennt keine biologischen Grenzen und es bewirkt wegen seiner Tendenz, Verm√∂genskonzentrationen zu f√∂rdern, ein Machtgef√§lle innerhalb der Gesellschaft. F√ľr Mumford ist das herk√∂mmliche Geld "... das gef√§hrlichste Halluzinogen des modernen Menschen".[65]

Aus diesen √úberlegungen ergibt sich die Forderung nach einem Geldwesen, das Knappheit und Unterversorgung im √∂konomischen Bereich √ľberwinden hilft, das aber auch einer √∂kologisch problematischen "Teufel-komm-raus"-Produktion einen Riegel vorschiebt. Dies entspr√§che einem Gelde, das seine Funktion als Herrschaftsmittel verloren hat und das keine durch die Zinswirkung herbeigef√ľhrten Verteilungsungerechtigkeiten mehr kennt. Auf der Suche nach einer solchen neuen Geldordnung werden die Konzepte eines Pierre-Joseph Proudhon [66] oder eines Silvio Gesell [67], die eine Angleichung von Warenwelt und Geldwesen anstrebten, besonders beachtlich sein. Geld, das wie die Ware einem "Alterungsprozess" (Dieter Suhr) unterworfen ist, indem es periodisch einen Teil seines Nennwertes einb√ľ√üt, wirkt einer Selbstvermehrung der gro√üen Verm√∂gen entgegen, die Verteilungsprobleme k√∂nnten so zumindest entsch√§rft werden. Dass bei solcherart verstetigter Konjunktur ein umweltvertr√§gliches Produktionsniveau erreichbar wird, daf√ľr sorgen der verminderte Rentabilit√§tsdruck, der sich aus dem "alternden Geld" ergibt, und der Umstand, dass Anleger unter den ver√§nderten Bedingungen zu wertbest√§ndigen Realinvestitionen tendieren werden. Unter diesen Umst√§nden wird die Wirtschaftlichkeit anstelle der Rentabilit√§t zum Hauptkriterium der √∂konomischen Vernunft. Hinzu kommt, dass nach den Vorstellungen Gesells auch der Boden und die Ressourcen nicht l√§nger der Verf√ľgung des anlagesuchenden Kapitals ausgeliefert sein sollen. Sie sollen vielmehr in gesellschaftliches Eigentum √ľbergehen, an dem entgeltliche Rechte zur privaten Nutzung ausgegeben werden. W√§hrend sich aus den Entgelten f√ľr die Nutzung von Ressourcen √∂kologische Investitionen finanzieren lassen, k√∂nnte aus den Entgelten f√ľr die Nutzung von Grundst√ľcken zu Wohn- und Arbeitszwecken eine soziale Grundsicherung finanziert werden.[68]

In √§hnlicher Weise wollen auch neuere Autoren wie G√ľnther Witzany ein gesellschaftliches Basiseinkommen an eine Bodenrechtsreform gekoppelt wissen. Das Privateigentum an Grund und Boden, dem nicht zu Unrecht beachtliche negative Auswirkungen zugeschrieben werden (Spekulationsobjekt; unkontrollierte Effekte von Bodenwertsteigerungen; Pachtzins als Monopoltribut, da der Boden ein unvermehrbares Gut darstellt) soll aufgel√∂st werden. Unter der Verwaltung des Grund und Bodens durch die √∂ffentliche Hand w√§ren √ľber den Weg der Pachteinnahmen von L√§ndern und Gemeinden die finanziellen Voraussetzungen geschaffen, ein Grundeinkommen ohne Arbeit sicherzustellen.[69]

Der programmatische Ansatz einer "egalit√§r materiellen Grundsicherung mit dem Status eines B√ľrgerrechts", der inzwischen auch von prominenten √Ėkonomen vertreten wird, ist von der Erwartung getragen, dass mit einer solchen Befreiung des Menschen von der Lohnarbeit dem Dasein unn√∂tige H√§rten genommen w√ľrden und dass die Herstellung eines neuen sozialen Klimas m√∂glich werde. Die L√∂sung des Einkommens von der Arbeitst√§tigkeit und das Beschreiten neuer Wege im Hinblick auf eine Subsistenzsicherung erweitern die Chancen auf eine friedliche Koexistenz zwischen technisch hoher Leistungsf√§higkeit und strukturell bedingter reduzierter Arbeitsnachfrage. Erst unter den Bedingungen, die ein "basic income" schaffen w√ľrde, wird die Technik zum Helfer des Menschen, da sie ihn von der Arbeit entlastet und ihn nicht mit der Sorge um seine Existenz belastet. Menschen werden nicht mehr gezwungen, um jeden Preis in einem Unternehmen t√§tig zu sein, in dem sie nur einen Bruchteil dessen bekommen, was sie f√ľr den Betrieb tats√§chlich erarbeiten. Die Subventionierung verlusttr√§chtiger Unternehmen w√ľrde √ľberfl√ľssig und Betriebe, die umweltpolitisch bedenklich sind, k√∂nnten ohne gravierende Kaufkraftverluste bef√ľrchten zu m√ľssen, geschlossen werden. Entbunden der Sorge um die t√§gliche Lebenshaltung w√§ren f√ľr die Menschen viel gr√∂√üere Spielr√§ume gegeben, etwa Wissenschaft oder Kunst zu betreiben, sich politisch zu bet√§tigen oder sich humanit√§ren bzw. idealen Besch√§ftigungen hinzugeben.[70]

Anstatt als ausgelaugte, von Zeitnot geplagte Zombies im Laufschritt umherzuhetzen, h√§tten die Menschen endlich die Chance, sich ausgeruht und energiegeladen in einem der wachsenden Non-ProfitSektoren einzubringen. Die St√§rkung einer postmaterialistisch ausgerichteten Gemeinwirtschaft, die sich nicht mehr nur nach sichtbaren √∂konomischen Ergebnissen wie etwa Gewinnen misst, k√∂nnte dazu f√ľhren, dass die Integrationsleistung der Gesellschaft insgesamt erh√∂ht wird (Selbsthilfeaktionen, Pflege von Behinderten, Generationensolidarit√§t, Nachbarschaftshilfe). Die in der Bl√ľteperiode des industrielltechnischen Zeitalters von Max Stirner entwickelte Idee des "Vereins" als Assoziation der "Eigenen", der eine echte Begegnung zwischen authentisch handelnden Personen m√∂glich machen sollte, h√§tte endlich seine Chance auf Verwirklichung.


Anmerkungen:                                                                                                       
[√úbersicht]

[01] Heinz von Foerster, Wahrheit ist die Erfindung eines L√ľgners. Gespr√§che f√ľr Skeptiker, Heidelberg 2001, S. 36.
[02] Hans Lenk, ¬ęTechnokratie¬Ľ als gesellschaftskritisches Klischee, in: Hans Lenk (Hg.), Technokratie als Ideologie. Sozialphilosophische Beitr√§ge zu einem politischen Dilemma, Stuttgart-Berlin-K√∂ln-Mainz 1973, S. 14.
[03] G√ľnter Ropohl, Zur Technokratie-Diskussion in der Bundesrepublik Deutschland, in: Hans Lenk (Hg.), Technokratie als Ideologie. Sozialphilosophische Beitr√§ge zu einem politischen Dilemma, Stuttgart-Berlin-K√∂ln-Mainz 1973, S. 75.
[04] Hans Freyer, Einleitung in die Soziologie, Leipzig 1931, S. 94, zitiert in: Gerd Hortleder, Das Gesellschaftsbild des Ingenieurs. Zum politischen Verhalten der technischen Intelligenz in Deutschland, Frankfurt/M 1970, S. 98.
[05] Werner Rammert, Technisierung und Medien in Sozialsystemen ‚Äď Ann√§herungen an eine soziologische Theorie der Technik, in: Peter Weingart (Hg.), Technik als sozialer Proze√ü, Frankfurt/M 1989, S. 164.
[06] James Burnham, Das Regime der Manager, Stuttgart 1951, Sn. 327 und 121.
[07] Walther Rathenau, Zur Mechanik des Geistes oder vom Reich der Seele, Berlin 1913. Beachte auch: Eva-Maria Demuth, Walther Rathenau. Ein Portrait, in: Anno. Magazin f√ľr Unternehmensgeschichte, Nr.1 /1993
[08] Walther Rathenau, Zur Kritik der Zeit, Berlin 1912, zitiert in: Harry Kessler, Walther Rathenau. Sein Leben und sein Werk, Frankfurt/M 1988, S. 95
[09] Walther Rathenau, Physiologie der Geschäfte, Zukunft (1901), zitiert in: Kessler 1988, S. 44
[10] Thomas P. Hughes, Walther Rathenau: "system builder", in: Thomas P. Hughes (u. a.), Mann vieler Eigenschaften. Walther Rathenau und die Kultur der Moderne, Berlin 1990, S. 16. Als Quelle gibt Hughes an: W. Hartenau (W. Rathenau), Die Resurrection Co., in: Die Zukunft VI, 9. Juli 1918, S. 72-78.
[11] Thorstein Veblen, The Engineer and the Price System, New York 1921
[12] Julius Werner, Wissenschaft und Technokratie, in: Technokratie Heft 2, Br√ľnn-Prag-Leipzig-Wien 1933, S. 11.
[13] Gisela Klein, The Technocrats. R√ľckblick auf die Technokratie-Bewegung in den USA, in: Hans Lenk (Hg.), Technokratie als Ideologie. Sozialphilosophische Beitr√§ge zu einem politischen
Dilemma, Stuttgart-Berlin-Köln-Mainz 1973, S. 47.
[14] "Technokratie als Religion." In: Der √Ėsterreichische Volkswirt, 25. Jg., Nr. 21 vom 18. Februar 1933, S. 480.
[15] Julius Werner, Wissenschaft und Technokratie, in: Technokratie Heft 2, Br√ľnn-Prag-Leipzig-Wien 1933, S. 98.
[16] Julius Werner, Wissenschaft und Technokratie, in: Technokratie Heft 2, Br√ľnn-Prag-Leipzig-Wien 1933, Sn. 27 und 30.
[17] Julius Werner, Wissenschaft und Technokratie, in: Technokratie Heft 2, Br√ľnn-Prag-Leipzig-Wien 1933, S. 9.
[18] Ropohl in Lenk 1973, S. 59.
[19] Klein in Lenk 1973, S. 51.
[20] Julius Werner, Wirtschaftsform und Technokratie, in: Technokratie Heft 3, Br√ľnn-Prag-Leipzig-Wien 1933, S. 89.
[21] Julius Werner, Wissenschaft und Technokratie, in: Technokratie Heft 2, Br√ľnn-Prag-Leipzig-Wien 1933, S. 13; Julius Werner, Wirtschaftsform und Technokratie, in: Technokratie Heft 3, Br√ľnn-Prag-Leipzig-Wien 1933, S. 25; Julius Werner, Technokratie. Aufruf an die wissenschaftliche Intelligenz, in: Technokratie Heft 1, Br√ľnn-Prag-Leipzig-Wien 1933, S. 49.
[22] Julius Werner, Wirtschaftsform und Technokratie, in: Technokratie Heft 3, Br√ľnn-Prag-Leipzig-Wien 1933, S. 21.
[23] Julius Werner, Wirtschaftsform und Technokratie, in: Technokratie Heft 3, Br√ľnn-Prag-Leipzig-Wien 1933, S. 29.
[24] "Technokratie als Religion." In: Der √Ėsterreichische Volkswirt, 25. Jg., Nr. 21 vom 18. Febr. 1933, S. 480. Beachte auch: "Technokratie." In: Der √Ėsterreichische Volkswirt, 25. Jg., Nr. 17 vom 21. J√§nner 1933, S. 384.
[25] Klein in Lenk 1973, S. 57.
[26] Burnham 1951, S. 200.
[27] Heinz H√ľlsmann im Gespr√§ch mit Rainer Alisch: Rainer Alisch, Heidegger, Technologie und Faschismus ‚Äď Heinz H√ľlsmann im Gespr√§ch mit Rainer Alisch, in: Walter Blumberger und Dietmar Nemeth (Hg.), Der Technologische Imperativ. Philosophische und gesellschaftliche Orte der Technologischen Formation, Wien- M√ľnchen 1992,  S. 100.
[28] Gerhard Senft, Tyrannei und Modernisierung. Der techno-√∂konomische Wandel im Dritten Reich, in: √Ėsterreichische Gesellschaft f√ľr kritische Geographie (Hg.), Auf in die Moderne! √Ėsterreich vom Faschismus bis zum EU-Beitritt, Wien 1996, S. 54 ff.
[29] Walter Hildebrandt, Die industrielle F√ľhrungsschicht in der Sowjetunion und ihre Organisationsprobleme, in: Ernst Wolf Mommsen (Hg.), Elitebildung in der Wirtschaft, Darmstadt 1955, S. 202ff.
[30] J√ľrgen Habermas, Technik und Wissenschaft als "Ideologie", Frankfurt/M 1968, S. 83.
[31] Habermas 1968, S. 92.
[32] Habermas 1968, S. 100.
[33] Die Arbeiten des vor kurzem verstorbenen Ernst Topitsch d√ľrfen noch immer als erste Anlaufstelle im Bereich der Ideologie-Forschung eingestuft werden. Ernst Topitsch, Sozialphilosophie zwischen Ideologie und Wissenschaft, Neuwied 1966, S. 22.
[34] Heiner Hastedt, Aufklärung und Technik. Grundprobleme einer Ethik der Technik, Frankfurt/M 1994, S. 188.
[35] Gunter Gebauer, Der Mythos der Technokratie und seine Realität, in: Hans Lenk (Hg.), Technokratie als Ideologie. Sozialphilosophische Beiträge zu einem politischen Dilemma, Stuttgart-Berlin-Köln-Mainz 1973, S. 87.
[36] Hortleder 1970, S. 106.
[37] Helmut Schelsky, Der Mensch in der technischen Zivilisation, in: Helmut Schelsky, Auf der Suche nach Wirklichkeit, M√ľnchen 1961.
[38] Helmut Schelsky zitiert nach Habermas 1968, S. 116.
[39] Ropohl in Lenk 1973, S. 65.
[40] Otto Ullrich, Technik und Herrschaft. Vom Handwerk zur verdinglichten Blockstruktur industrieller Produktion, Frankfurt/M 1979, S. 40.
[41] Hortleder 1970, S. 105 f.
[42] Ernst Kotzmann, Zwischen Geist und Maschine. Mathematik in der Technologischen Formation, in: Walter Blumberger und Dietmar Nemeth (Hg.), Der Technologische Imperativ. Philosophische und gesellschaftliche Orte der Technologischen Formation, Wien-M√ľnchen 1992, S. 204 f.
[43] Vgl. die sogenannten "3 M" nach REFA (= Reichsausschuss f√ľr Arbeitszeitermittlung): Mensch ‚Äď Maschine ‚Äď Material
[44] Richard Sennett zitiert im Folder zu den Wiener Vorlesungen, Wiener Rathaus am 14. November 2002.
[45] Walter Blumberger, Szientifizierung und Flexibilisierung: Das Arbeitsverm√∂gen als Ort der technologischen Formation, in: Walter Blumberger und Dietmar Nemeth (Hg.), Der Technologische Imperativ. Philosophische und gesellschaftliche Orte der Technologischen Formation, Wien-M√ľnchen 1992, S. 223.
[46] Ullrich 1979, S. 52.
[47] Ullrich 1979, S. 125.
[48] Leopold Kohr, Das Ende der Großen, Wien 1986.
[49] Hans Jonas, Das Prinzip Verantwortung, Frankfurt/M 1984, S. 294.
[50] Fritjof Capra, Wendezeit ‚Äď Bausteine f√ľr ein neues Weltbild, Bern-M√ľnchen-Wien 1983. Vor kurzem hat Capra ein weiteres umfangreiches Werk vorgelegt: Fritjof Capra, Verborgene Zusammenh√§nge, Bern-M√ľnchen-Wien 2002.
[51] Hastedt 1994, S. 159.
[52] Rolf Peter Sieferle, Fortschrittsfeinde? Opposition gegen Technik und Industrie von der Romantik bis zur Gegenwart, M√ľnchen 1984, S. 231.
[53] Rudolf Bahro, Logik der Rettung, Stuttgart-Wien 1987, S. 314.
[54] Fritjof Capra im Interview mit Michael Haller und Harald Wiese, in: Der Spiegel Nr. 10, 1984, S. 187 ff.
[55] Kongress-Papier "Ganzheitliches Management" aufgearbeitet in: Gerhard Senft, Gesichter der Esoterik. Ein Streifzug durch das Reich des Irrationalismus, Wien 1992, S. 46.
[56] Marylin Ferguson zitiert in: Roman Schweidlenka, Altes bl√ľht aus den Ruinen. New Age und neues Bewu√ütsein, Wien 1989, S. 117.
[57] Der Begriff der libertären Demokratie ist entlehnt von Ulrich Rödel. Ulrich Rödel (Hg.), Autonome Gesellschaft und libertäre Demokratie, Frankfurt/M 1990
[58] Gebauer in Lenk 1973, S. 91.
[59] Max Stirner, Der Einzige und sein Eigentum, Freiburg/Br. 1986
[60] Herbert Spencer, The Man versus The State: A Classic Statement of the Case for Individual Liberty, London 1945 (Erstausgabe 1888).
[61] Piotr A. Kropotkin, Gegenseitige Hilfe in der Entwicklung, Leipzig 1904.
[62] Alexander R√ľstow, Kritik des technischen Fortschritts, in: Ordo Nr. 4, 1951, S. 373 ff.
[63] Pierre Ramus, Die Neuschöpfung der Gesellschaft, Wien 1921
[64] Dieter Suhr, Alterndes Geld, Schaffhausen 1988.
[65] Lewis Mumford, Mythos der Maschine. Kultur, Technik und Macht, Wien 1974, Sn. 315, 409, 524 und 528.
[66] Lutz Roemheld und Gerhard Senft (Hg.), Pierre-Joseph Proudhon, System der √∂konomischen Widerspr√ľche oder: Philosophie des Elends, Berlin 2003.
[67] Silvio Gesell, Die Nat√ľrliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld (1920), in: Gesammelte Werke Band 11, L√ľtjenburg 1991.
[68] Etwa zur Zeit Gesells traten die √Ėsterreicher Josef Popper-Lynkeus und Pierre Ramus f√ľr eine Grundversorgung f√ľr die gesamte Bev√∂lkerung ein. Popper-Lynkeus wollte dieses "basic
income" aus dem allgemeinen Staatshaushalt, Ramus aus einem selbstverwalteten Sozialversicherungsfonds finanziert wissen. Josef Popper-Lynkeus, Die allgemeine Nährpflicht als Lösung der sozialen Frage, Dresden 1912. Gerhard Senft (Hg.), Pierre Ramus, Erkenntnis und Befreiung. Konturen einer libertären Sozialverfassung, Wien 2000, S. 122 ff.
[69] G√ľnther Witzany, Gr√∂√üenwahn ‚Äď Geschwindigkeitsrausch ‚Äď Vereinigungsfieber. Texte zum Ende der Fortschrittsreligionen, Salzburg 1992, S. 36.
[70] Witzany 1992, S. 36. August Schorsch (Hg.), Des Ingenieurs Josef Popper allgemeine N√§hrpflicht als n√∂tige Institution f√ľr die Computer-Gesellschaft, D√ľsseldorf 1986, S. 184. Friedrich F. Brezina, Gesellschaft ohne Armut. Zur Erinnerung an Josef Popper-Lynkeus, Wien 1996
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